Von Hanno Kühnert

Ein Kabarett-Mensch namens Martin Buchholz hat den Reporter ganz ungeheuer zum Lachen gebracht. In München hielt er sich den Bauch und das Herz, lachte Zwei Stunden und zwanzig Minuten lang, wischte sich die Tränen aus den Augen, staunte und wunderte sich: Von diesem Martin Buchholz hatte er noch nie etwas gehört. Dabei erwies sich der politische Spaßmacher Buchholz als unverkleideter Spitzen-Clown: sprachwitzig, bissig, böse, ironisch, kalauerisch, herzhaft, geistvoll, präzise. Weitere Besuche vor Buchholz Berliner Brettern – zweimal wöchentlich tritt er bei den „Wühlmäusen“ auf – brachten nicht die geringste Enttäuschung, sondern wieder dieses urtümliche, gelegentlich viehische Gelächter, das erst nach einer Viertelstunde einsetzt, sich aber dann ob der Fülle der Pointen, des munteren Sprudeins da oben überschlägt und einfach nicht nachlassen kann.

Der da seit vier Jahren Kabarett macht, ist ein Journalisten-Kollege. Nach einer langen Wanderung durch linke Blätter wollte er „Journalismus als Satire mit anderen Mitteln“ machen. „Da biste dein eigener Chefredakteur.“

Er ist auch seine eigene Redaktion: Allein steht er geschlagene 120 Minuten im Scheinwerferlicht auf der schmucklosen Bühne, ein kräftiger, beweglicher Mimiker, der sich hinter einem freistehenden Barhocker an einem Glas Bier festhält und redlich schwitzt, während das Publikum mehr oder weniger rasch in Laune gerät und dann zum lachenden Ungeheuer wird. –

Nichts zu lachen haben bei Buchholz vor allem konservative Politiker – „das Generalsekret“ Geißler, „der Vorzimmermann“ Spranger, unser aller Kohl, und besonders „das Diepgen“, ein von Buchholz erfundenes Neutrum, das die Berliner schadenfroh und lustig stimmt. Das Diepgen war nämlich ein Schulkamerad von Buchholz, und es hat heute noch unter ihm zu leiden, weil es einst dem Direktor die Aktentasche hinterhergetragen haben soll. Das Diepgen ist „der Freiheitsglöckner von notre Ku’damm. Bloß, daß der dummerweise nie Leine zieht“. Die Opposition streift Buchholz nur: Er mache keine Witze über sie, „denn die klingen so behindertenfeindlich“.

Bereits zur Publikumsanrede ziert sich Buchholz – „Bei der Anrede ‚Damen und Herren‘ habe ich das Gefühl, Klotüren anzureden.“ Stichwort Aids: „Lust abschaffen ohne Pfaffen!“ Stichwort Boris Becker: „Das Bum-Bum-Geschoß der Dum-Dum-Nation“. Und so prasselt es aufs Publikum nieder, wobei die Person des Kabarettisten, seine Berliner Schnodderschnauze, seine ins Wortspiel verpackte Nachdenklichkeit (hinter dem Pointenregen durchaus spürbar) – wobei also diese Gegenwart des Sprechtalentes Buchholz weder auf den im Foyer verkauften Audio-Bändern noch durch einen Text reproduzierbar sind: Man muß schon hingehen.

Buchholz will sein Publikum mitnehmen „auf eine Gedankenreise, von der ich die Leute von den Höhen abstürzen lasse in die Tiefe der Albernheit“. Er haßt es, „Lachdienstleistungsgewerbe, öffentliche Bedürfnisanstalt für Unterhaltungsnotdurft“ zu sein, und wenn er Leute vor sich hat, die sein Negativ-Motto befolgen: „Kabarette sich wer kann, um auszutreten – aus dem Verein der alltäglich Beanspruchten“, dann wird er spürbar sauer und macht auch mal das Publikum an. Er will weder Amüsierbetrieb noch Volkshochschule sein, er braucht seine Zuhörer „zur Koproduktion, zu der Mitarbeit in den eigenen Köpfen, sonst funktioniert es nicht“. Das ist für ihn jedesmal wieder nicht nur eine Gratwanderung, sondern auch eine große Anstrengung.