Von Thomas Hanke

Kann es etwas Überflüssigeres in der von Milchüberschüssen geplagten Europäischen Gemeinschaft (EG) geben als ein Mittel zur massiven Steigerung der Produktion? Das ist keine theoretische Frage. Denn vier große amerikanische Konzerne – Monsanto, Eli Lilly, American Cyanamide und Upjohn – stehen unmittelbar vor der industriellen Fertigung eines Hormons, das auf die Kuh wirkt wie ein Turbolader auf den Automotor: Mit kurzer Verzögerung setzt eine rapide Leistungssteigerung ein. Versuche haben ergeben, daß 10 bis 25 Prozent mehr Milch aus dem Euter gezapft werden können. Zwar muß auch mehr Energie – sprich Kraftfutter – aufgewendet werden, doch bringt der höhere Wirkungsgrad immer noch einen finanziellen Mehrertrag.

Als Rinderwachstumshormon ist das Wundermittel Bovines Somatotropin seit Jahrzehnten bekannt, als "BST" soll es demnächst käuflich zu erwerben sein. Das Hormon wird normalerweise nur in kleinen Mengen von der Hirnanhangdrüse freigesetzt. Es fördert die Eiweißbildung, also die Milch- und Fleischproduktion. Schon lange wollten sich Pharmakonzerne diesen Effekt zunutze machen, doch das Hormon konnte nicht in ausreichenden Mengen isoliert werden, und die Synthese war unmöglich.

Die Gentechnologie hat nun die Voraussetzungen dafür geschaffen, mit der entsprechenden Erbinformation "geimpfte" Bakterien das Hormon produzieren zu lassen. Anschließend wird es zwecks Verlängerung der Haltbarkeit in einen chemischen Mantel verpackt, damit es den Kühen nur alle zwei Wochen und nicht täglich in Form einer Spritze verabreicht werden muß.

BST ist der erste Ausläufer der biotechnologischen Umwälzung in der Landwirtschaft. Die Nachfolger werden nicht lange auf sich warten lassen. Die führenden Unternehmen arbeiten bereits an einem künstlichen Schweinewachstumshormon. Der logische nächste Schritt wird die direkte Beeinflussung des genetischen Potentials der Tiere, also der Erbanlagen sein. Höchstleistungstiere werden dann nicht mehr in jahrzehntelangen Zuchtprogrammen, sondern durch direkte genetische Eingriffe gezeugt werden.

Kein Zweifel: Die Einführung von BST und den Nachfolgehormonen für andere Tiere hätte dramatische Konsequenzen. Kombiniert mit weiteren biologisch-technischen Neuerungen, könnten sie einen Typ von Agrarwirtschaft hervorbringen, der kaum in die Landschaft paßt: Hocheffizient, betriebswirtschaftlich rentabel, an der Spitze des wissenschaftlichen Fortschritts marschierend, wird die Landwirtschaft mehr und mehr zur Industrie, die immer bodenunabhängiger arbeitet. Die Dritte Welt wird in diesem Modell auch weiterhin zum Futterlieferanten für Europas Kühe und Schweine degradiert. Gleichzeitig geben Bundesregierung und EG Milliardensummen aus, um eine ganz anders geartete, naturnahe Landwirtschaft zu erhalten – aus sozialen Gründen, weil der Artenschutz es gebietet oder die Bewahrung der Kulturlandschaft ein Wert an sich ist.

Die Überwindung der wirtschaftlichen und technischen Barrieren in der Hormonforschung wirft mit bisher nicht gekannter Schärfe die Frage auf, welchen Weg die Agrarwirtschaft einschlagen soll. Ist die Hormonbehandlung unter wirtschaftlichen und gesundheitlichen Gesichtspunkten wünschenswert?