Von Marcel Pott

Teheran, im August

Eigentlich könnte Said ganz zufrieden sein. Er mit ein eigenes Auto, eine Wohnung und ein festes Einkommen. Aber Said stöhnt. „Wir sind den Krieg und diese Regierung satt“, sagt er resigniert. Er zuckt die Schultern und macht deutlich, daß er sich mit der Situation abgefunden hat. Saids Haltung ist wenig verwunderlich; denn ihm hat die islamische Revolution keine Vorteile beschert. Aber spricht aus Said auch Volkes Stimme? Man darf es bezweifeln.

Was denken die „Unterdrückten und Entrechteten“, in denen Ajatollah Chomeini und seine Mullahs ihre Gemeinde sehen? Sie zählen Millionen, kaum des Lesens und Schreibens kundig, begreifen die Welt allein aus dem Gefühl heraus. Für sie ist der schiitische Islam der einzige Wegweiser und die einzige Hoffnung. Das irdische Dasein – so predigt ihnen der Imam (Chomeini) – ist nur eine „Durchgangsstation zum Jenseits“. Das Wort Chomeinis begreifen sie als Gesetz. Viele Iraner sind trostlos arm. Der Gedanke, das traurige Los aus eigener Kraft verbessern zu können, ist ihnen fremd. Der einzelne zählt nichts im Angesicht Gottes. In seiner Hand liegt ihr Schicksal, also ertragen sie es. Die Schiiten glauben, daß jeder, der sein Leben für die islamische Sache opfert, unverzüglich die Freuden des Paradieses genießen darf: Ihr Opfermut hat also einen sehr profanen Kern.

Fast zwei Drittel des iranischen Volkes gehören zur Unterschicht. Wie weit geht die Leidensfähigkeit dieser Menschen? Wie lange noch sind sie bereit, den hohen Blutzoll für den „Heiligen Krieg“ zu entrichten? Die Lage in Teheran hat sich seit dem vergangenen Jahr verschlechtert. Die Versorgung ist problematischer geworden. Vieles ist rationiert, die Liste der rationierten Nahrungsmittel und Gebrauchsgüter ist lang. Reis, Fleisch, Eier, Kochfett und Waschpulver sind für den kleinen Mann nur auf Bezugschein zu haben. Importierte Butter hingegen gibt es auf dem freien Markt. Freies Benzin ist ebenfalls erhältlich, allerdings kostet es den doppelten Preis. Fleisch und Geflügel werden schwarz gehandelt, sind also entsprechend teuer.

Etwa ein Viertel aller Iraner im arbeitsfähigen Alter ist arbeitslos. Die Inflationsrate liegt inzwischen bei 37 Prozent. Das Land steckt in einer tiefen Wirtschaftskrise. Im Privatsektor halten nur 20 Prozent der Firmen aus. Trotz fehlender Ersatzteile, Halbfertigwaren und Rohstoffe darf kein Betrieb schließen. Die Beschäftigten müssen voll bezahlt werden, auch wenn die Produktion stillsteht. Als Ausweg bleibt nur die Kurzarbeit. Es mangelt an Geld und an Devisen.

Die islamische Republik ist ökonomisch ebenso vom Öl abhängig, wie es der Schah war. Zwar bemüht man sich jetzt um andere Produktionsbereiche, aber unverändert ist der Iran sehr stark auf Importe angewiesen, die nur mit harter Währung bezahlt werden können. Ausländische Experten erwarten für 1987 Deviseneinnahmen von zirka sieben Milliarden Dollar. Allein die Kriegskosten werden vier Milliarden betragen. Mit dem restlichen Geld werden Versorgungsgüter für die Bevölkerung und Medikamente finanziert. So bleibt die Industrie auf der Strecke.