ZDF, Donnerstag, 17. September: „Ihr Einsatz bitte...“

Wußten Sie, daß Deutschland schön ist? Daß es sich lohnt, es zu bereisen, seine Städte zu sehen, mit seinen Eigenheiten sich auszukennen, mit seiner Geschichte, seiner Mode, seinen Autos und so fort? Sie wußten es? Um so besser, dann können Sie gewinnen. Je nachdem, ein Handgeld oder einen Wagen, einen Fernseher oder eine Küche, eine Heimwerkertruhe oder eine Wanderausrüstung – lauter deutsche Preise. Sie müssen nur eins sein: deutsch, pardon: flink. Und Bescheid wissen. Aber das tun Sie ja.

Die Chose läuft im Zweiten Programm, heißt: „Ihr Einsatz bitte ... Spiele und Gespräche rund um Made in Germany“ und wird geschmissen von Dieter Thomas Heck.

Letzte Woche mußten sechs Kandidaten und -innen beweisen, daß sie das Nymphenburger Schloß vom Bremer Hauptbahnhof, Knickerbockers von der Schiebermütze, den Struwwelpeter von Hans im Glück und Steffi Graf von Brigitte Horney unterscheiden konnten. Und im Zeitgeschehen, soweit es Herrn Köhnlechner und den HSV betrifft, hatte man auch firm zu sein. Es gewann Babette Meir aus Lech am Rhein. Die Wanderausrüstung.

Na und? Warum so bemüht ironisch? Laß doch die Leute ihren Spaß haben und raten und gewinnen, das vertreibt die Zeit. Sag ich ja une sehne mich dabei nach dem guten alten Nonsens-Quiz, wo man nicht weiß und nicht schwarz sagen und irgendeinen seltenen Vogel raten durfte. Denn dieser hier war ein garstig Quiz, ein politisch Quiz, doch. Zumindest gewisse Nebenabsichten haben bestanden: Die Leute sollen mit Germany, in dem sie gemacht vorden sind, öffentlich und unter Gelächter versöhnt werden, ja da fängt es an, das neue Nationalbewußtsein: im Fernseh-Quiz. So etwa muß das Konzept der Macher gelautet haben, und wer das für überinterpretiert hält, der erkläre mir, wie die große Blonde in die Show kam, die angeblich Spaniens tollste Flamencotänzerin ist, aus Berlin stammt und Elke heißt.

Man könnte sich echauffieren über so einen plumpen Chauvinismus, wenn die Macher, Master und Kandidaten in diesem Spiel nicht schon genug gestraft wären durch die Tücke des Quiz-Biz. Aufwendige Sendungen dieser Art produzieren mit Sicherheit Leerlauf und Pannen, das ist gar nicht anders möglich bei der enormen Komplexität, die die wechselnden Spielregeln und Schauplätze im Verein mit menschlicher Begriffsstutzigkeit und anfälliger Technik schaffen. Und der Zuschauer, der, auch wenn er deutsch ist, schadenfroh bleibt, zieht sein Vergnügen aus der Erwartung, daß was schief läuft und läßt die nationale Propaganda vorbeigehn.

Nicht mal Dieter Thomas Heck, Chef-„Redukteur“ sämtlicher Komplexitäten, schuf Vertrauen in den Zusammenhalt des chaotischen Trubels. Da hielt er doch ein Telephon in der Hand, aus dem sich statt des erwarteten Stars das Rauschen des Äthers meldete, da überraschte er einen auswärtigen Gewinner namens Schäfer beim programmwidrigen Nichtsehen seiner Sendung, und schließlich überzog er um ganze zehn Minuten! Es hätte noch viel mehr schiefgehen können, denkt man an all die Türen, Schlüssel und Exponate, die Bildschirme, Knöpfe und Armaturen, an die gewaltige Studio-Maschinerie und die stets drohende Überforderung der ratenden Gäste. Aber deutsche Tüchtigkeit im Verein mit Heckscher Präsenz und Heckschem Humor hat dann doch den Nippel durch die Lasche gekriegt. Ein Grund, auf uns stolz zu sein, doch, ich seh’s ein. Barbara Sichtermann