Lieber Erich Honecker!

Mit der vorgezogenen Amnestie haben Sie gute Luft für Ihren Besuch gemacht, und hier drüben wird kein Aas Sie peinlich mit der Frage behelligen, ob die Amnestierten ihrerseits Ihnen eine Amnestie gewähren.

Sie werden hier mit würdigen Leuten reden, und der Ernst dieser Gespräche wird albern sein wie eh und je und blutig. Also heiße ich Sie willkommen im Westen, mit einem bösen Lächeln und ganz ohne Absicht.

Ihrem verhaßten Vorgänger war eine solche Reise nicht vergönnt. Auch Sie galten hier bis grad vorgestern noch als Krimineller. Nun aber wird man Ihnen in der Bundesrepublik einen großen Bahnhof machen. Und die Massenmedien werden mit hektischem Desinteresse jeden Furz als neuen Ton feiern. Sie werden’s ja erleben: den ekelhaften Hochnäsigkeiten von gestern wird der Gestank einer Tiefnäsigkeit folgen, den Sie ja bestens kennen.

Wir aber, Sie und ich, sind treue alte Feinde. Unsere Sprache miteinander war immer ohne Verrenkungen. Meine Ausbürgerung im November 76 war ein klares ehrliches Wort. Und meine Lieder sind auch deutlich genug – unser Streit beruht nicht auf Mißverständnissen.

Wenn ich daran denke, daß jetzt auch Sie in den Westen kommen, kocht in mir ein kühler Tagtraum. Eine Vision, so absurd wie die Realität.

Das stelle ich mir vor: Sie. Mein einstmaliger Fürst, wie er grad hockt in der kugelsicheren Staatskarosse. Er sitzt hinten im großen schwarzen Wagen, neben ihm Lafontaine. Die Fahrt geht von Saarbrücken nach Wiebelskirchen. Dort steht ja das Haus, in dem der Mensch aufwuchs und wo seine Schwester heute noch wohnt. Es ist grad die volle Stunde, und aus dem Autoradio kommen die Nachrichten. Gleich die erste Meldung: