Von Wolfgang Martens

Frankfurt am Main

Die seit Mai am Börneplatz ausgegrabenen Ruinen der ehemaligen Judengasse seien „kein Anlaß zur Scham“, befand Frankfurts Oberbürgermeister Wolfram Brück jüngst in einer Rede vor den Stadtverordneten im Römer. Brücks Begründung: Das Frankfurter Getto habe während des Mittelalters Juden aus anderen deutschen Städten Zuflucht geboten, deshalb sei es darin eng und überfüllt gewesen. Nach Wochen der Argumentationsnot konnten die Christdemokraten aufatmen. Das Getto als Zeichen Frankfurter Liberalität – kein Grund für Trauerarbeit. Kein Grund für die Mehrheitspartei im Römer, die Ruinen als mahnende Zeichen an ihrem Ort zu belassen, wo sie die Jahrhunderte währende Erniedrigung und Verfolgung der Frankfurter Juden bezeugen würden.

Die Zuhörer im Rathaus – meist junge Leute, Christen beider Konfessionen, Juden, Gewerkschafter und Mitglieder des Bündnisses „Rettet den Börneplatz“ – empfanden Brücks Worte als Provokation. ist „Das ist unerträglich!“ schrie eine Frau von der Tribüne herab, und ein junger Mann meinte; „Die CDU frönt dem Zynismus.“ Sie konnten nicht begreifen, daß es trotz der wochenlangen heftigen Auseinandersetzungen um die Zukunft des Börneplatzes beim Votum der CDU bleiben soll: Weiterbau des Kundenzentrums der Stadtwerke auf dem Börneplatz und Erhaltung der Getto-Ruinen nur teilweise in einem Museumstrakt.

Die Stichworte für die entlastende und folgenreiche Geschichtsinterpretation hatte Hessens Ministerpräsident Walter Wallmann zuvor beim CDU-Kreisparteitag in Frankfurt gegeben. Mit Blick auf die Funde am Börneplatz formulierte er: „Es ist nicht richtig, daß ein gerader Weg von diesem Getto nach Auschwitz führt... Nicht der christliche mittelalterliche Antisemitismus ist schuld an Auschwitz, sondern – und das sage ich mit Zögern und Zweifeln – der falsche Weg, den dieses Land seit der Aufklärung gegangen ist.“ Wallmann folgerte: „Wir brauchen an dieser Stelle kein Mahnmal, denn die gefundenen Fundamente sind kein Anlaß zur Scham.“

Brück und Wallmann ist heftig widersprochen worden, von evangelischen und katholischen Theologen, der Jüdischen Gemeinde, von SPD und Grünen. Propst Dieter Trautwein sieht in den Getto-Resten einen „Spiegel unserer Vergangenheit“, der nicht in ein Kundenzentrum verpackt werden dürfe, weil er dort nicht der Würde eines Mahnmals gerecht werde. Als „Ausdruck eines furchtbaren Irrweges der Kirche“ bezeichneten Jens Harms, Direktor der Evangelischen Akademie Arnoldshain, und Studienleiter Pfarrer Dietrich Neuhaus die Getto-Ruinen. Salomon Korn, Vorstandsmitglied der Jüdischen Gemeinde Frankfurt, kritisierte an der Geschichtsschreibung der CDU, daß „unpassende historische Zusammenhänge“ gar nicht erst wahrgenommen würden.

Ludwig Börne, Zeitgenosse Heines, beschrieb die 1460 entstandene Judengasse als einen „langen finsteren Kerker“. 330 Meter lang, zwischen drei und sechs Meter breit, wohnten dort zeitweilig mehr als 3000 Menschen. Die drei Tore der Gasse wurden bei Einbruch der Dunkelheit verschlossen. Von weitem konnte man das Getto am Geruch erkennen, weil es den Juden verboten war, den Abwasserkanal zu überbauen. Zuzug und Heirat waren reglementiert. Erst infolge der Französischen Revolution hörte das Getto 1811 auf zu existieren. Doch es dauerte noch mehr als 50 Jahre, bis die Juden uneingeschränkt die Bürgerrechte erhielten. 1864 begann man mit dem Abriß der ersten Häuser in der Judengasse. Viele Juden waren froh, weil. sie darin einen Schritt zur Emanzipation sahen. 1885 wurde der ehemalige Judenmarkt erstmals „Börneplatz“ genannt.