Rekonstruktion einer Massenkarambolage

Von Christiane Grefe, Joachim Riedl und Michael Sontheimer

„Da riß es mich in eine laute und aufgeregte Welt. Auf den Straßen jagten Automobile ... Ich begriff sofort: es war der Kampf zwischen Menschen und Maschinen, lang vorbereitet, lang erwartet, lang gefürchtet, nun endlich zum Ausbruch gekommen. überall lagen Tote und Zerfetzte herum, überall auch zerschmissene, verbogene, halbverbrannte Automobile, über dem wüsten Durcheinander kreisten Flugzeuge ...“

Hermann Hesse:

Der Steppenwolf (1927)

Samstag, den 23. Mai 1987, 1 Uhr morgens: In Hamburg-Billstedt trat der Karosseriebauer Reffaedin Alay zusammen mit seiner lange Cehre die dreitägige Fahrt in den Süden an. Schon vierzehnmal hatte er die 3500 Kilometer lange Reise hinter sich gebracht. Das Ziel: die Heimatstadt Samsun am Schwarzen Meer, wo die Kinder bei den Großeltern leben. Der 37jährige Türke, seit neunzehn Jahren in Hamburg, hatte nach dem letzten Arbeitstag noch ein paar Stunden geschlafen; dann waren Freunde und Kollegen gekommen, um beim Beladen des Mercedes 240 Diesel zu helfen.

Im Morgengrauen machte sich der pensionierte Schweißer Heinrich Engels (die Namen der meisten Unfallbeteiligten wurden geändert) in Edertal-Bergheim auf den Weg. Mit seiner Frau und einem befreundeten Ehepaar wollte er ein paar Urlaubswochen in Österreich verleben. Noch war wenig Verkehr auf der Autobahn, zügig steuerte Engels seinen vollbeladenen Ford Escort gen Süden.

Gegen 7 Uhr 15 saßen die Geschwister Sabine und Martin Strahm in dem Einfamilienhaus in Strullenberg beim Frühstück und blickten aus dem Fenster: alles grau, es nieselte. Die beiden freuten sich dennoch auf den Tag in München. Martin hatte Urlaub von der Bundeswehr und die 24jährige Krankenschwester endlich einmal ein freies Wochenende. Noch immer hatte sie keine weißgelockten Brautschuhe gefunden, die zu ihrem Hochzeitskleid paßten. Um 7 Uhr 30 stiegen die beiden zusammen mit Martins Freundin Susanne in den Golf. In weniger als zwei Stunden hofften sie in München zu sein.

Um diese Zeit startete in Bayreuth ein Kleinbus voller Kinder. Ausflugsziel: die Bavaria-Filmtour. Heinrich Benkert wollte in Mittenwald die Erstkommunion seiner Nichte feiern.

In Ebermannstadt in der Fränkischen Schweiz bestieg kurz darauf der Bauingenieur Sebastian Schwarz mit seiner Freundin seinen Audi 100 Diesel. Die beiden wollten Urlaub machen, eine Woche in Südtirol.

In Nürnberg holte das Ehepaar Prechtel seinen Honda aus der Garage. Verwandte aus der DDR warteten in München auf sie. Seit Jahren hatte man sich nicht mehr gesehen.

Kurz nach acht startete der Ingenieur Karl Kastinger in Oberasbach bei Nürnberg seinen goldenen BMW 525. Auf dem Beifahrersitz nahm seine Ehefrau Elvira Platz. Sie wollten Freunde in Fürstenfeldbruck besuchen. Beim Autobahnkreuz Nürnberg-Feucht fahren sie auf die Bundesautobahn Nummer 9 auf.

Vorfreude rollte südwärts.

Eineinhalb Stunden später: Das Chaos.

In knapp zweiundzwanzig Minuten sind fünf

Autobahnkilometer in ein Schlachtfeld verwandelt. Die Alays, die Geschwister Strahm, die Prechtels, das Ehepaar Kastinger und viele mehr: Gefangen in einer Hölle aus Blut, Blech und Schmerzen. Rettungshubschrauber kreisen. Blaulicht. Polizisten verlieren den Überblick. Hydraulische Blechschneider. Körper, in Fahrzeugen eingequetscht. Auf der Fahrbahn Körper, die sich krümmen. Wimmern, Schluchzen, Schreie. Die Zeit steht still.

Jedesmal, wenn die Urlaubswelle rollt, kommt es auf dem gesamten Autobahnnetz zu Massenkarambolagen und Auffahrunfällen. Doch dieser Unfall in den Morgenstunden des 23. Mai ist der größte, den die Bundesrepublik erlebte – bisher. 197 Fahrzeuge, 31 Schwerverletzte, 61 Leichtverletzte. Zwei Menschen sterben.

Drei Monate später hat man die Scherben aufgekehrt. Dutzende Fahrzeuge sind verschrottet, andere repariert. Doch viele Wunden sind längst noch nicht verheilt. Auch in den Köpfen der Beteiligten hat der Unfall Spuren hinterlassen. Manche schrecken nachts aus Träumen auf, andere am hellichten Tag – den Schrecken vor Augen.

Mit großem bürokratischem Aufwand werden jetzt noch immer die Kosten der Selbstverstümmelungsmaschine Urlaubsverkehr aufgerechnet. Darin hat man Routine.

Der Auslöser der Katastrophe war ein alltäglicher, geradezu harmloser Auffahrunfall bei Kilometer 500,475 kurz vor der Ausfahrt Allershausen. Der Verkehr fließt dicht und zügig durch den leichten Frühjahrsregen. Ein Renault auf der linken Spur bremst, so wie der Verkehrsstrom vor ihm. Der Escort dahinter reagiert. Doch der nachfolgende Golf ist schon zu nah. Mit Wucht stößt er den Escort von rechts nach links in die Leitplanke. Der prallt, vom Mittelstreifen wieder weggeschleudert, auch noch auf seinen Vordermann auf. Ein Schock, eine leichte Prellung bei der Escort-Fahrerin. Es entsteht Sachschaden: 15 000 Mark.

Ein Unfall, bei dem man sagt: Glück im Unglück. Doch es ist nur der Anfang.

Zwei Minuten später trifft in der Allershausener Autobahnwache über Notruf die Nachricht von dem Unfall ein. Die Beamten wissen schon Bescheid. „Man hat ja praktisch zuschauen können“, sagt Helmut Holzer. Denn das Büro in dem flachen Betonbau liegt nur ein paar hundert Meter von der sechsspurigen Autobahn entfernt. Regengischt spritzt herüber, das monotone Dröhnen der Motoren erfüllt die Luft. Um 8 Uhr 40 steuert das Polizeifahrzeug mit dem Rufnamen „Kordon 50/2“ die Unfallstelle an.

