Zuckerrohrernte in Louisiana. Die Arbeit ist schwer, kein Negro Spiritual begleitet sie. Ein schwarzer Mann ist auf der Flucht vor einem weißen Mann. Der Schwarze ist zu Fuß und wehrlos, der Weiße jagt ihm mit einem Traktor und einem Gewehr hinterher. Zwei schwerbeleibte Männer in heftiger Bewegung, das ist komisch und ein grausames Kinderspiel, das im nächsten Augenblick umkippt zur blutigen Vorgeschichte, von der Handlung sauber abgetrennt durch die Titel, die jetzt über die Leinwand laufen: Die Münchner Firma Bioskop geht nach Amerika. Volker Schlöndorff ging von New York, wo er den „Tod eines Handlungsreisenden inszenierte, in den tiefen Süden.

Aus nichtigem Anlaß will der Farmer Beau „den Nigger Charlie“ töten, der sich in die Hütte des alten Landpächters Mathu (Louis Gossett jr.) flüchtet. Ein Gewehrlauf schiebt sich in den Türspalt, ein Schuß fällt. Schnitt auf das Herrenhaus der Plantage, in dem sich die junge Herrin Candy (Holly Hunter) erhebt mit dem Satz: „Habt ihr keinen Schuß gehört?“

Ins Gras gebissen hat der fette Farmer. Die junge Weiße, eine entschieden liberale Frau, wirft sich zur Regisseurin der ratlosen Schwarzen auf. Sie trommelt die alten Männer der armseligen Pächterhütten zusammen. Sie ruft ihren Freund, einen Journalisten, und den Sheriff (Richard Widmark) an. Der Freund schiebt seine Sorgenfalten in die Stirn, läßt seinen Blick über Photos weißer Lynchjustiz gleiten, bevor er die Provinzredaktion verläßt und in seinem Porsche zum Ort des Verbrechens braust Der Sheriff ist schon da. Er verhört, müde und brutal. Denn es ist sein Angeltag. Wie soll man da ermitteln?

Meisterhaft ist die Exposition, spannend ist die Dramaturgie entfaltet. Jeder der versammelten Nicht-Täter hätte einen Grund gehabt, zum Täter zu werden. Die junge Herrin der Plantage stellt sich leibhaftig vor die Schwarzen, als wäre sie die Mutter der alten Männer. Ihr Einfall ist ein rettender Gedanke. Alle Männer bezichtigen sich jetzt als Mörder. Richard Widmark, der lieber angeln gegangen wäre, glaubt, den Fisch an der Leine zu haben. Der alte Mathu, Eigenbrötler und stolzer Misanthrop, wird von ihm verdächtigt und geschlagen.

Wie im Garten Gethsemane einst die aufgeregten Jünger durcheinander fragten: „Herr, bin ich’s?“ (...der zum Verräter wird), so überschlagen sich hier die Stimmen, die laut und fest „Ich war’s“ behaupten. Bei aller Leichtigkeit der beiläufigen Charakterisierung, der Kunst einer undramatischen Ballung von Motiven trifft dieser Film den Ton einer fast biblischen Ballade. Dazu tragen die aufrechten Männer bei, die zu ihrer Liebenswürdigkeit am Ende ihre Würde hinzugewinnen.

Denn diese Gebeugten und Verfolgten werden bedroht. Parallel zu ihrer Versammlung findet die Versammlung der weißen Männer statt. Der Clan des erschossenen Farmers kann gerade noch den aufflammenden Wunsch zur Blutrache unterdrücken, da spaltet sich eine Bande betrunkener Rassisten von der Familie ab, um auf eigene Faust den vermuteten Täter niederzustrecken. Mit Gegenwehr wird nicht gerechnet, mit Solidarität noch weniger. Doch werden die weißen Desperados, ohne daß ein Schuß fällt, zur Umkehr gezwungen.

Was bleibt, ist ein moralisches Showdown der wechselseitigen Entlastung. Denn erstens stellt der wahre Täter sich dem unnachahmlich müden Sheriff, zweitens wird der Heißsporn der Rassisten isoliert durch die Bemerkung aus dem Off, er sei sowieso ein Fremder in der Gegend, ein Wanderarbeiter im Ölgeschäft. Damit zielt die Konfliktlösung des Films auf das traditionell amerikanische Demokratieverständnis der Selbstregulation. Der Aufstand hat sich gelohnt. Er erntet eine Frucht des Zorns, die fällig war.

Schwarz und Weiß sind hier nicht länger Bastionen im Klassenkampf, sowenig wie die Hütte und das Herrenhaus. Schwarz und Weiß sind Zwischentöne im historischen Emanzipationsprozeß. Längst denkt man im Herrenhaus auch die Position der Schwarzen mit, so wie sich in der Hütte Gründe finden, „weiß“ zu denken. Zwar soll der „Aufstand alter Männer“ Anfang der siebziger Jahre spielen, zu einem Zeitpunkt, als die ersten Ergebnisse der Bürgerrechtsbewegung in den USA greifbar waren, doch ist die Perspektive auf die Ereignisse durchaus eine der achtziger Jahre.

Ausgangspunkt für Schlöndorffs Film ist der Roman „The Gathering of Old Men“ des schwarzen Autors Ernest J. Gaines aus dem Staate Louisiana (die deutsche Übersetzung ist jetzt beim Pahl-Rugenstein Verlag, Köln, erschienen). Schlöndorff hat mit diesem Stoff vorpolitische Formen aus politischer Sicht entdeckt, die ihm durch die vielen Filme nach der klassischen Literatur etwas abhanden gekommen war. Auf verblüffende Weise knüpft dieser Film an den frühen Schlöndorff-Film „Der plötzliche Reichtum der armen Leute von Kombach“ (1970) an. In beiden Fällen wird den Rechtlosen ein Prozeß gemacht, in beiden Filmen wird der Spieß der Geschichte umgedreht und gegen die Machthaber gewendet. „Der plötzliche Reichtum der armen Leute von Kombach“ war ein Aufstand der armen Leute, „Ein Aufstand alter Männer“ endet in der plötzlichen Würde der schwarzen Männer. Aus der strengen Chronik wurde eine Ballade.

Louisiana ist ein unsicheres Gelände. Ein breiter Strom bildet am Rand große Sümpfe aus. Von den mächtigen Bäumen gieren Schmarotzerpflanzen nach allem, was sich bewegt. Normalerweise verfangen sich darin die Klischees vom tiefen Süden, ein vom Winde verwehter Mythos von weißer Gewalt und schwarzer Leidenschaft. Der europäische Blick des Regisseurs, die unaufdringlich genaue Arbeit des Kameramannes Ed Lachman, der schon mit Herzog und Wenders Filme drehte, räumen mit den Mythen auf. Das fabelhafte Material von Agfacolor hält den Aufstand durchsichtig und läßt den Sumpf in fahl-nördlichem Licht erscheinen. Die Würde, auch die des Lichtes, sagt der Film, ist zwar nicht unantastbar, aber doch unteilbar.

Karsten Witte