Von Rudolf Walter Leonhardt

Unter den bedeutenden Operntheatern der Welt hat Salzburg sowohl das größte wie das kleinste. Das größte – wenn es denn erlaubt ist, die Bühnen des Kleinen und des Großen Festspielhauses sowie der Felsenreitschule zusammenzuzählen – wird wegen seiner Kunst gerühmt, wegen seiner Aufwendigkeit getadelt. Das kleinste, das Salzburger Marionettentheater, wird wegen seines Mangels an Aufwendigkeit nicht -gerühmt, sondern zu wenig zur Kenntnis genommen. Während es so gut wie unmöglich ist, nach Beginn der Festspiele für die "Große Oper" noch einen Platz zu bekommen, bleiben an manchen Abenden von den 337 Plätzen der "Kleinen Oper" einige frei.

Zwar hat es sich unter Kennern längst herumgesprochen, daß eine Aufführung im Puppentheater hörenswerter sein kann als im Menschentheater. Andere jedoch sind so erstaunt, wie Kleist es gewesen zu sein vorgab, einen Freund der Oper "in einem Marionettentheater zu finden, das auf dem Markt zusammengezimmert worden ward und den Pöbel durch kleine dramatische Burlesken, mit Gesang und Tanz durchwebt, belustigte". Sie sollten nachlesen, was der "erste Tänzer der Oper", "in M...", dazu in Kleists Aufsatz "Über das Marionettentheater" zu sagen hat.

Hier zu ergänzen wäre zunächst, daß die Salzburger natürlich nicht mehr im Zeitalter von Storms "Pole Poppenspäler" und seiner Lisei leben. Von "auf dem Markte zusammengezimmert" kann nicht die Rede mehr sein, sondern aus dem Speisesaal eines früheren Luxushotels sind zwischen Landestheater und Mozarteum eine Bühne und ein Auditorium entstanden, die an schöner Intimität kaum ihresgleichen finden. Auch werden dort nicht "kleine Burlesken" gespielt, sondern eben Mozart-Opern, deren musikalische Aufführungsqualität seit der Verwendung von Tonbändern schwerlich zu überbieten ist.

Was schließlich den "Pöbel" anlangt, so bedauern es ja Musikliebhaber seit langem, daß es so mühsam ist, teure Opernproduktionen einem größeren Publikum zugänglich zu machen. Es gibt den heimischen Plattenspieler; es gibt zaghafte Anfänge im Fernsehen; und José Carreras bestand im Mai dieses Jahres darauf, daß "Turandot" mit ihm aus der Covent Garden Oper mit Hilfe von riesigen Bildschirmen und Lautsprechern nach draußen ins Freie übertragen wurde, wo die Londoner und Londontouristen zu Tausenden sich versammelt hatten.

Bei all diesen Lösungen geht es nicht ab ohne Reduktionen, ohne Verzicht. Irgend etwas fehlt immer. Weder eine Schallplatte, und sei sie auch "compact", noch ein Fernsehapparat noch eine adhoc-Projektion ins Freie vermittelt alles, was eine Oper sein kann und sein soll. Ohne Reduktionen geht es auch bei der Marionetten-Oper nicht ab. Es will mir jedoch erscheinen, daß dort die Reduktionen kompensiert werden.

Kleist jedenfalls, oder sein "erster Tänzer", hat es so gesehen. Er findet bei den Puppen, was er "Grazie" und "Anmut" nennt und darauf zurückführt, daß bei ihnen der Schwerpunkt des Bewußtseins mit dem Schwerpunkt der Bewegung zusammenfällt. Sein beschränktes Bewußtsein macht den Menschen (den Tänzer, den Sänger) ungraziös, was sich als Ziererei äußern kann und als Eitelkeit. Im Original: "Wir sehen, daß in dem Maße, als, in der organischen Welt, die Reflexion dunkler und schwächer wird, die Grazie darin immer strahlender und herrschender hervortritt... so findet sich auch, wenn die Erkenntnis gleichsam durch ein Unendliches gegangen ist, die Grazie wieder ein; so, daß sie, zu gleicher Zeit, in demjenigen menschlichen Körperbau am reinsten erscheint, der entweder gar keins oder ein unendliches Bewußtsein hat, das heißt in dem Gliedermann, oder in dem Gott."