Die Geschichte einer merkwürdigen Symbiose im Spandauer Gefängnis

Von Gerhard Spörl

Es war März 1977 und Nummer sieben sollte einen neuen Seelsorger bekommen. Nach der gewohnten Arbeitsteilung waren In Spandau dafür die Franzosen zuständig. Bei einem Diner begutachteten die vier alliierten Gefängniskommandanten den neuen Pastor und brachten ihm die herrschenden Regeln und Bedingungen nahe: Rudolf Heß nicht per Handschlag begrüßen; keinen Kontakt mit seiner Familie; nichts ins Gefängnis hineinschmuggeln, nichts herausschmuggeln. Der schmale, drahtige Mann mit den melancholischen Augen nahm die Spandauer Gebote gebührend zur Kenntnis.

Der französische Kommandant führte Père Charles Gabel zu seinem Schäfchen. Heß spazierte im großen Garten umher, den Albert Speer ein Vierteljahrhundert zuvor pedantisch angelegt hatte. „Heß wirkte noch nicht wie ein Greis“, erinnert sich der Pastor, „er war ein alter Mann, aber er hielt sich aufrecht, obwohl er erst drei Wochen zuvor versucht hatte, Selbstmord zu begehen.“ Es war der insgesamt sechste Selbstmordversuch. „Die großen, breiten Augen, die buschigen Brauen, das viereckige Gesicht: Er war nicht zu verkennen.“

Der Seelsorger wollte Heß zur Begrüßung die Hand reichen. Sein künftiger Schützling hielt überrascht die Hände hinter dem Rücken versteckt. Ungewollt verstieß der französische Pastor gleich bei der ersten Begegnung gegen alliiertes Gebot. Alsbald setzte er sich aus Überzeugung immer wieder und immer mehr darüber hinweg.

Neuneinhalb Jahre lang besuchte Charles Gabel den rätselvollen alten Mann jeweils am Mittwoch um 14 Uhr, zuerst für anderthalb Stunden, zuletzt für drei Stunden, weil selbst die russischen Wachen und Wärter mit den Jahren die Regeln lockerten. Die Briefe, die Heß schrieb, unterlagen strenger Zensur; aus den Zeitungen, die er lesen durfte, waren alle Artikel herausgeschnitten, die sich auch nur von ferne mit dem Nationalsozialismus und der Hitler-Zeit beschäftigten; die Familienbesuche fanden im Beisein der vier Kommandanten und ihrer Dolmetscher statt. Allein mit dem Pastor konnte Nummer sieben unzensiert, unbelauscht, unbeobachtet Umgang pflegen.

Anfangs war Gabel nur ein Seelsorger, wie er es nach der Spandauer Ordnung sein sollte; dann war er für Heß ein Mittler zwischen drinnen und draußen; schließlich fühlte er sich als Freund und Berater des Greises und verstieg sich dazu, sich seine Sache zu eigen zu machen.