Der Wald, das Seelen-Biotop der Deutschen, ist nicht nur in Lied und Lyrik, Novelle und Roman, sondern auch in unzähligen Kinderbüchern strapaziert worden. Seine literarische Abnutzung geht mit dem biologischen Waldsterben Hand in Hand. Doch ein Kindersachbuch von Irmgard Lucht erweckt den mitteleuropäischen, den deutschen Wald zu neuem Leben.

Blätter- und Nadelarten reihen sich zum Ornament. Beeren, Pilze, Nüsse und Samen bilden satt-vergnügliche Muster. Die Tiere des Waldes ziehen – nach Größe und Klassen geordnet – in ernster Prozession durch die Dämmerung.

Effektvoll spielt die Illustratorin mit dem Licht. Jedes Jahreszeitenbild zeigt andere Landstriche, Ausblicke, Tierfamilien und Tageszeiten. Alle erscheinen in unterschiedlichem Licht. Der Betrachter „erkennt“ sofort, obwohl seine Seele, nicht sein Verstand angesprochen wird. Das Licht scheint den unverwechselbaren Duft der jeweiligen Waldlandschaft zu transportieren.

Irmgard Lucht beherrscht die pädagogisch-positivistische Kunst der Naturbeschreibung. Sammlungen wie das Naturhistorische Museum in London haben ihr zur Weltgeltung verholfen, doch bei uns ist sie ein bißchen aus der Mode gekommen. Exakte Information und Schönheit schließen einander nicht aus, sondern bilden ein Kopf wie Sinnen erfreuendes Ganzes. Kenntnisreiche Auswahl demonstriert Einheit in der Vielfalt. Aktionen zeigen Lebensabläufe. Größenverhältnisse (ein wichtiger Bezug zum kindlichen Betrachter) werden durch ausgeklügelte Perspektive, durch Kompositionen von Baum, Tier und Pflanze sinnfällig.

Im Herbstwald liegt eine Cola-Dose – das einzige Menetekel menschlicher Zerstörung, das Irmgard Lucht auf ihren meisterhaften Illustrationen zuläßt. Doch der Text erzählt behutsam, aber unerbittlich von der Bedrohung durch Abgase, Unrat, Straßenbau und Skilifts.

Insgesamt fünf „Uhren“-Bücher zu Bäumen, Vögeln und Biotopen haben Irmgard Lucht und ihre Verlegerin Christa Spangenberg in geduldiger Kleinarbeit zusammen gestaltet. Da sie sich hauptsächlich regionalen Phänomenen zuwenden, bereichern sie die kleine Palette der Kindersachbücher, die noch nicht vom nivellierenden, oberflächlichen Flughafen-Internationalismus angesteckt sind. Das große, weltweite Geschäft läßt sich mit solchen Büchern nicht machen, wohl aber die verdienstvolle alltägliche und lebensnotwendige Aufklärung.

Irmgard Lucht hat dabei immer auf die Überzeugungskraft bedrohter Schönheit und Vielfalt gesetzt. Wie schön, wenn das Konzept ihrer Bücher neben schockierendem Erschrecken Recht behielte.