Von Alphons Schauseil

Müssen diese Pinzuti hierher kommen? Warum bleiben sie nicht zu Hause?“ Der Stoßseufzer einer älteren Korsin aus Bastia, eingekeilt im städtischen Bus zwischen jungen, lärmenden Festlandfranzosen, trifft ins Schwarze einer Diskussion um die korsisch „Pinzuti“ genannten Touristen. Jedes Jahr werden sie sehnlichst erwartet, kühler empfangen und anschließend mit immer ungenierterem Aufatmen entlassen. Ein besonderes Ärgernis für die Korsen sind dabei die „falschen“ Touristen. Solche, die zwischen Mitte Juli und Ende August wie die Heuschrecken einfallen. Die lärmen, sich betrinken, dennoch keine große Zeche machen, wild zelten und mitten unter anderem Badevolk vor entsetzten Einheimischen auch letzte Hüllen fallen lassen. Noch immer gibt es in dem Hauptstadt-fixierten Land keine Ferienstaffelung, und so verreist tout Frankreich zur selben Zeit.

Korsika, die nächstgelegene der südlichen Inseln, kommt denen gerade recht, die glauben, von frischer Luft und heißer Sonne leben zu können. Aber auch die Korsen tragen zu diesem Ansturm unerwünschter Gäste bei.

Beispiel Bastia. Zur Monatswende Juli/August werden hier in drei Tagen von französischen und italienischen Fähren 19 000 Autos mit 55 000 Menschen „umgeschlagen“. Aber kaum einer dieser Urlauber verbringt einen Tag in der Stadt. „Wir sind nur ein Drehkreuz“, klagen Stadtväter, Händler und Hoteliers im Chor: „Den Nutzen unseres Hafens haben andere Orte.“ Tatsächlich fahren die Neuankömmlinge fast ausnahmslos gleich von der Pier, den grünen Richtungsschildern nach Ajaccio, Bonifacio und Calvi folgend, unter den malerischen alten Hafen in einen von Abgasen erfüllten Tunnel, sausen durch eine häßliche Industriezone den Zielen zu, von denen sie beim Plänemachen träumten.

Bastia gehört nicht dazu. Dabei ist dies eine schöne Stadt. Hier könnte man nach langer Autobahn- und Schiffsfahrt die Blechkarawane ziehen lassen und sich ein paar Stunden auf die korsischlässige Lebensart einstimmen. Das Fremdenverkehrsamt tut, was es kann, um wenigstens ein paar motorisierte Urlauber zum Bleiben zu bewegen. Junge Korsen stecken zwischen fünf Uhr früh und abends neun den Ankommenden Broschüren zu, antworten mehrsprachig auf Fragen, geben Rat, vermitteln Adressen. Das Resultat ist entmutigend. Strand und Berge sind stärkere Magneten.

Dabei hat Bastia beides zu bieten. In nur 20 Minuten ist man auf dem Paß Teghime, 536 Meter hoch sieht man unter sich Ost- und Westküste schimmern, kann man sich auf kleinen Straßen in kaum berührte Bergdörfer verlieren. Nicht länger dauert die Fahrt von Bastia zu einer schmalen Nehrung zwischen der Biguglia-Lagune und dem Tyrrhenischen Meer. Hier wuchsen einst die ersten Feriendörfer aus dem Sand, stehen heute Bungalows, locken gute Restaurants. Der Weg dorthin ist allerdings nicht beschildert. Kein Nahverkehr, kein Pendelbus erschließt dieses Stück Küste, ermöglicht es denen, die dort einen Urlaub gebucht haben, problemlos einen Abend in Bastia zu verbringen. Dort jammern Restaurants nach Gästen, verödet der lebhafte Geschäftsboulevard Paoli, wenn auf anderen Mittelmeerinseln, ja selbst auf Korsika in Calvi und Ile Rousse, die Boutiquen Umsatz machen.

So sieht man also vor allem die „falschen“ Touristen in Bastia. Rucksackvolk, das nicht einmal eine Jugendherberge vorfindet und am Strand schläft. Gruppen, die einen Tagesausflug unternehmen und allenfalls ein Schinkenbrot kaufen. Muß denn aber auch eine Pizza 50 Franc kosten und ein Salat Niçoise 38?