8 Uhr 41: noch ein Zusammenprall wird gemeldet. Ein Fahrer wollte bremsen, er hatte den Unfall vor sich gesehen. Sein Wagen geriet ins Schleudern, zehn Autos verkeilen sich ineinander. Schon wieder ist es vor den Augen der Polizisten passiert, nur 200 Meter hinter dem ersten Crash, da, wo die BAB 9 einen Hügel hinunter in eine flache Gerade abfällt. Dieses Mal werden auch Menschen verletzt.

Panische Stimmen

Holzer alarmiert die Rettungsleitstelle des Roten Kreuzes in Erding. „Kordon 50/2“ wird umgeleitet. Die Polizisten sollen zuerst die neue Unfallstelle anfahren, befiehlt Holzer. Doch der Streifenwagen muß von seinem Standort erst noch bis zur nächsten Anschlußstelle weiter, muß wenden, ein Anfahrtweg von 14 Kilometern; das dauert.

Zwei weitere Minuten später am Funkpult der Allershausener Autobahnstation: Holzer alarmiert den Verkehrsfunk. Er weist die Zivilstreife „Kordon 50/8“ an, den sich hinter der Unfallstelle bildenden Stau abzusichern. Vom Nordkreuz kurz vor München muß auch diese Streife erst Allershausen ansteuern. Auch das dauert. Dort angekommen, steigen die zwei Beamten in einen Streifenwagen um. Sie packen Kellen und Transparente ein. Sie sind routiniert, gelassen. Sie wissen zwar: jetzt wird es gefährlich. Doch es wird immer gefährlich, bei diesem Wetter. Keiner von ihnen ahnt, daß in diesen Minuten die Katastrophe längst in vollem Gange ist. „Wir konnten ja nicht hinter den Berg schauen“, sagt Helmut Holzer. Dort kracht es aber mit voller Wucht, wieder und immer wieder.

Erst um 8 Uhr 53 kommt die nächste Meldung: Serienunfall bei Kilometer 499. Dann überschlagen sich die Anrufe. Auf drei Leitungen gleichzeitig aufgeregte, panische Stimmen, verwirrende Informationen. Holzer muß aussortieren, anschreien, mit ruhiger Stimme um Geduld bitten. Er versucht, die Notsituation von den weniger dramatischen Unfällen zu unterscheiden. Er weiß: jetzt ist die Hölle los. Als um 9 Uhr 12 „Kordon 50/8“ zehn schwere Unfälle allein auf dem Teilstück zwischen den Kilometern 499 und 498 durchgibt, ist schon alles passiert. Für die vier verantwortlichen Beamten der Polizeistation ist die Karambolage nach wie vor nur in Bruchstücken erkennbar.

Um 9 Uhr 14 beginnt man an der Anschlußstelle Pfaffenhofen die Autos in Richtung München „zwangsumzuleiten“. Doch auf fünfzehn Rückstau-Kilometern stecken Tausende von Wochenend- und Urlaubsgierigen für den Rest des Tages fest. Auch auf der Gegenfahrbahn ist in kürzester Zeit das Chaos perfekt. Neugierige halten an, stieren in die Katastrophe, zehn Kilometer lang steht der Stau.

Holzer bittet um Unterstützung. Vier Polizeifahrzeuge kommen aus Poing, aus Erding, Freising und Neufahrn. Eine Streife aus Oberschleißheim, unfallunerfahren, verirrt sich auf der Suche nach einem Zugang in den Karambolage-Kessel.

Um halb zehn kommen noch mehr Polizisten aus Rosenheim und aus Ingolstadt. Insgesamt 34 Beamte nehmen schließlich die Unfälle auf. 80 Helfer und sieben Notärzte in zwei Großraum-Rettungsfahrzeugen der Berufsfeuerwehr, in zwölf Sanitätswagen der Krankenhäuser und der Johanniter-Unfallhilfe, in zwei Rettungshubschraubern der Bundeswehr und einem des ADAC betreuen die Verletzten, transportieren sie nach Freising, Erding, Ingolstadt und München in die Notaufnahmen. Freiwillige des Unfall-Folgedienstes kümmern sich um verschreckte Opfer.

In der Polizeistation Allershausen steht das Telephon nicht still. Bis zum Abend haben fast tausend ängstliche Angehörige die Leitung blockiert.

Ein 55jähriger Toter ist noch nicht identifiziert ...Wer ist wo? Was ist mit wem geschehen?

„Es war ein Riesen-Wirrwarr“, erinnert sich Helmut Hölzer: „Wir waren ja viel zu wenige. Erst allmählich hat man erkannt, daß es an allen Ecken und Enden brennt. Wir mußten von Null auf Hundert starten. Und das nur zu viert.“

20 Schleppfahrzeuge der verschiedenen Firmen lassen auf sich warten. Ingenieure müssen als unfallanalytische Gutachter die tödlichen Unfälle für Strafverfahren genau aufnehmen. Sie treffen nach Stunden ein. Bis dahin muß alles unberührt stehenbleiben.

Erst um 17 Uhr kann die Polizei wieder freie Fahrt in Richtung München geben. Die Landstraßen haben den Verkehrsstrom nicht verkraftet. Alle Wege nach München sind völlig verstopft. An ihren Radios können die Autofahrer die Katastrophe verfolgen. Die Stimmen der Sprecher von Bayern 3 klingen so teilnahmslos und ruhig wie an jedem anderen Tag.

Die Polizei hat inzwischen zur besseren bürokratischen Weiterverarbeitung die gestauchte Blechlawine in insgesamt 35 Einzelunfälle auseinandersortiert. Unfall Nummer 3: 8 Uhr 40, acht Beteiligte, ein schwer, vier leicht Verletzte, Sachschaden 39 000 Mark. So steht es im Protokoll. In den computerlesbaren Vordrucken bleibt von den Toten nur das Kreuz im zutreffenden Kästchen.

