Der Buchtitel der vorliegenden Biographie suggeriert dem Leser, daß es endlich und schlüssig gelungen sei, die Herkunft des durch die Zeitläufe geisternden Kaspar Hausen zu enträtseln; der Geheimnisumwitterte habe fortan als rechtmäßiger Erbprinz des Herrscherhauses Baden zu gelten:

Ulrike Leonhardt: Prinz von Baden genannt Kaspar Häuser. Eine Biographie; Rowohlt Verlag, Reinbek 1987; 363 S., 39,80 DM.

Schon vor 150 Jahren standen Personen aus dem Umfeld des Großherzogs Karl Friedrich und seiner morganatischen Gattin, Gräfin Hochberg, in Verdacht, den Sohn des Erbprinzen Karl von Baden und seiner Frau Stephanie mit einem sterbenden Säugling vertauscht zu haben, und zwar aus nachfolgerechtlichen Gründen. Offiziell wurde der Tod des Erbprinzenkindes verkündet. Inoffiziell soll der echte Prinz unter dem Namen Kaspar Hauser bis zu seinem sechzehnten Lebensjahr versteckt und eingekerkert gehalten worden sein. Soweit die bekannte Legende. 1833 wurde bei einem Denkmal im Ansbacher Hof garten Kaspar Hauser ermordet. Soweit die finale Tatsache.

Gestützt auf vorhandene Dokumente, auf umfangreiche Literatur und unter Heranziehung letzter Forschungserkenntnisse, zum spektakulären Fall dieses „Jünglingskindes“, gelang der ehemaligen Gymnasiallehrerin Ulrike Leonhardt ein Lebensbild, das fraglos in Bann schlägt. Durch nie nachlassenden Argwohn gleitet die Autorin in die Rolle eines Meisterdetektivs, der sich keine Einzelheit entgehen läßt, um den seit damals bestehenden Verdacht zu erhärten.

Die Spurensuche nach Kaspar Hauser, die Fährtensicherung um seine Peiniger, um seinen Mörder, beginnt in Ansbach, setzt sich in Nürnberg und im Schloß Pilsach bei Neumarkt (Oberpfalz) fort. Pilsach insonderheit war jene Stätte, wo Hauser grausam isoliert vegetierte: „Das Gefängnis, in dem ich bis zu meiner Befreiung leben mußte, war ungefähr sechs bis sieben Schuh lang, vier breit und fünf hoch.“ Als dann der fast Sprechunfähige 1828 in Nürnberg auftauchte, wurde er wie ein exotisches Wildtier begafft. Nach kurzer Zeit war er das Gesprächsthema Europas.

Die Autorin stellt dem Leser jene Zeitgenossen vor, die im Guten wie im Bösen sich des Unwissenden annahmen. Integere Persönlichkeiten befanden sich unter ihnen, schlichte Alltagshelfer, engstirnige Bürokraten, zwielichtige Ausnützer, Schwindler, Schurken. Ihre schriftlichen Auslassungen sind in altertümlichem Deutsch verfaßt. Die darin zum Ausdruck kommenden Urteile und Vorurteile hingegen könnten von heute sein.

Für die meisten seiner damaligen Beobachter blieb Kaspar Hauser bestaunenswertes Objekt. Deshalb wundert es nicht, daß er später die harte Äußerung tut: „Mir liegt an meinem Leben nichts; ich habe ja früher auch nicht gelebt und habe lange gar nicht gewußt, daß ich lebe.“ Aus heutiger sozialer, medizinischer und psychologischer Sicht erscheint es unverständlich, daß man Hauser, noch Jahrzehnte nach seinem Tode, für einen raffinierten Schwindler hielt.