Viktor Nekrassow, geboren am 17. Juni 1911 in Kiew, ist am 3. September 1987 in Paris gestorben. Er absolvierte in Kiew ein Architekturstudium, wurde aber bald Schauspieler, Regisseur und Bühnenbildner an verschiedenen. Provinztheatern. 1942 kam er als Offizier nach Stalingrad, machte die Schlacht vom ersten bis zum letzten Tage durch, wurde noch vor Kriegsende schwer verwundet; bereits im Lazarett begann er zu schreiben.

Seine erste Publikation war der Roman "Stalingrad". Er erschien in einer Monatsschrift im August, September und Oktober des Jahres 1946. Als Buchausgabe im Jahr darauf hieß er: "In den Schützengräben von Stalingrad" – eine Erzählung. Dieses Werk blieb auch jetzt für viele Leser eines der besten Kriegsbücher der Weltliteratur. Es ist eine durch und durch wahre, aufrichtige, künstlerisch und moralisch integre Darstellung dieser schicksalsschweren Schlacht.

Die Macht des Dichterwortes war so überzeugend, so unaufhaltsam, daß selbst die Schranken der Zensur wie im Sturmangriff überwunden wurden. Offizielle Kritiker griffen wohl zunächst den literarischen Neuling recht heftig an oder heuchelten Mitleid mit dem "gewöhnlichen Frontoffizier ohne schriftstellerische Erfahrung", warfen ihm "beschränkte Schützengrabenoptik", "Pazifismus", "Remarqueismus", "abstrakten Humanismus" und dergleichen vor. Doch Millionen Leser erkannten in seinem Werk ihre eigenen Gedanken, Gefühle, Leiden, Hoffnungen, ihren ungeschminkten schweren Alltag mit Liebe, Verständnis und dichterischer Einfühlung geschildert.

Alexander Twardowskij, der große, auch offiziell anerkannte Dichter setzte sich für Nekrassow ein. Der erhielt 1947 den Stalin-Preis. Die ideologischen Funktionäre glaubten, den ungewöhnlichen Autor durch Ehrungen, Auszeichnungen und allerlei Privilegien zähmen und zu einem bequemen Genossen erziehen zu können. Doch diese Rechnung ging nicht auf. Denn Nekrassow war am Schreibtisch und in Diskussionen ebenso tapfer wie auf dem Schlachtfeld, ließ sich mit keinem Lob bestechen, schrieb und sprach auch weiterhin so, wie er dachte. Deswegen konnte seine nächste Publikation erst in der "Tauwetterzeit", nach 1954 erscheinen.

Aber in den sechziger Jahren setzten neue kritische Angriffe gegen den "abstrakten Humanisten", den "ideologisch unzuverlässigen" Nekrassow ein. Nikita Chruschtschow höchstpersönlich wetterte gegen ihn. Doch seine Nachfolger gingen schlimmer gegen ihn vor. 1972 wurde Nekrassow aus der Partei ausgeschlossen, weil er sich für verfolgte ukrainische Schriftsteller einsetzte, gegen den behördlichen Antisemitismus und die Gefahr einer "Restalinisierung" auftrat. Man schloß ihn aus dem Schriftstellerverband aus. Nun durfte er nicht mehr publizieren. 1974 erlebte er Hausdurchsuchungen, seine Manuskripte, sein Archiv wurden beschlagnahmt.

Die Proteste von Andrej Sacharow und vielen Literaten in der Sowjetunion und im Ausland ersparten ihm Schlimmeres, doch Nekrassow wurde zur Emigration gezwungen.

Die letzten dreizehn Jahre lebte er im Westen, er reiste rund um die Welt, veröffentlichte neue, große Erzählungen und Essays, darunter auch ein Buch über Deutschland ("Zu beiden Seiten der Mauer", Kontinent, 1978/79). Mehrmals trat er auch mit Lesungen und Vorträgen auf, in Berlin, München, Köln, zuletzt in Bad Münstereifel im Januar 1987.

Bis zuletzt blieb er so, wie ich ihn zum ersten Mal im Sommer 1956 kennenlernte. Damals überraschte es mich, daß ein weltberühmter Autor genauso ist wie die Helden seiner Bücher: ungekünstelt-schlicht, jugendlich-frech – einer, mit dem man Pferde stehlen kann. Er ließ sich von keiner Autorität einschüchtern, vertrug kaum Pathos und Gefühlsduselei, konnte bissig ironisieren, leidenschaftlich streiten und schlimm fluchen, aber er war stets ein herzensguter, unverbrüchlich treuer Freund und hilfsbereiter Kamerad. Er gehört zu den Schriftstellern, deren Bedeutung noch wächst und wachsen wird. Lew Kopelew