Um 5 Uhr 30 war der Industriemeister Paul Kunz mit seiner Frau Emma in Wiesbaden aufgebrochen. Das Ehepaar freute sich „schon riesig“ auf die sonnigen Urlaubswochen in St. Leonhard in Südtirol. Ihr sechs Jahre alter Opel Commodore war „topfit“, der Verkehr zügig. Emma Kunz ist eine ängstliche Beifahrerin, meist sitzt sie angespannt neben ihrem Mann, der schon seit 30 Jahren unfallfrei fährt. Doch an diesem Morgen ist sie gelöst: „Es war wirklich ein flottes Fahren.“

Mit etwa 120 Stundenkilometern nähert sich der weiße Opel der Ausfahrt Allershausen. Grauer Himmel, grauer Asphalt, es nieselt; die beiden plaudern über das Wetter. Plötzlich sieht Paul Kunz vor sich die Karambolage, verkeilte Fahrzeuge auf ganzer Fahrbahnbreite. Vollbremsung. Doch der Opel schießt weiter geradeaus, schleudert. „Der Wagen hat gemacht, was er wollte“, erinnert sich Emma Kunz, „Mein Mann hat gebremst, gepumpt, gegengesteuert. Aber der Straßenbelag war glitschig, rutschig wie Schmierseife. Dann sind wir durcheinandergewirbelt.“

Alle Fahrkünste helfen Paul Kunz nichts: sein Auto kracht mit voller Wucht auf einen VW Golf auf. Als das Ehepaar wieder zu sich kommt, ist es bereits von beiden Seiten eingekeilt. Sie klettern durch die Rücktüren des vollkommen zertrümmerten Wagens in Freie. Paul und Emma Kunz haben Glück: sie bekommen nur leichte Prellungen ab. Während sich ihr Mann auf den Weg macht, um den Massenunfall etwas näher auszukundschaften, kriecht Emma Kunz verängstigt in das Wrack zurück und kauert im Fond. Gellende Schreie dringen aus einem roten Fiat Uno, der sich in das Auto der Kunzes gebohrt hat. Mit blutüberströmtem Gesicht hängt die Fahrerin in dem Sicherheitsgurt und brüllt um Hilfe. Frau Kunz kann nicht hinsehen. Sie hält sich die Ohren zu: „Ich habe mich ganz klein gemacht und gewartet, daß alles vorüber geht.“

Kaum war jedoch die Fiat-Fahrerin verarztet, erinnert sich Emma Kunz, „da ist sie auf ihren Wagen zugewankt und hat laut gejammert, weil das schöne neue Auto jetzt kaputt ist“.

Sekunden nach dem Aufprall der Kunzes endet auch für die Reisegesellschaft von Heinrich Engels die Fahrt in die Sonne. Herr Engels steuert seinen grünen Ford Escort bedächtig. Er erkennt den Unfall rechtzeitig, bremst, bringt sein Fahrzeug zum Stehen. Vergeblich. Links kracht ein Audi 80 in den Kleinwagen, rechts schleudert ein japanischer Geländewagen auf ihn zu. Mit seiner wuchtigen Stoßstange schlitzt er die Flanke des Ford wie eine Sardinenbüchse auf. Die Insassen kommen mit Prellungen, Quetschungen und Brüchen davon. „Wir haben ja riesiges Glück gehabt“, sagt Heinrich Engels, „denn von hinten hat uns ein großer Mercedes mit ABS-System abgeschirmt.“

Über diesen Unfall Nummer 9 vermerkt das Protokoll: 18 Beteiligte, ein Schwerverletzter, 14 Leichtverletzte, 256 000 Mark Sachschaden; Unfallhergang: „nicht geklärt“.

„Brems doch, brems doch“

Ingenieur Karl Kastinger ahnt von alldem noch nichts. Er steuert seinen goldenen BMW 525 mit gut 120 Stundenkilometern auf der mittleren Fahrspur in Richtung Süden. Er freut sich, daß trotz der schlechten Sicht und des Nieselregens der Verkehr auf allen drei Spuren schön zügig dahinfließt. Noch drei Kilometer, dann will er in Allershausen die Autobahn verlassen und auf der Landstraße nach Fürstenfeldbruck fahren.

Bei Kilometer 497,5 sieht er auf der linken Spur einen Krankenwagen stehen, die Autos auf allen drei Spuren bremsen oder stehen schon, also bremst auch er ohne große Mühe seinen Wagen ab. Außerdem schaltet er die Warnblinkanlage an, um die Aufmerksamkeit der Hinterleute zu erregen. Was er und seine Frau nicht sehen: Hinter ihnen auf der linken Spur kommt der Bauingenieur Sebastian Schwarz in seinem Audi 100 mit rund 130 Stundenkilometer über die regennasse Fahrbahn geschossen. Auch er sieht die stehenden Autos und tritt auf die Bremse. Schwarz vergißt zu pumpen und auf der glitschigen Fahrbahn zeigt das Bremsen so gut wie keine Wirkung. „Brems doch, brems doch“, schreit seine Freundin neben ihm. Instinktiv nimmt er wahr, daß auf der mittleren Fahrbahn noch Platz ist und zieht den Wagen nach rechts in die Gasse.

Der Tiefbau-Ingenieur Schwarz ist 59 Jahre alt und fährt seit über 30 Jahren Auto. Über zwei Millionen Kilometer ist er unfallfrei gefahren, immer hat er es noch „derbremst“, aber jetzt wird sein Wagen einfach nicht langsamer.

An die hundert Stundenkilometer zeigt der Tacho, als der Audi mit einem dumpfen Knall im Heck des goldenen BMW einschlägt. Der schießt wie eine Billardkugel nach vorne, touchiert mit dem vorderen linken Kotflügel die rechte hintere Ecke eines Ford Sierra, der über zwanzig Meter vor ihm stand, und rast auf einen Lastwagen auf der rechten Spur zu.

Karl Kastinger hat einen Blackout; seine Frau versucht sich geistesgegenwärtig festzuhalten. Dann sieht sie, wie sich eine Strebe des Lkw durch die Frontscheibe schiebt. Sie versucht, den Kopf ihrer Mannes zurückzuhalten, ihre Hand dazwischen zu schieben, doch in diesem Moment lösen sich die Sitze aus der Verankerung. Sie kippt nach hinten, ihr Mann stößt noch mit dem Kopf gegen die Metallstrebe, dann ist der Wagen zum Stillstand gekommen. Ein fremder Fahrer kommt herbeigelaufen. Zuerst zieht er Elvira Kastinger, aus dem Wrack, dann ihren Mann.

Bauingenieur Schwarz in dem Audi fragt seine Freundin: „Ist bei dir alles in Ordnung?“ – „Ja, ich glaube schon.“ – „Jetzt ist der Urlaub vorbei.“ – Der Regenschirm, der hinten auf der Ablage verstaut war, liegt vorne auf dem Armaturenbrett. Die Uhr ist stehengeblieben, weil sich beim Aufprall die Batterie losgerissen hat. Punkt neun zeigt sie an – für den Unfall Nummer 14.

