Von Rüdiger Jungbluth

Am Fenster des Hauses Hauptstraße 75 sind die Rolläden zur Hälfte heruntergelassen. Renate und Gerd Gaspers schließen sie niemals völlig. Nachts lassen sie im Wohnzimmer Licht brennen: "Damit die Leute sehen, daß wir hier noch wohnen." Die Nachbarhäuser stehen leer, das eine seit drei, das andere seit fünf Jahren. Die Gaspers haben Angst vor Einbrechern.

Seit vor sieben Jahren die ersten Einwohner aus Lich-Steinstraß fortgezogen sind, suchen Plünderer den Ort heim. Sie holen sich Waschbecken, Kühlschränke und Installationen aus den Häusern. Andere stöbern nach zurückgelassenen Altertümchen. Altbaubesitzer holen sich Steine und Balken. Die Plünderer decken Dächer ab und bauen Türen aus. Von Tag zu Tag wird das Bild trostloser in Lich-Steinstraß. Bei Wind klappern nachts die Fenster.

Noch zwanzig Familien wohnen in dem Geisteron. Früher lebten hier 1500 Menschen. Bis 1990 müssen die letzten hier weg sein. Gerd Gaspers will "so lange aushalten wie möglich". Das hat er sich vorgenommen, als er vor fünfzehn Jahren erfuhr, daß Lich-Steinstraß vom Erdboden verschwinden wird. "Das ist mein Heimatort. Das ist mein Elternhaus." Die Heimat stirbt Stück für Stück. Vor fünf Jahren zog der letzte Karnevalszug durch den Ort, vor vier Jahren machte die letzte von zehn Kneipen dicht; seit dem vergangen nen Jahr kann man in Lich-Steinstraß nichts mehr kaufen. Auf dem alten Friedhof sind die Gräber geöffnet worden. Die Toten, die hier ihre letzte Ruhe finden sollten, wurden auf einem neuen Friedhof in einem neuen Ort beigesetzt.

Manchmal kommen die Leute aus dem neuen Lich-Steinstraß in die alte Heimat zurück. "Die stehen dann vor ihren Häusern und weinen", sagt Gerd Gaspers.

Der Tagebau Hambach ist das größte Loch, das Menschen jemals in die Erde gegraben haben. Das Abbaufeld ist 88 Quadratkilometer groß. 1978 begannen die Rheinischen Braunkohlenwerke (Rheinbraun), den Tagebau aufzuschließen. Seit 1983 holen die Bagger Kohle aus dem Erdreich. Inzwischen ist der Tagebau bereits an den Ortsrand von Lich-Steinstraß gerückt. Der Ort muß weichen wie andere Dörfer zuvor. Seit 1948 verloren im rheinischen Braunkohlenrevier rund 40 000 Menschen ihre Heimat, mehr als 40 Orte verschwanden vom Erdboden. Stets haben die Menschen im Revier zwischen Köln, Aachen und Mönchengladbach unter der Vertreibung gelitten. Manche protestierten, doch die meisten fügten sich in ihr Schicksal.

Nun plant Rheinbraun einen neuen Tagebau. Garzweiler II soll zwischen den Städten Erkelenz, Mönchengladbach und Grevenbroich liegen. In dem 66 Quadratkilometer großen Gebiet wohnen heute 12 000 Menschen. Sie müßten den Baggern weichen. Vierzehn Ortschaften will Rheinbraun abreißen und an anderer Stelle neu aufbauen. Im Jahr 2005 möchte Rheinbraun in der neuen Grube die erste Kohle fördern. Im August dieses Jahres hat das Unternehmen beim Kölner Regierungspräsidenten beantragt, das gesetzliche Planverfahren einzuleiten. Fünf Jahre, kalkuliert Rheinbraun, wird die Genehmigungsprozedur dauern. Weitere fünfzehn Jahre braucht es, die Bürger umzusiedeln. Bis zum Jahr 2040 wird Garzweiler II dann Kohle geben. Später wird Rheinbraun rekultivieren, eine gänzlich neue Landschaft wird entstehen – vorausgesetzt, der Tagebau wird ebenso genehmigt wie die Fördergruben der vergangenen Jahrzehnte.