/ Von Cordt Schnibben

Lange bevor das weiße Schiff am Horizont zu sehen ist, stehen die Begrüßungstischchen am Kai. Aufgeregt tragen die Zollbeamten sie vor und zurück, die Männer der Touristenbehörde schleppen ihnen die Sonnenschirme hinterher, die den Beamten später Schatten spenden sollen. Junge Frauen in bodenlangen, geschlitzten Ao Dais folgen kichernd den Männern in den dunklen Anzügen, die den Uniformierten folgen, die den Tischen folgen.

Kaum stehen die Holzbeine am neuen Platz, tippeln die Frauen heran und schließen ihre bunte Reihe hinter dem Rücken der Offiziellen. In ihren Armen liegen dicke Blumensträuße, die sie fürsorglich zurechtzupfen, wenn sie nicht gerade tuscheln oder über die Schulter russischen Matrosen abschätzende Blicke zuwerfen. Die Seeleute starren von ihrem rostigen Frachter entgeistert auf das merkwürdige Schauspiel unten am Kai.

Als schließlich das schneeweiße Schiff in der Ferne auftaucht, erhöht sich die Geschwindigkeit des Tischerückens beachtlich, so daß die lang herunterhängenden, leuchtendweißen Decken immer schneller über den öligen Grund, der sonst nur Maschinen, Schrott und Kohle zu ertragen hat, geschleift werden. Kurz bevor der Dampfer festmacht, reißt eine der Frauen kopfschüttelnd die Laken mit den breiten, schwarz-schmierigen Rändern herunter und stopft sie in einen der bereitstehenden Busse.

Willkommen in Vietnam! Doch keiner kommt. Die Gangway ist heruntergelassen, aber nichts rührt sich auf dem schnittigen Passagierschiff. Die Kreuzfahrer, so hören die Empfangskompanien, säßen beim Frühstück, und das dauere mindestens noch eine Stunde. Enttäuscht lassen die Frauen ihre Blumen sinken, erleichtert gehen die Zollbeamten in Rührt-Euch-Stellung, aufgeregt erörtern die Männer in den schwarzen Anzügen die neue Lage, die sich auf den zweiten Blick als undramatisch erweist. Fest vertäut liegt die Vorhut der westdeutschen Touristenmassen am Kai, die erste Pioniereinheit einer langersehnten Invasion hat Danang erreicht, irgendwann werden die lieben Fremden schon noch den letzten Schritt tun.

Als sie dann kommen, kommen sie viel zu schnell. An den Tischen und Sonnenschirmen entlang hasten sie auf die Busse zu, ohne das Spalier der lächelnden Blumendamen zu beachten. Wenn man schon mal in Vietnam ist, möchte man schließlich einen Fensterplatz ergattern. Die Frauen in den Ao Dais stürzen ihnen nach und plazieren sich entschlossen vor den Bustüren, um ihren Willkommensgruß noch loszuwerden.

Wo die „Helgoland“ lag