Während die beiden Ingenieure ihre Versicherungskarten austauschen, steht Frau Kastinger vor dem Wrack, das vor ein paar Minuten noch ein Auto war. „Das Auto ist ja wurscht, wo wir beide heraußen sind“, geht es ihr durch den Kopf. „Was haben wir für ein Glück gehabt, daß uns nichts passiert ist. Unglaublich!“ Nachdem ihr Mann die Adressen von Zeugen notiert hat, fragt er plötzlich: „Was machen wir hier? Wo ist unser Auto?“ Sie zeigt auf den Schrotthaufen. „Nein, das ist nicht unser Auto. Los, laß uns gehen. Wir haben doch hier gar nichts zu suchen.“ Kurz darauf klappt er zusammen. Später wird im Krankenhaus eine Gehirnerschütterung diagnostiziert.

Auch Bauingenieur Schwarz läuft herum wie ein „Traumwandler“. „Ich hab alles ganz schematisch gemacht“, sagt er später. Er bemerkt nicht einmal, daß sein Brustbein und sein rechter Mittelfinger gebrochen sind. Zwei Stunden später setzt er sich schon wieder an das Steuer eines Leihwagens, um im Krankenhaus seine Freundin zu besuchen, die vom Sicherheitsgurt einen Brustbeinbruch und ein Schleudertrauma davongetragen hat.

Weniger Glück im Unglück haben Reffaedin und Cehra Alay aus Hamburg, die sich wenige Sekunden nach diesem 14. Unfall dem Ort des Geschehens nähern. Sie tun es mit „bestimmt über hundert“, wie sich Reffaedin Alay erinnert. „Die Straße ist wie ein Flughafen ganz gerade, da kommt man nicht auf die Idee, daß ein Unfall passieren kann. Ich sehe eine Karambolage vor mir, die Autos schleudern, alles dreht sich im Kreis, Chaos. Ich mache eine Vollbremsung, alles geht blitzschnell, das Gefühl hinter dem Gehirn reagiert.“ Reffaedin Alay zieht seinen Mercedes 240 Diesel nach rechts auf die Standspur und kracht in einen Lkw. Er hat ihn nicht gesehen.

Er hangelt sich aus dem Gurt und rüttelt an der Türe – ohne auf die Idee zu kommen, den Verriegelungsknopf herauszuziehen. Seine Frau neben ihm stöhnt nur. Als er sich schließlich befreit hat, läuft er auf die andere Seite und versucht, sie aus dem Wagen zu ziehen. „Mein Bein, mein Bein“, schreit sie. Ihr Gesicht ist blutüberströmt, und als sie neben dem Auto liegt, sieht er, daß ihr Bein völlig verdreht ist. Er muß ihr die Hände festhalten, damit sie sich nicht in ihr blutendes Gesicht faßt. Doch er atmet auf, als er merkt, daß sie ihn sehen kann, daß ihre Augen nicht verletzt sind.

Nach ein paar Minuten ist ein Arzt da. Er legt eine Infusion an, und Reffaedin Alay kniet neben seiner Frau, um die Flasche dafür zu halten. Zwanzig Minuten nach der Kollision naht der Rettungshubschrauber. Seine Rotorblätter erzeugen einen solchen Sog, daß die angelehnte Hintertüre aufgerissen und an seine Stirne geschleudert wird. Dort schlägt sie eine klaffende Wunde. Erst als Alays Frau mit dem Helikopter in das Münchner Krankenhaus rechts der Isar unterwegs ist, spürt er die stechenden Schmerzen in seinem Knie.

Reffaedin Alay bemerkt überhaupt nicht, daß nur ein paar Meter vor ihm der 55jährige Landarbeiter Max Rieger auf dem nassen Asphalt stirbt. Sein Mercedes 190 wurde von drei anderen Fahrzeugen zusammengequetscht: Rieger wurde zermalmt

Währenddessen wird das Ehepaar Prechtl aus Nürnberg ungeduldig. Schon seit zehn Kilometern fahren sie in ihrem Honda hinter einem Lastzug her. „Frau“, sagt Herr Prechtl, „ich muß jetzt überholen.“ Frau Prechtl, klein und rund, Mitte fünfzig, ist überaus ängstlich auf der Autobahn. Doch ständig haben sich rasende Pkws zwischen den kleinen Honda und den Laster geschoben. Jetzt reicht es. Der Abstand wird zu knapp, bei der Gischt kann der Nürnberger nichts mehr sehen.

„Ich habe sie ja sterben sehen“

Er schert nach links aus, überholt, ordnet sich rechts wieder ein, fährt hundert. „Es ging einen Hügel hoch“, erinnert sich Frau Prechtl mit zitternder Stimme. „Oben sahen wir sofort diese völlig geschlossene Wand aus zerbeultem Blech. Es waren nur noch fünfzig Meter. Nicht einmal mehr einzelne Autos waren da zu erkennen. Nirgends kein Ausweg.“

„Scheiße, das pack ich nicht!“ hört Frau Prechtl ihren Mann noch rufen. Alles weitere, die nächsten Sekunden erlebt sie nur noch bei halbem Bewußtsein. Instinktiv hat der Fahrer nach rechts gezogen. Mit Wucht ist er auf einen Golf aufgeprallt, der schon auf dem Seitenstreifen steht. Er wirbelt ihn so herum, daß die beiden Fahrzeuge quer zueinander zum Stehen kommen.

Der Schmerz in Frau Prechtls Bauch, da, wo der Gurt sich beim Aufprall eingeklemmt hat, ist ungeheuerlich. „Mein erster Gedanke war: Raus!“ Gekrümmt läuft sie zur Leitplanke, steigt darüber, bleibt stehen wie gelähmt und ruft Mann und Nichte zu: „Raus! Raus! Raus!“

Die Nichte auf dem Rücksitz kann sich nicht bewegen. Sie zittert vor Angst. Frau Prechtl kann kaum weitererzählen. „Zum Glück ist auch mein Mann sitzengeblieben“, schluchzt sie. „Denn von hinten fuhr haarscharf ein weißer riesiger Lkw vorbei.“

„Ich werde nie das Entsetzen im Gesicht des jungen Mädchens im Golf vergessen“, erinnert, sich die Nichte. „Da hockt sie, völlig verkrampft. Wie sie auf den Laster stiert. In heller Panik. Rasend vor Angst.“ Doch zum Glück schrammt der Lkw im Vorbeiziehen nur die Stoßstange. Dann muß er, ein paar Meter weiter, abrupt ausweichen. Er schert nach links. Ein Opel Kadett kann nicht mehr anhalten, donnert auf ihn, in ihn hinein, gerät ins Schleudern, rutscht nach links, hinan die Leitplanke, dreht sich durch den Abprall und schießt frontal auf den nachfolgenden VW Santana zu. Dessen Fahrer tritt voll auf die Bremse. Doch zu spät. Die Kollision ist nicht zu verhindern. Gleichzeitig rasen von hinten Martin und Sabine Strahm in ihn hinein. Im Gischtnebel hat Sabine nicht einmal sehen können, daß auf der linken Spur Autos fahren. Sie schiebt den VW erneut auf den Opel. Es kracht – und wie ein Bumerang schießt er sofort zurück in ihren Golf. In dem Moment donnert gleichzeitig von hinten der Bayreuther Kleinbus mit den Kindern auf dem Weg zur Erstkommunionsfeier in das Auto der Strahms.

