Über Solidarität und Satzung en

Von Yaak Karsunke

Etwas fängt sehr schön an und es endet grausig. Das ist sozusagen das Wahrscheinliche in der Welt oder die Erfahrung. Das andere wäre, daß etwas hart anfängt, durch Arbeit geändert wird und anschließend glücklich endet, das wäre die Bauweise von Paradiesen.

Alexander Kluge

Die Anfänge des Verbandes deutscher Schriftsteller (VS) waren glanzvoll euphorisch. Im Juni 1969 als Zusammenschluß regionaler Autorenverbände gegründet, proklamierte die neue Interessenvertretung das "Ende der Bescheidenheit" und die "Einigkeit der Einzelgänger" – zwei einprägsame Parolen, denen Heinrich Böll in vielbeachteten Reden überzeugende Begründungen gab. Die beiden ersten Schriftstellerkongresse des VS (1970 in Stuttgart und 1973 in Hamburg) versammelten nahezu alles, was in der bundesdeutschen Literatur Rang und Namen besaß; die von den kulturrevolutionären Tönen der Studentenbewegung aufgeschreckten Autoren demonstrierten Solidarität und Selbstbewußtsein. Zum neuen Selbstverständnis gehörte auch die Einsicht, daß Schriftsteller in Gegenwart und Zukunft wohl weniger als Geistesfürsten zu wirken, denn als abhängig Beschäftigte in der Kultur-Industrie zu arbeiten hätten. Der organisatorische Ausdruck dieser Erkenntnis sollte "der Anschluß an eine Gewerkschaft unter Wahrung der Selbständigkeit einer Fachgruppe" sein – so beschloß es der Schriftstellerkongreß im November 1970. Die wesentlich weiter reichende Forderung von Martin Walser nach einer "Industriegewerkschaft Kultur" fand keine Mehrheit.

Damit hatte sich der VS gewerkschaftlichem Beharrungsvermögen gebeugt: der DGB war gegen die Neugründung einer IG Kultur und empfahl statt dessen den Anschluß an eine bestehende Gewerkschaft, die sich vielleicht zu einer Mediengewerkschaft erweitern ließe. Zur Auswahl standen die Gewerkschaft Kunst und die IG Druck und Papier (DruPa), die Entscheidung fiel im Januar 1973 mit großer Mehrheit zugunsten der letzteren: die Intellektuellen wollten in einer "richtigen" Arbeiter-Gewerkschaft sein. Mit der Aufnahme des VS sicherte sich die DruPa, deren Mitgliederbestand durch die elektronische Revolution in den Print-Medien zunehmend gefährdet war, ein Faustpfand für die Federführung bei einer künftigen Mediengewerkschaft – und damit für den Fortbestand der eigenen Organisation. Denn "das wichtigste Ziel der Organisation ist nicht so sehr, daß sie bestens funktioniert, sondern es ist ihre Dauer. Die Organisation muß bestehen bleiben – koste es, was es wolle –, und in der Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung hat dieses Ziel oft sehr viel gekostet", wie der Gewerkschaftssoziologe Theo Pirker einmal angemerkt hat.

Die Unterschiede zwischen intellektueller und industrieller Produktion wurden bei der Verbrüderung von Druckern und Dichtern schlicht übersehen. Die Tatsache, daß Schriftsteller gezwungen sind, ihr Geld in der Kultur-Industrie zu verdienen, macht aus ihnen keine Industrie-Arbeiter: anstatt aber diese Differenz genau und sorgfältig herauszuarbeiten (wozu auch organisatorische Konsequenzen gehört hätten), wurde sie lediglich mit Solidaritäts-Pathos verwischt. Inzwischen ist dem kurzen Rausch ein langer Kater gefolgt.