Stuttgart

Um einen schlichten Granitblock in der Abteilung 15 des Stuttgarter Steinhaldenfeld-Friedhofes ist ein ungewöhnlicher Streit entbrannt. Auf dem Stein steht zu lesen: „Zum Gedenken an die Opfer des armenischen Volkes“ und die Übersetzung ins Armenische. 300 Armenier sind auf dem Friedhof begraben. Manche von ihnen waren vor der Massenverfolgung im Osmanischen Reich unter den Jungtürken von 1915 bis 1917 nach Stuttgart geflohen.

Monatelang zierten neben der deutschen Inschrift die verschnörkelten armenischen Buchstaben den Granitblock, bis im türkischen Generalkonsulat Empörung aufflackerte: Nicht „Opfer“ stehe in Armenisch auf dem Denkmal zu lesen, sondern „Völkermord“. Und den hat es nach Meinung der Türkei nie gegeben.

„Jeghern“ heißt das umstrittene armenische Wort, es hat an die 20 Bedeutungen: es kann „Schicksal“ oder „Tragödie“ heißen, „Massaker, Pogrom oder Völkermord“. Das Friedhofsamt verfügte nun – nachdem ein vereidigter Dolmetscher seine Übersetzung vorgelegt hatte –, daß der brisante armenische Text bis zum 31. August geändert werden muß. Das Wort „Völkermord“ sei nie genehmigt worden, moniert die Behörde in einem Schreiben an Grigor Minasian, Vorsitzender des Rats der Armenisch-Apostolischen Kirche in Baden-Württemberg. Zudem müsse die Stadt darauf achten, daß „durch die Inschriften auf Gedenksteinen keine Friedhofsbesucher oder Bevölkerungsgruppen in irgendeiner Weise verletzt werden könnten“. Bürgermeister Rolf Thieringer rechnet vor, daß von 100 000 Ausländern in Stuttgart 20 000 türkischer Nationalität seien. Die Armenier dagegen stellen eine winzige Minderheit – 3000 in ganz Baden-Württemberg.

Die historische Wahrheit oder ihr Leugnen – ein Rechenexempel? Die Behörden wollen vor allem Ruhe auf dem Friedhof: „Wir möchten keine Auseinandersetzungen“, sagt Thieringer, „das, was hinten in der Türkei passierte, muß nicht hier ausgetragen werden.“ Man wolle keinen armenischen Wallfahrtsort, kein zentral-europäisches Mahnmal, Politik gehöre nicht auf den Friedhof.

„Jeghern“, gibt der armenische Bischof Mesrob Krekorian in Wien zu, „kann viel heißen, beispielsweise Unglück, Katastrophe, Verbrechen.“ Für Genozid (Völkermord) aber werde in der wissenschaftlichen Diskussion ein anderes Wort verwendet: „Tzeghaspanutiun“ – Rassenmord. Er erinnert aber auch an die Resolution vom Juni 1987, in der das Europäische Parlament anerkennt, daß das armenische Volk 1915 bis 1917 Opfer eines Völkermordes war. „Warum dürfen die Juden ihr Unglück ausdrücken und wir nicht?“ fragt der Bischof.

Im Streit um die vieldeutige Vokabel ist kein Ende abzusehen. Denn die Armenier haben Widerspruch eingelegt und wollen vor Gericht gehen. Bei dieser Gelegenheit möchte Minasian zusätzlich das Wort „Völkermord“ für die deutsche Inschrift – und somit auch für die armenische – durchsetzen. Bürgermeister Thieringer, der das Problem diplomatisch und leise lösen will, stöhnt: „Ich möchte mich weder von den Armeniern noch von den Türken unter Druck setzen lassen. Sonst weiß ich nicht, ob ich den Stein des Anstoßes nicht doch entfernen lassen soll.“ Ruhe wird dann wohl nicht einkehren. Sibylle Thelen