Unfall Nummer 19, bei Kilometer 498,200, um 9 Uhr 4. Insgesamt sind 12 Fahrzeuge verwickelt. Sieben Personen werden schwer, eine leicht verletzt. Vor den Trümmern eines Opel aus Velbert stirbt eine 46jährige Frau.

„Ich fühle mich nicht dazu in der Lage, diesen“ Tag noch einmal zu durchleben“, sagt ihr Ehemann. Das Polizeiprotokoll vermerkt nüchtern: „Die getötete Beifahrerin wurde zum Waldfriedhof Freising verbracht.“

„Ich habe sie ja dort sterben sehen“, sagt Frau Prechtls Nichte. „Ich bin vorgelaufen, um zu helfen. Aber dann war mir das doch zu viel. All das Blut, überall Blut...“ Dennoch bleibt sie stehen und beobachtet, wie die Frau aus dem Auto herausgeschnitten wird. Das grausige Knacken, wenn sich die hydraulischen Scheren durch das Blech beißen. Dann liegt das Opfer auf der Straße, mit freiem Oberkörper. Man versucht noch, die Frau wiederzubeleben. Kinder schauen zu. „Ich sah, daß sie atmete. Wie sich die Brust bewegte. Dann hörte das plötzlich auf.“

Schaulustige sind aus den umliegenden Dörfern hergefahren. Sie heben ihre Kinder hoch, damit die besser sehen können. Sie steigen auf Autodächer zum Photographieren. Mitten in die Stille aus Schmerzen und Tod hinein kommen Autofahrer aus dem Stau weiter hinten vorgelaufen; Sie schimpfen: „Wann endlich geht es weiter? Wieso wird hier nicht wieder aufgemacht? Wir haben Termine! Wir müssen nach München!“

Im Wrack des Golf erwacht Sabine Strahm. Der Bruder hat ihr eine Ohrfeige gegeben, um sie aus der Bewußtlosigkeit zu reisen. Sie ist völlig irritiert. Sie weiß nicht, wo sie ist. Im Ohr Susannes gellender Satz: „Paß auf! Brems!“ Der Rest des Gefühls, etwas nicht zu schaffen. Ein unglaublich harter, dumpfer Stoß ... Susi! was ist mit Susi?

Sabine greift mit dem Arm nach rechts, zum Beifahrersitz. Ihre Hand spürt rohes Fleisch und Knochen. Gleichzeitig entsetzt und lethargisch schaut sie hinüber. Sie sieht Susis Gesicht. Es ist völlig ausdruckslos. Nur die Augen bewegen sich auf seltsame Weise. Susi wimmert. Es klingt wie bei einer Katze. „Das ist nichts Menschliches, ich träume“, denkt Sabine: „Das gibt es nicht. Das kann nicht passiert sein. Ich werde gleich aufwachen.“ Dann hört sie einen gellenden Schrei – ihren eigenen. Was weiter geschieht, ist in ihrer Erinnerung blaß, ohne Geräusche. Man legt sie in den Kleinbus. Jemand gibt ihr eine Beruhigungsspritze. Sie rüttelt an der Schiebetür: „Was ist mit Susi! Ich will zu Susi!“ Als der Sanitäter einmal hinausgeht, büchst sie aus. Nimmt schemenhaft wahr, wie ihr Auto mit der Rettungsschere zerschnitten wird. Sieht, daß eine tote Frau am Boden liegt. Daß Kinder um sie stehen. Wird in den Bus zurückgebracht. Sie wehrt sich mit Händen und Füßen. Eine Frau erzählt ihr, daß man sich um Susanne kümmert; Sabine hört auf zu toben.

Sie hat nicht Susannes Bein gesehen, aus dem der Knochen herausschaut; nicht das dreifach gebrochene, blutige Becken. Und obwohl sie der Freundin direkt ins Gesicht schaute, fiel ihr nicht auf, daß sich das eckige Seitenfenster messerscharf zersplittert wie eine Halskrause um ihren Kopf gewickelt hatte.

Martin und Sabine haben noch Glück. Sie kommen mit leichten Prellungen davon. Doch um Martins Freundin Susanne steht es schlimm. Oberschenkelbruch links, vordere Beckenbrüche, Harnleiterverletzung, Gelenklockerung im Kreuzbein, Schnittverletzungen im Gesicht, an Hals und Armen, Oberkieferbruch, Nierenkontusion, Lungenkontusion, starke Prellungen am Körper, Gehirnerschütterung, Schockzustand – so lautet die Diagnose. In der Intensivstation in Freising weiß man fünf Tage lang nicht, ob die 21jährige überleben wird. Erst nach 13 Wochen kann sie entlassen werden. Auch heute ist unklar noch, ob sie je wieder normal gehen können wird und welche bleibenden Schäden Susanne davongetragen hat.

Was allen Unfallbeteiligten bleibt, ist die Erinnerung. „Es hat immer noch weiter gekracht hinter uns, das Geräusch von Blech und splitterndem Glas“, berichtet die bei Unfall Nummer 14 mit einem Schleudertrauma davongekommenem Elvira Kastinger. „Aber keinem war sein schönes Auto wichtig, alle waren froh, daß sie überlebt hatten. Und es wurde etwas zu Essen angeboten, Tee gekocht es war ein richtiger Zusammenhalt in dieser Notsituation.“

Erst zweieinviertel Stunden nach ihrem Unfall werden Karl und Elvira Kastinger in das Krankenhaus nach Pfaffenhofen gefahren. „Es hat ausgesehen wie auf einem Schlachtfeld. Ich habe mir nie träumen lassen, daß es so was gibt. Jede Menge Wracks, eines ohne Dach, andere umgestürzt. Überall lagen Verletzte auf Decken auf der Autobahn, immer wieder wurden wir angehalten und gebeten, noch einen mitzunehmen, aber der Sanitätswagen war voll.“

Ihr Mann Karl lag zwei Tage im Krankenhaus, sie eine Woche. Ein neues Auto haben sie schon. Sie fährt allerdings sehr viel vorsichtiger als vor dem Unfall. „Ich war schon für ein Tempolimit“, sagt Frau Kastinger. Ihr Mann hält nichts davon. „Die Leute müßten nur normaler fahren und Abstand halten. Aber wenn Sie Abstand halten, schert Ihnen ja sofort einer ein.“

