/ Von Friedrich Leidinger

Die weißhaarige Frau hält die Handtasche umklammert, die lebhaften Augen wandern in dem niedrigen Raum umher, als suche sie einen der Besucher zu fragen, ob sie auch verstanden werde. Sie hat sich eben für ihr schlechtes Deutsch entschuldigt, doch nun verläßt sie ihre polnische Muttersprache: „Da war ein Kranker, der hatte hohes Fieber, und ich ging zu Renfranz und fragte, ob auch dieser Mann, der auf der Liste stand, verlegt werden mußte. Renfranz stand mir gegenüber am Fenster und sah hinaus. ‚Kann sein, daß er den Transport nicht überlebt, aber er muß fahren.‘ Da begriff ich den wirklichen Sinn der,Evakuierung‘. Ich weinte und schloß mich in mein Zimmer ein.“

Die alte Frau heißt Eugenia Kaleniewicz; von 1936 bis 1976 arbeitete sie als Ärztin im Psychiatrischen Krankenhaus des kleinen polnischen Städtchens Warta, unweit Lodz. Während sie innehält, um ihre Aufregung zu verbergen, liest Kazimierz Tomaszewski, heute Direktor des Krankenhauses, aus den Erinnerungen eines Krankenpflegers über die Ereignisse vom 31. März 1940: „Die Gestapo-Männer trieben uns an, die Patienten in zwei Lastwagen zu laden; es waren große dunkle Kastenwagen ohne Fenster mit der Aufschrift ,Kaiser’s-Kaffee-Geschäft‘. Wenn wir nicht schnell genug liefen, schlugen sie mit dem Gewehrkolben nach uns. Die Patienten hatten jämmerliche Angst und wehrten sich manchmal verzweifelt. Da schlugen die Nazis einen von ihnen halbtot und warfen seinen Körper in den Wagen. Andere beteten laut oder ließen sich wie apathisch wegführen. Wenn der Wagen mit 60 Patienten voll war, wurden die Türen fest verriegelt und der Fahrer ließ den Motor an.“

An diesem und den beiden folgenden Tagen wurden 499 Patienten der Anstalt Warta in Lkw geladen, deren Abgase ins Wageninnere geleitet wurden, und in einem nahegelegenen Wald in einem Massengrab verscharrt. Sie standen auf einer Liste, die der deutsche Psychiater Hans Renfranz angefertigt hatte. Er war von den Nationalsozialisten als neuer Anstaltsleiter eingesetzt worden. Behilflich bei der Selektion der Todeskandidaten war ihm der Breslauer Gynäkologe Fritz Lemberger, Reisender in Sachen Euthanasie.

Nur wenige Wochen später kamen die ersten Patiententransporte aus dem „Altreich“; bis Kriegsende waren es über 6000, die hier in Warta meistens an Auszehrung und Hunger starben.

Die Besucher steigen in ihren Bus und fahren schweigend zu der kleinen Lichtung im Wald ... Seit vier Tagen sind sie unterwegs, 27 Mitarbeiter psychiatrischer Einrichtungen aus der Bundesrepublik, Krankenschwestern, Psychologen, Sozialarbeiter, Ärzte, viele von ihnen Mitarbeiter in einem Arbeitskreis zur Erforschung der NS-Medizin, der sich einmal jährlich trifft. Auch der Leiter des Gütersloher Landeskrankenhauses Klaus Dörner ist dabei; das von ihm mitherausgegebene Buch „Der Krieg gegen die psychisch Kranken“ rief die seit den fünfziger Jahren verdrängten Fakten in Erinnerung.

Am 1. September 1939 fiel die deutsche Wehrmacht in Polen ein – Beginn ihres Vernichtungskriegs im Osten, der über 50 Millionen Menschenleben kosten sollte. Der Erlaß der Euthanasie-Gesetze trägt die Unterschrift Adolf Hitlers und das (nachträglich vermerkte) Datum 1. September 1939. Über 250 000 Kranke und Behinderte verloren ihr Leben.