Als der Prophet Mohammed im Jahre 632 starb, war ungeklärt, wer künftig die islamische Gemeinschaft führen sollte. Ein Teil der Gläubigen – wohl eine Minderheit – betrachtete Ali, den Vetter und Schwiegersohn des Propheten, als seinen einzig legitimen Erben. Die Anhänger Alis nannten sich „Schiat Ali“, Partei Alis, und später „Schia“ schlechthin. Der Prophet, so behaupteten sie, hätte Ali im letzten Jahr seines Lebens bei der Rückkehr von Mekka durch persönliches Legat als Imam, als geistliches und theokratisches Oberhaupt, eingesetzt.

In den 24 Jahren, in denen sich der Islam über die persischen und byzantinischen Reiche ausbreitete, bekleideten nacheinander aber erst einmal drei andere Kampfgenossen von Mohammed diese höchste Würde. Erst als Osman, der dritte von ihnen, ermordet wurde, kam Ali an die Macht. Seine fünfjährige Herrschaft, die für die Schiiten als strahlendes Vorbild weiser Staatsführung gilt, war freilich von blutigen Machtkämpfen begleitet. Die Feinde Alis, Anhänger des ermordeten Kalifen Osman, sammelten sich in Damaskus um Moawiya, den Statthalter von Syrien.

Im Sommer 657 kam es in der Ebene von Siffin, am Westufer des Euphrat, zur Schlacht zwischen den beiden Kontrahenten. Sie sollte für das weitere Schicksal der islamischen Welt entscheidend sein. Moawiya erwies sich aufgrund seines souveränen politischen Kalküls als Herr der Lage. Als sich der Kampf zugunsten Alis neigte, ließ er seine Soldaten Koranblätter auf ihre Lanzen spießen: Man solle doch den Bruderkampf beenden und die Entscheidung einem Schiedsgericht anvertrauen. Der Vertreter Alis im Schiedsgericht, ein Mann mit frommem Herzen und schlichtem Gemüt, ließ sich zum Vorschlag überreden, sowohl Ali als auch Moawiya als für das Kalifenamt unwürdig zu erklären, da sie am vergossenen Blut der Gläubigen schuld seien.

Kaum war das Urteil verkündet, huldigten die syrischen Truppen Moawiya als ihrem neuen Kalifen. Damit war das erste Schisma des Islam besiegelt: hier Alis Anhänger, die Schiiten; da die Gefolgschaft von Moawiya, die Vorgänger der späteren Sunniten.

Empört über den syrischen Betrug eilte Ali in die mesopotamische Stadt Kufa, um sich für eine neue Schlacht zu rüsten. Dazu sollte es jedoch nicht mehr kommen: Im Morgengrauen des 19. Ramadan des Jahres 661 christlicher Zeitrechnung lauerte ihm ein Charidjit in der Moschee von Kufa auf und tötete ihn mit einem vergifteten Schwert. Charidjiten, die „Ausgezogenen“, nannte man jene fundamentalistischen Eiferer, die zuerst an der Seite Alis standen, sich aber nach der Schlacht von Siffin von ihm getrennt hatten.

Nach Alis Ermordung wurden seine beiden Söhne Hassan und Hossein nacheinander Führer der schiitischen Gemeinde. Hassan, der ältere, verzichtete auf seine Ansprüche und wurde dafür von den Omayaden mit mehreren Millionen Drachmen belohnt. Hossein hingegen weigerte sich, die Herrschaft des Omayaden Yazid, der inzwischen seinem Vater Moawiya auf den syrischen Thron gefolgt war, anzuerkennen.

Im Jahre 680 kam es zwischen Hossein und dem Heer von Yazid in der Ebene von Kerbela im heutigen Irak zu einem höchst ungleichen Kampf. Nach der Überlieferung verfügte Hossein über nur 72 Waffenträger, das Omayadenheer bestand aus einigen tausend Männern. Am Aschura, dem 10. Tag des islamischen Monats Moharram, wurden Hossein und seine Kämpfer einer nach dem anderen niedergemacht. Der Leichnam Hosseins wies 33 Lanzenstiche und 22 Schwerthiebe auf. Den Soldaten wurde befohlen, über den geschundenen Leib des Gefallenen zu reiten.