Sebastian Schwarz, der die Kastingers beinahe in den Tod geschleudert hätte, bekam von seinem Chef schon eine Woche nach dem Unfall einen neuen BMW-Diesel. „Ich muß ja fahren, ich muß ja die Baustellen inspizieren.“ Sein linker Mittelfinger wurde genagelt und ist noch steif. „Den behalte ich als ewiges Andenken. Einmal erwischt’s einen im Leben. Und daß man bei der Geschwindigkeit noch überleben kann, ist ein Wunder.“

Tendenz: steigend

Überleben? Cehra Alay lag vier Tage auf der Intensivstation in München, später wurde sie nach Hamburg transportiert. Ihr Bein war dreifach gebrochen, sie kann bis heute nur auf Krücken laufen. Im Kopf wurde ihr eine Platte eingesetzt, eine dicke Narbe zieht sich quer über ihr Gesicht. Auch Reffaedin humpelt noch immer, wegen der gebrochenen Kniescheibe. Immer wieder schreckt er in seiner Sozialwohnung in Hamburg-Billstedt nachts aus dem Schlaf. Er hat auch Angst beim Autofahren, aber wenn er wieder genug Geld hat, wird er sich einen neuen Wagen zulegen. „Es ist schwer ohne Auto, es gibt hier keine Bushaltestelle und keine U-Bahn.“

Aber warum passiert es? Warum immer wieder dort? An Erklärungen herrscht kein Mangel. Die BAB 9 ist eine der meistbefahrenen Autobahnen der Bundesrepublik. Regensburger Verkehrspsychologen vermuten, daß der „typische Ruhrgebietstourist“ nach stundenlanger Fahrt hier „halb automatisiert“ sei. Nach den Kurven- und Hopfenfeldern der Holledau werde die Straße vor Allershausen öde, baumlos, flach und leer, sei plötzlich ohne visuelle Ablenkungsmanöver, die ein Gefühl für die eigene Geschwindigkeit ermöglichten. Die Fahrer drückten also noch einmal richtig aufs Gas, motiviert durch das Ziel oder die Etappe München.

Eine Untersuchung macht die im Frühjahr umherfliegenden Hopfenpollen verantwortlich, der bei Regen jede Fahrbahn in eine Rutschbahn verwandle. Bild ahnte hingegen: bei Allershausen gebe es Erdstrahlen, eine Wasserader.

Die Auto-Lobbyisten beim ADAC erklären: weil das Regenwasser auf der dreispurig breiten Fahrbahn nicht rasch genug ablaufe, bildeten sich Spurrillen, wodurch die Aquaplaning-Gefahr erhöht werde. Der rauhe Asphalt täusche vor, das Wasser zu „schlucken“. Gefälle und Kuppen im Wechsel ließen die Autofahrer immer wieder „Schwung holen“. „Verleitet“ und „getäuscht“, seien die Autofahrer zu „sorglos“.

Polizeihauptkommissar Günter Blaschek von der Freisinger Verkehrspolizei mag das alles nicht mehr hören. „Die Schuld liegt beim Verkehrsteilnehmer“, sagt er lapidar. „Erdstrahlen, Wasseradern, Hopfenpollen – alles nicht der Fall. Das schöne Wort von der ‚nicht angepaßten Geschwindigkeit‘, der viel zu geringe Sicherheitsabstand – das ist ganz banal die Ursache. Die Leute fahren in Nürnberg auf und nehmen in München zum ersten Mal das Vollgas weg: Das ist alles. Mehr zählt nicht.“

„Die Autofahrer sind selbst schuld“, sagt auch Helmut Holzer von der Allershausener Autobahnstation. „Wer ist denn verantwortlich in dem Karren? Da braucht man keine Untersuchungen anzustellen. Da muß man sich nur mal hinstellen an die Bahn und sich das ein paar Minuten lang anschauen. Dann weiß man, was los ist.“

So berüchtigt die Allershausener Strecke mittlerweile geworden ist, Massenkarambolagen ereignen sich hier immer wieder. Bereits fünf Tage nach dem Rekordunfall vom 23. Mai, die Christen feiern das Fest Christi Himmelfahrt, krachen auf der BAB 9 bei Kilometer 508,1 siebzehn Autos und zwei Motorräder aufeinander. Zwei weitere Tage später, Nieselregen, BAB 9, Kilometer 511: 21 Fahrzeuge haben sich ineinander verkeilt; die Feuerwehr birgt aus den Wracks elf Verletzte.

Doch ungeachtet des alltäglichen Blutbades auf deutschen Straßen geht die Fahrt in den Tod ungebremst weiter. Im vergangenen Jahr kam es in der Bundesrepublik insgesamt zu 1,9 Millionen Verkehrsunfällen mit 443 000 Verletzten. 8945 Menschen starben dabei, rund 600 mehr als im Jahr zuvor. Die Statistiker registrieren als Verkehrstote allerdings nur Unfallopfer, die bis zu vier Wochen nach dem Unfall sterben. Moderne Intensivmedizin kann hingegen das Leben Schwerverletzter immer mehr verlängern, ohne es jedoch letztlich retten zu können. Die tatsächliche Zahl der Verkehrstoten, meinen daher Experten, liege weitaus höher.

Vor allem sind es Jugendliche, die mit ihren PS-Geschossen in Tod und Verstümmelung rasen: Im Vorjahr betrug der Anteil der 18- bis 24jährigen an den Verkehrsopfern der Bundesrepublik knapp 30 Prozent. 1986, im Jahr der Verkehrssicherheit, wurde auf bundesdeutschen Straßen jede Minute ein Mensch verletzt, verunglückten jeden Tag 20 000 Verkehrsteilnehmer. 20 000 Menschen wurden so schwer verletzt, daß sie ihr Leben lang behindert bleiben werden.

Die Tendenz ist weiterhin steigend. Allein in Bayern kam es im ersten Halbjahr ’87 zu 188 000 Verkehrsunfällen (1986 waren es noch 185 000 gewesen) mit 1045 Toten und 46 000 Verletzten.

Immer häufiger fallen diesem Alltagsmassaker Kinder zum Opfer, mehr als 50 000 pro Jahr. Die Kindersterblichkeit ist bei den 1- bis 5jährigen zu 45 Prozent auf Verkehrsunfälle zurückzuführen, bei den 6- bis 10jährigen sogar zu 70 Prozent.

