The Golden Palominos: "Blast of Silence"

Rock-Eklektizismus, der als Stilprinzip funktionieren könnte, oder nur wohlfeiles Recycling großer Momente der Pop-Historie? Was diese lose Formation um den Multi-Instrumentalisten und Produzenten Anton Fier nun schon etliche Platten lang bietet, ist nicht die identifizierbare Arbeit einer Band, sondern mehr eine Art All-Star-projectin-progress, zu dem sich angelegentlich mehr oder minder illustre Namen – Stars wie Kult-Figuren, in der letzten Zeit unter anderem Carla Bley und die Gitarristen Richard Thompson und T-Bone Burnett, R. E. M.-Sänger Michael Stipe und die Bassisten Jack Bruce und Bill Laswell – als Sessionmusiker in einem New Yorker Studio einfinden, um Mr. Fier bei seinen Rückblicken auf die Rockmusik der späten sechziger und der frühen siebziger Jahre kompetent zu unterstützen. Den Tenor gibt diesmal Dennis Hopper an mit seinem "Out of the Blue" entlehnten Motto "A little older, a little more confused ..." Die musikalische Klammer bilden zwei Lowell George-Kompositionen von Little Feats Debütalbum, das von der cowpunk-Sängerin Syd Straw interpretierte "I’ve Been The One", wo "Sneaky" Pete Kleinow wieder einmal wie zu den besten Zeiten der Flying Burrito Brothers an der Pedal-Steel-Gitarre brilliert, und die Gospel-Rock-Nummer "Brides of Jesus", bei der sich dieselbe Sängerin vergeblich bemüht, dem atmosphärisch so dichten Original gerecht zu werden. Dazwischen finden sich als Hommage an alle möglichen Vorbilder Kompositionen, die das gewisse déjà-vu-Gefühl provozieren, Zitaten-Fundgruben für Pop-Quiz-Veranstaltungen, stilgerecht und nicht mal nostalgisch inszeniert. Das alles paßte allerdings beim voraufgegangenen Album "Visions of Excess" besser zusammen, insbesondere bei den drei von Michael Stipe interpretierten Songs. Hier wird man eher dazu animiert, sofort die Schallplatten der Originale aus dem Schrank zu holen und wieder zu spielen, allen voran die frühen Little-Feat-LPs und John Lennons "Imagine". Pop-Recycling funktioniert auch auf solch ehrgeizigem Niveau doch nur sehr bedingt. (Celluloid CEL 6127 D/Intercord Import Service) Franz Schüler

"Westbrook-Rossini"

In Lausanne hatte es 1984 ein Straßen-(Theater)-Festival gegeben, das Thema war: Wilhelm Teil. So geschah es, daß der englische Komponist, Pianist und Bandleader Mike Westbrook eingeladen wurde, etwas in Gestalt von Jazz dazu beizutragen. Und so geriet der als einfallsreich und ehrgeizig bekannte Jazzmusiker an Rossinis Oper "Wilhelm Tell" und bei dieser Gelegenheit auch an "Othello", den "Barbier von Sevilla" und "Die diebische Elster". Der Musikmaterialquell begann zu sprudeln, Westbrook und seine singende Frau Kate schöpften, was sie glaubten gebrauchen und verarbeiten zu können, stellten ein originelles Instrumentarium (mit Tuben, Posaune, Tenorhorn, Saxophonen, Pikkolo, Klavier, Schlagzeug und Frauenstimme) zusammen und machten sich an die Arbeit. So entstand eine teils witzige, teils kitschige, manchmal intelligente, manchmal auch banale Mixtur aus Zitat und Parodie, aus Gesang und Blasmusik, Oper und Jazz sowie jazzigem Bumstrara. Vom Meister Rossini bleibt oft wenig mehr als die Gewißheit, daß ihm dieses auch um Humor bemühte Ausplünderungsspiel nichts anhaben wird – es entstand ja nicht "Rossini als Jazz", sondern Jazz mit Hilfe Rossinis". Nun denn, es gibt neben der einen und anderen Platitüde auch außerordentlich originelle Partien. Die geistreichste unter den vier Schallplattenserien scheint mir die dritte zu sein: wo das Schlagzeug sich an die "diebische Elster" heranmacht und erst ein Saxophon, dann auch andere Instrumente herbeilockt; wo der wunderbare Tubist sich wirklich witzig über die Teil-Ouvertüre hermacht; wo das Ensemble sich erst wie ein Spielmannszug und dann mit leutseligem Pop-Kapellen-Trara eine Teil-Arie vornimmt und sich mit Rossini in einem schnellen Walzer dreht. Wer es mit Humor nimmt, den packt dieses bisweilen äußerst ambitionierte Spiel. (2 LPs; hat ART 2040 von Hat Hut Records, Box 461, CH-4106 Therwil)

Manfred Sack