Von Herbert Schäfer

Beim baden-württembergischen Ernährungsminister Gerhard Weiser (CDU) hängt der Haussegen schief. Er ärgert sich, daß die Öffentlichkeit gegen seinen Willen von einem neuen Lebensmittelskandal erfahren hat, der – nicht nur im Musterländle – den Viehzüchtern und Metzgern empfindliche Umsatzeinbußen durch Käuferboykott bescheren kann.

Weisers Groll richtet sich gegen den Sprecher der Landespolizeidirektion 1 in Stuttgart, Hauptkommissar Herbert Fercho. Von ihm hatten Journalisten am Montag dieser Woche erfahren, daß in Hack und Schweineschnitzeln manchmal Rückstände von Medikamenten stecken, die in psychiatrischen Kliniken den Patienten verordnet werden, Chlorpromazin zum Beispiel. In der Humanmedizin wird das Nervenmittel unter anderem gegen Veitstanz und Schizophrenie injiziert. In der Landwirtschaft und Massentierzucht werden Rinder und Borstenvieh damit ruhiggestellt, um die Mastergebnisse zu verbessern und Transportverluste zu vermeiden, denn vor allem Schweine gehen auf der Fahrt zum Schlachthof vor Aufregung oft an Herzschlag und Kreislaufkollaps zugrunde. Chlorpromazin verhindert dies.

Der Skandal um die Pharmaschnitzel betrifft freilich nicht nur das Schwabenland. Aufsichtsbehörden in Rheinland-Pfalz, Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen, Bayern und Schleswig-Holstein geben bei einer Umfrage zu, daß ihnen der Mißbrauch der Stallapotheken in den Tierfabriken ebenfalls erhebliche Sorgen bereitet. Inzwischen ermitteln mehrere Staatsanwaltschaften und Landeskriminalämter „wegen mißbräuchlicher Verwendung von Tierarznei“. Auch Kontrollbehörden der EG-Nachbarstaaten wurden eingeschaltet, nachdem erwiesen ist, daß europaweit viele Züchter mit der Chlorpromazin-Spritze ihr Unwesen treiben. Sie beachten dabei weder die strenge Rezeptpflicht noch die vorgeschriebene fünftägige Wartezeit vor dem Schlachten, während der sich das Mittel im Körper der Tiere angeblich abbauen soll.

Wirtschaftskontrolleure der baden-württembergischen Polizei kamen dem Übel auf die Spur, als sie die Wohn- und Geschäftsräume eines Viehhändlers sowie eines Tierarztes durchkämmten und auf wichtiges Beweismaterial stießen. Bei mehreren Fleischgroßhändlern tauchten die Fahnder ebenfalls auf und stellten Akten sicher.

Zuvor hatten sie sich aufgrund konkreter Verdachtsmomente im Stuttgarter Schlachthof ein größeres Quantum Schweinenieren besorgt, die sie beim chemischen Untersuchungsamt der Landeshauptstadt auf gefährliche Wirkstoffe analysieren ließen. In fünf von sechs Proben fanden sich bis zu 0,5 Milligramm Chlorpromazin pro Kilo Fleisch, was nach Ansicht von Medizinern erhebliche Gesundheitsrisiken für Verbraucher bedeutet. Denn das Mittel kann bei entsprechender Dosierung zu Wirkungen wie Muskelsteifigkeit, Schlucklähmung, Gallenstau, Knochenmarkschäden und zu ähnlichen Symptomen führen wie die Parkinsonsche Krankheit.

Die zuständigen Ministerien in Bonn und in den Bundesländern könnten dies eigentlich wissen: bereits 1982 hat das Bundesgesundheitsamt (BGA) in Berlin in einem Gutachten vor „unerwünschten Wirkungen“ des Chlorpromazins gewarnt. Weil es „in den Verdacht eines möglicherweise teratogenen (Mißbildungen erzeugenden) Stoffen gekommen“ sei. Angesichts „schwerwiegender Nebenwirkungen“ hätten alle „eßbaren tierischen Gewebe“ von Rückständen dieser Substanz frei zu sein, verlangte damals das Bundesgesundheitsamt.