Verkehrsexperten sind in ihrem Urteil einig: Schuld an dem blutigen Gemetzel trägt vor allem der Temporausch der Autofahrer. Ungehemmt Gas geben – nach Jahren der Energiekrise und des schlechten Umweltgewissens sind die Deutschen wieder stolz auf hundert und mehr PS, auf GTI und turbo-Embleme, auf das satte Röhren entfesselter Motoren. Jeder zehnte Autobahnbenutzer rase mit über 170 Stundenkilometer, behauptet die Polizei. Und die Autoindustrie verspricht ihren todgeweihten Kunden blecherne Särge, „die es auf die Spitze treiben“ (Werbetext), bei 200 km/h und mehr, zum Anschaffungspreis der Kleinkredit-Angebote.

Was zählt beim Kollektivsymbol Auto sind PS-Zahlen und Beschleunigungswerte. Das „schnellste zugelassene Straßenfahrzeug der Welt“, so protzt eine Tuning-Werkstätte, sei ein modifizierter Ferrari Testarossa mit 710 PS und 339 km/h Spitze – von null ins Grab in 5 Sekunden?

Das Epitaph auf eine Generation von Autonarren könnte so lauten wie diese Triumphmeldung über die Eröffnung eines neuen Autobahnteilstückes: „Autotouristen können künftig von Hamburg über Lyon bis Valencia fahren, ohne auch nur einmal die Autobahn verlassen zu müssen.“

Ein Toter kostet 80 000 Mark

Von 8 Uhr bis 17 Uhr, neun Stunden lang, waren drei Fahrspuren der BAB 9 bei Allershausen am 23. Mai für den Verkehr gesperrt – ein beispielloses Chaos, Blech und Blut, Splitter, Schreie und Sirenen versperrten den Weg. Dann rollte der Verkehr wieder ungehemmt Richtung Süden – die Spuren der Katastrophe waren beiseite geräumt. Doch noch Monate nach dem größten Crash auf deutschen Autobahnen sind Hunderte von Polizeibeamten, Versicherungsangestellten, Staatsanwälten, Kraftfahrzeugmechanikern, Rechtsanwälten, Gutachtern, Hausärzten, Orthopäden, Krankengymnasten, Masseuren und Psychotherapeuten mit den Folgen der Karambolage beschäftigt.

Um „unnötige Zeit und hohe Kosten zu vermeiden“, so Alois Deichel von dem Münchner Versicherungsunternehmen „Allianz“, ist 1976 für Massenunfälle ein strategisch festgelegtes, routinemäßiges „Sonderregelungsverfahren“ eingeführt worden. Wenn demnach mehr als fünfzig Autos in eine Karambolage verwickelt sind und kein einziger Schuldiger ausgemacht werden kann, dann wird der Schaden vom Verband der Haftpflicht-Versicherer (HUK) vorgestreckt, von den hauptsächlich betroffenen Gesellschaften abgewickelt und dann mit einer Pauschalsumme pro Auto anteilig verrechnet.

Fremd- und Eigenverantwortung der Unfallbeteiligten werden dabei grob über den Daumen gepeilt. Die Faustregel heißt: Schäden hinten übernimmt die Versicherung – Schäden vorne zahlt der Autofahrer. Ausnahme: der Fahrer kann nachweisen, daß er nicht aufgefahren ist, sondern aufgeschoben wurde.

„Es ist dies die weitgehende Ausschaltung des Schuldprinzips“, meint Siegfried Frank, „Abteilungsleiter Kraftschaden“ bei der „Colonia“. Sonst müßte man in dreißig Jahren ein riesiges Hearing abhalten. Und in 50 Jahren würde man immer noch da sitzen und rechnen. Alois Deichel: „Wir gehen von einer Schuld aus – aber wir brauchen die Person nicht zu kennen. Der Vorteil für unsere Kunden: der Vertrag wird so bei Massenunfällen nicht belastet. Das ist vielleicht nicht richtig. Aber es ist praktikabel.“

In Allershausen waren die Versicherungsvertreter am nächsten Tag an Ort und Stelle. Die Polizei lieferte die Daten. Nach Autokennziffern ordnete man die betroffenen Fahrzeuge zu. Schon am 27. Mai stand die Zuständigkeit für die Katastrophen-Kostenregelung fest. Neben „Colonia“ und „Allianz“ müssen die „Nürnberger Versicherung“, die „R & V Wiesbaden“ und die Stuttgarter „Württembergische“ zahlen.

„Ich habe bisher eine Viertelmillion ausgespuckt“, sagt Siegfried Franz. Alle fünf zusammen haben für „Sach- und kleine Personenschäden“ schon 1,2 Millionen Mark ausgeschüttet – für eingequetschte Hecks und kleine Beulen, für Schmergequetschte ebenso wie für den Reiserücktritt des Porschefahrers, der sein italienisches Tenniscamp nicht mehr erreichen konnte. „Es waren dieses Mal auffällig viele neue Wagen dabei“, dieses Siegfried Frank. „Das kommt uns natürlich teuer. Aber es entspricht wohl der Wirtschaftslage.“

Doch der Löwenanteil steht noch aus: die Kosten für wochen- und monatelange Klinikaufenthalte, für Operationen, Therapien und Kuren. Die Sozialkostenträger haben ihre Forderungen noch nicht eingereicht. Allein jeder Krankenhaustag – ohne Behandlung schon mindestens 250 Mark. „Ein Toter“, erklärt Alois Deichel, „kostet 80 000 Mark; Kinder weniger. Es werden ja so viele Kinder getötet! Aber bei einem berufstätigen Ehemann und Vater, da können Sie auch schon mal auf eine Viertelmillion kommen. Beerdigung, Verdienstausfall, Unterhalt für Frau und Kinder ...“

„Der Tote in Allershausen“, sagt Herr Frank, „der kostete uns so gut wie gar nichts – so makaber das klingt. Der ist so billig, weil er allein war. Ein Rentner, ohne Ansprüche der Angehörigen.“ Nachdenklich schaut er das Photo der von drei Seiten eingequetschten, kaum mehr als Auto erkennbaren Blechziehharmonika in der Akte an. „Furchtbar“, sagt Frank. „Da meinen Sie ja, das wäre ein Weltuntergang oder was.“

„Insgesamt“, sagt Alois Deichel, „werden wir wohl auf rund fünf Millionen kommen.“

Weniger als ein Bruchteil dessen dürfte ausmachen, was Polizei und Staatsanwaltschaft auf dem Strafverfahrensweg eintreiben. Da ist ein Ende noch überhaupt nicht abzusehen. „Die Anzeigen trudeln erst allmählich ein“, sagt vier Monate nach der Karambolage ein Beamter der Freisinger Verkehrspolizeiinspektion. „Das ist ja ein riesiger bürokratischer Aufwand. Da müssen Gutachten erstellt und Zeugen vernommen werden, in Zusammenarbeit mit der heimischen Polizei.

