Man schreibt mir, es sei in Deutschland ein schöner Sommer gewesen ... Im Herbste geht es aufs Land, und wenn gleich mein Hauptzweck ist, Landschaft zu zeichnen und meine Einbildungskraft zu bereichern und meinen Stil zu erweitern, zu reinigen, zu vergrö-Bern; so wird doch nebenher manches eingesammelt werden.

Der Dichter, der an diesem Freitag Geburtstag hat, in einem Brief an Knebel, Rom, August 1787

Hrdlicka, Wagner und Schubert

„Richard Wagner war ein rücksichtsloser Vertragsbrecher – welch ein Werk hat er dafür geschaffen“ – Alfred Hrdlicka, der Wiener Bildhauer, der von der Hamburger Kulturbehörde eine nicht vereinbarte Million über die bereits gezahlten 770 000 Mark hinaus vor Vollendung seines halbfertigen Anti-Kriegsdenkmals fordert, hat Beschwerden mit seinem Rücken, aber nicht mit seinem Selbstbewußtsein. Daß die Hamburger sich jetzt wundern und nicht auf die schnörkellose Nötigung eingehen mögen, kann ihn nicht erschüttern: „Die kannten ja die Geschichte von Wuppertal.“ Offensichtlich nicht. Weshalb hier wiederholt sei, daß Hrdlicka auch dort die Stadtväter ins Schwitzen gebracht hatte durch die nachträgliche Verdoppelung seiner Forderung für ein Friedrich-Engels-Denkmal. Die Hamburger Affäre unterscheidet sich von der Wuppertaler allerdings dadurch, daß Hrdlicka, ehe ihm der Auftrag zugesprochen wurde, zunächst Mitglied der Jury war. Welch ein Anblick: ein Mittelgewicht wirft sich in das Kostüm von Richard Wagner und spielt den xten Akt der Vorstadtkomödie „Die Bürokratie und das Genie“. Aber wieso eigentlich Wagner? Viel näher liegt es doch, an Hrdlickas Landsmann Fanz Schubert zu denken, der gerade mit seiner „Unvollendeten“ die Wunschkonzerte der Welt eroberte.

Reform kaputt

Es gab einmal eine Zeit, da meinte die Konferenz der Kultusminister, die Artikel des Grundgesetzes seien besser zu verstehen, wenn man sie in Zusammenhang mit Französischer Revolution und Nationalsozialismus erörtere; Energiekrisen müßten als komplexes Zusammenwirken von gesellschaftlichen Strukturen, technischen Prozessen und geologischen Gegebenheiten begriffen werden; und zum Verständnis des Terrorismus brauche man die Geistesgeschichte des 19. Jahrhunderts, die politische des zwanzigsten Jahrhunderts und die Psychologie der deutschen Mittelschichten – kurzum, Gesellschaften seien ein Gewebe aus Vergangenheit und Gegenwart, Geld und Geist, Rohstoffen und Religionen. Diese Erkenntnis führte nach vielen Diskussionen dazu, daß man mancherorts aus den Schulfächern Geschichte, Sozialkunde und Geographie eines machte, um, so die Kultusminister 1972, „gesellschaftliche Sachverhalte in struktureller und historischer Sicht erkennbar“ zu machen.

Daß Reformen unbeabsichtigte Nebenfolgen haben, lehrt die Soziologie; daß es selten zu behutsamen Reformen der Nebenfolgen von Reformen kommt, sondern zu platten Restaurationen, das lehrt die Geschichte; daß Gesellschaften oft um kurzfristiger vermeintlicher Vorteile willen Ressourcen, auch menschliche, vergeuden, lehrt eine ökologisch aufgeklärte Geographie; wie konservative Bewahrungsrhetorik und eine Politik der Zerreißung zusammengehen können, lehrt die Politologie; und daß Politik oft von dumpfen Rachegefühlen gelenkt wird, die politische Psychologie.