Was zum höheren Lob des Herrn gesungen wird, klingt meist falsch

Gesang und gebet - seit jeher sind sie die Stützpfeiler des Dienstes an Gott. Droht einer dieser Pfeiler nun ins Wanken zu geraten? Ausgerechnet ein Kirchenmusiker schickte sich nämlich unlängst an, daran zu rütteln. Thomas Drescher führte in einer der letzten Ausgaben der Kirchenmusikalischen Mitteilungen heftig Klage über das unrhythmische Singen in Gottesdiensten. Viele Gottesdienstbesucher, so haderte er, sängen "langsam, zäh und schwerfällig".

Der Unmut des Kirchenmusikers kann zunächst ungerechtfertigt herb erscheinen. Wem es um weltliche Werte, um sinnlich-musikalischen Genuß geht, der gehört in den Konzertsaal, nicht in die Kirche. Hier ist doch wohl zuerst Inbrunst am Platze statt Intonation, Andacht statt Ästhetik, Weihrauch statt Wohlklang. Der Fromme ist zwar gehalten, viele Tugenden anzustreben, aber gehört dazu auch die Musikalität? Dem Kirchenmusiker Drescher kann der Vorwurf nicht erspart bleiben, es an christlicher Milde und Nachsicht fehlen zu lassen.

Andersherum betrachtet allerdings schleicht sich dann doch wieder so etwas wie Verständnis für den leidenden Musiker ein. Wie ist es denn um die Andacht derjenigen Kirchenbesucher bestellt, die rein zufällig mit musikalischer Sensibilität geschlagen sind? Wer einmal miterlebt hat, wie "Ein feste Burg..." sich, taktlos intoniert, auf wackelndem musikalischem Fundament schwankend zur Kirchenkuppel erhebt, mag mitunter ketzerischen Zweifeln an der Festigkeit der Burg ausgesetzt sein. Wem es gelingt, alle fünfzehn Strophen des schönen Liedes "Geh aus, mein Herz..." bei stetig versickerndem Tempo bis zum Ende durchzuhalten, dem kann sich ansatzweise die Dimension von Ewigkeit öffnen. Solchen musikalischen Opfern läßt sich oft nur mit transzendentalem Trost begegnen: "Unaussprechlich schön singet Gottes auserwählte Schar; / heilig heilig heilig! klingt in dem Himmel immerdar. / Welt, bei dir ist Spott und Hohn / und ein steter Jammerton."

Dem Musiker Drescher (und anderen sensiblen Seelen) muß es also vielleicht nachgesehen werden, wenn ihn der stete Jammerton um die Andacht bringt. Nur – und das stimmt bedenklich: Auf der Suche nach den Schuldigen verbeißt er sich endgültig in ein altes böses Vorurteil. Schuld an der Unbekömmlichkeit des sonntäglichen Kirchengesangs seien keineswegs in erster Linie die minderbegabten Laien, sondern die Organisten, "die Anführer des Gesangs", bei denen zum Beispiel meist "das gewissenhafte Einhalten, des gedruckten Notenbildes noch nicht die Regel" sei. Nun sind Organisten seit jeher die wohlfeilen Opfer gänzlich unchristlichen Spotts. Balgtreter schimpfte man sie, als Windmacher oder Windhunde wurden sie verhöhnt, gar als geistliche Herrgottwindmacher diffamiert.

Bis heute schlägt sich diese Mißachtung im Musiker-Rotwelsch nieder. Kraftwerk wird sie genannt, gelegentlich auch Preßluftpumpe oder, besonders bösartig: Psalmenpumpe. Und, wie gesagt, auch die Organisten bekamen ihr Fett weg, wie etwa eine alte Grabinschrift kündet: "Hier ruhet unser Organist Franz Krug, / der Orgel, Weib und Kinder schlug. / Er lobte Gott zu allen Stunden, / der Stein liegt oben, er liegt unten."

Anders als früher ist die Orgel heute ein hochgezüchtetes Musikinstrument, mit dem sehr professionell umgegangen werden muß. Doch im sonntäglichen Kirchenalltag wird auch musikalischen Gourmets wie Thomas Drescher nichts anderes übrigbleiben, als in Zukunft einfach nicht mehr so genau hinzuhören auf das, was sich auf der Empore so alles abspielt. "Dem Reinen ist alles rein", schrieb Paulus an Titus.

Sabine Etzold