Die reinen Ordnungswidrigkeiten – ahndet die Polizei direkt über die zentrale Bußgeldstelle. Auffahren im Stau macht rund hundert Mark. „Ziemlich preiswert“, sagt der Beamte. „Aber dann legen sie Einspruch ein, das Ganze muß an die Staatsanwaltschaft weitergeleitet werden, geht zurück an uns, womöglich kommt es zur Verhandlung – das zieht sich noch über Jahre hin.“

Wenn Menschen verletzt wurden, muß die Staatsanwaltschaft entscheiden, ob sie Anklage erhebt. Doch bisher, so Joachim Totzauer bei der Staatsanwaltschaft in München, liegen noch längst nicht alle Unterlagen auf seinem Schreibtisch. Auch bei den beiden Todesfällen ist noch nichts geschehen – es wird weiter ermittelt.

Verunsichert warten unterdessen die Unfallbeteiligten, ob es zu einem Prozeß kommt. Noch immer schüttelt es Sabine Strahm, wenn sie sich an den Augenblick erinnert, als zwei Polizisten schon am Tag nach dem Unfall ihr Krankenzimmer betraten und sie auf den Flur hinaus holten. Sie war noch im Schockzustand, als man ihr eröffnete: „Gegen Sie wird wegen fahrlässiger Tötung ermittelt. Die Frau im Auto vor Ihnen ist tot.“

Am schlimmsten sind die Schuldgefühle. Wochenlang quälte Sabine der Gedanke, eine Fremde umgebracht zu haben. Heute ist sie ruhiger. Denn aus der Zeugenaussage des VW-Santana geht hervor, daß sie nicht aktiv und direkt in den Todeskäfig hineingerast war. Nach wie vor unerträglich ist ihr jedoch das Gefühl, für Susannes lebenseinschneidende Verletzungen verantwortlich zu sein. „Ich habe ja den Unfall nicht wirklich verursacht“, sagt sich Sabine. „Aber ich bin halt gefahren.“ Beim Wiedersehen im Krankenhaus weinten beide. Geholfen hat nur, daß Sabine, die gelernte Krankenschwester, die Freundin nach der Operation eine Woche lang tagtäglich gepflegt hat.

Nie wieder Auto? „Ich habe schon jetzt furchtbare Angst vor der Reise am nächsten Mittwoch“, sagt Frau Prechtl aus Nürnberg – ihr Mann will aber auf keinen Fall auf seinen Italien-Urlaub verzichten. Der Unfall hat tiefe psychische Wunden verursacht. „Wenn ich dieses Aufprall-Geräusch höre, dann kriege ich einen richtigen Schreikrampf“, sagt sie und bricht in Tränen aus. Sie schneuzt sich, es ist ihr peinlich. „Erst letzte Woche in der Stadt. Vor mir nur dieser kleine Zusammenstoß in einer Parklücke – und ich habe laut gebrüllt.“

Immer wieder tauchte auf der Wand das Bild ruinierter Autowracks vor ihren Augen auf. „Ich halte nicht aus, daß ich keine Erinnerung habe. Ich will wissen, was hinter der Wand ist. Dann werde ich unruhig, habe Depressionen. Ich ertrage es kaum.“ Wieder kämpft sie mit den Tränen. Die Ärztin hat ihr Beruhigungsmittel verschrieben.

„Das einzige, was ich immer noch nicht verdauen kann“, sagt Hauptkommissar Günter Blaschek, der Leiter der Verkehrspolizeiinspektion Freising, „sind die Kinder. Tote, leidende, entstellte Kinder – das verkrafte ich nicht. Aber sonst: man stumpft ab.“ Er bezweifelt, daß die neuen Warnschilder auf der problematischen Allershausener Strecke „Wirkung entfalten“. „Abstand halten – mindestens halber Tacho“, heißt es auf einer Tafel; auch die Vorschrift „Hundert bei Nässe“ sei zwecklos, solange sie nicht effektiv kontrolliert werde.

„Freilich werden wir dauernd verletzt“, erzählt Helmut Holzer von der Allershausener Autobahnwacht von der Angst des „Fachbeamten“ vor der Autobahn. Ein Kollege sei gerade aus dem Krankenhaus entlassen. Er wurde angefahren, während er einen Unfall aufnahm. Holzer selbst hat sich neulich „nach der langjährigen Berufserfahrung schon mal auf den Mittelstreifen gewagt“, um den Autos hinter einer Karambolage mit einer Fahne „Abbremsen“ zu signalisieren. „Prompt donnert mir einer direkt vor den Füßen mitten in die Leitplanke hinein – als wäre ich eine Zielscheibe! Da hat es mich dann schon geschüttelt.“ Diesmal half auch das „stärkere bayerische Nervenkostüm“ nicht mehr.

Holzer: „Das ist eine wahnsinnig gefährliche Arbeit. Du mußt immer sprungbereit sein. Immer wachsam sein. Ständig auf der Lauer sein. Halt ihnen nie den Rücken hin! Das ist die erste Überlebensregel. Turnen muß man können. Wendig sein. Jederzeit über die Leitplanke hechten.“

Während er erzählt, in nur zwei Stunden an einem verregneten Nachmittag, kommen drei Notrufe herein. Und schon wieder: der vierte. Ein Lastwagen ist auf der nassen Fahrbahn ins Schleudern geraten, hat einen weiteren Lkw und drei Pkws gerammt. Ein Insasse, heißt es, sei schwer verletzt. Zwei Kollegen ziehen den gummierten dünnen Regenmantel an, greifen nach den schwarzen Unfallkoffern mit Maßband und Formularen, sind in wenigen Minuten abgerückt. Das Fahrzeug zur Stauabsicherung ist schon unterwegs. Der Verkehr ist dicht. In Richtung München fährt niemand mehr an der Allershausener Polizeistation vorbei. „Jetzt könnte es wieder passieren“, sagt Holzer. „Da baut sich was auf.“

„I woaß net“, brummt er, „was da für eine Veränderung in uns vorgeht mit der Geschwindigkeit? Vielleicht sind wir doch noch nicht soweit wie die Technik. Vielleicht hat der Mensch das Auto doch noch nicht verdient. Vielleicht müßten wir doch noch auf Pferden reiten.“

Er lehnt an seinem Schreibtisch und schaut aus dem Fenster hinüber zur BAB 9. „I woaß net“, sagt Holzer noch einmal. „Das da draußen – das ist wie im Krieg.“