Von Hans Otto Eglau

Länger als fünf Monate rackerten sich Arbeiter mit Preßlufthämmern und hydraulischen Baggern an der massiven Stahlbetonkonstruktion ab; dann waren von dem imposanten, 46 Meter hohen Düngemittelsilo im Stammwerk des Chemiekonzerns Hoechst nur noch Trümmer übrig. Der 6,5 Millionen teure Abbruch des sechzig Jahre alten Veteranen war überfällig. Seit Ende 1984 werden bei Hoechst keine Düngemittel mehr hergestellt.

Die Demontage des Hoechst Lagermonsters symbolisiert den Zustand der Branche: Die deutsche Düngemittelindustrie läuft Gefahr, daß nur noch Trümmer übrigbleiben. In einem ruinösen Verdrängungswettbewerb kämpfen die inländischen Hersteller um die schrumpfende Nachfrage und gegen immer erfolgreichere ausländische Konkurrenten. Nur noch weniger als die Hälfte aller heimischen Umsätze entfallen auf deutsche Produzenten. Am dramatischsten ist die Lage in Nordrhein-Westfalen mit seinen günstigen Zufahrtswegen für Lieferungen aus dem Ausland. Neben den über Wasser und Schiene herangekarrten Importen bleibt den deutschen Unternehmen hier nur noch ein Marktanteil von 25 Prozent.

Nach den Hoechst-Managern, die in den vergangenen Jahren die Düngemittelproduktion auf ein Viertel der ursprünglichen Menge reduzierten, hat jetzt auch Marktführer BASF angekündigt, daß dieser Geschäftszweig erheblich verkleinert werden soll. So wollen die Ludwigshafener ihr Düngemittelwerk Victor in Castrop-Rauxel mit mehr als siebenhundert Arbeitsplätzen bis 1990 schließen. Dichtgemacht werden soll auch das Guano-Werk in Nordenham, wo gegenwärtig 240 Menschen arbeiten. Da auch die Konzerntochter Kali + Salz ihre Produktion einschränkt, verlieren knapp zweitausend Beschäftigte ihren bisherigen Arbeitsplatz. „Angesichts der dramatisch verschlechterten Rahmenbedingungen“, so BASF-Chef Hans Albers, „blieb uns keine andere Wahl.“ Auch der Dritte im Führungstrio, die vom norwegischen Konzern Norsk Hydro beherrschte Bochumer Ruhr-Stickstoff AG, ist auf Sparkurs gegangen. Das Kalkammonsalpeter-Werk Langelheim in der Nähe von Goslar wurde 1986 geschlossen; dem Rotstift zum Opfer fiel überdies der Plan, das Werk Herne großzügig auszubauen. Statt dessen favorisieren die Skandinavier das moderne und wegen des Tiefwasserhafens günstiger gelegene Werk Brunsbüttel als Standort für künftige Investitionen. So spricht manches dafür, daß in Herne Anfang der neunziger Jahre das vorletzte Düngemittelwerk an der Ruhr seinen Betrieb einstellen wird.

Mit dem technisch ausgereizten Standardprodukt der Agrarchemie beginnt nach den Massenkunststoffen und Massenchemiefasern ein weiterer „Klassiker“ der Branche seine heimische Existenzbasis zu verlieren. Auslöser war auch hier die drastische Verteuerung des Öls seit 1973. Vereinfacht ausgedrückt ist nämlich die Produktion von Düngemitteln nichts anderes als die Umwandlung von Energie. Rund achtzig Prozent der bei der Stickstoffherstellung entstehenden variablen Kosten verursacht das mit Hilfe von Öl oder Erdgas gewonnene Syntheseprodukt Ammoniak.

Bis Mitte der siebziger Jahre produzierte die jeweilige nationale Industrie zu mehr als achtzig Prozent für ihren Heimatmarkt. Der Export war eine Art Ventil für unverkäufliche Überschußmengen. Eine Ausnahme davon machten nur die deutschen Hersteller, die schon früher in großem Stil über die Grenzen lieferten. Nach der Ölpreisexplosion wurden in den nahöstlichen Opec-Staaten größere Produktionen aufgebaut, die wegen ihrer geographischen Lage besonders die asiatischen Märkte bedienten. Versorgt mit russischem Erdgas, begannen wenig später auch die Ostblockländer den Weltmarkt zu entdeckten. Offensiv wurden gleichzeitig auch EG-Länder wie Belgien und die durch einen künstlich niedrig gehaltenen Erdgaspreis äußerst konkurrenzfähigen Holländer. Herbert Steinjahn, Vertriebsleiter Düngemittel bei Hoechst: „In der zweiten Hälfte der siebziger Jahre entstand ein richtiger europäischer Markt.“

Für Konkurrenz sorgten zusätzlich noch ehrgeizige Eindringlinge aus Staaten, die nicht der EG angehören. Allen voran Norsk Hydro; Norwegens größter, mehrheitlich dem Staat gehörender Konzern schwang sich binnen weniger Jahre durch den Kauf meist verlustreicher Hersteller zum führenden Düngemittel-Produzenten der Welt auf. Nach ihrem Einstieg in Holland (1979), Schweden (1981) und England (1985) übernahmen die Norweger 1985 auch den drittgrößten deutschen Produzenten, die von der Veba-Chemietochter Hüls kontrollierte Ruhr-Stickstoff AG. Die Norweger bringen es mittlerweile auf einen Marktanteil von 35 bis 40 Prozent in Westeuropa.