Ein Mann kaufte von einem guten Freund zwei Aquarelle, gemalt im Stil des deutschen Expressionismus und signiert mit dem Namen Emil Nolde. Um festzustellen, ob die Bilder wirklich echt seien, schickte er sie nach Seebüll zur Stiftung Ada und Emil Nolde und bat um eine Expertise. Zurück kamen Photos der beiden Aquarelle, auf deren Rückseite der Direktor der Stiftung feststellte, nach seiner Meinung handele es sich um Fälschungen; dazu legte er eine Rechnung über 300 Mark für die Expertise.

Der enttäuschte Käufer verlangte daraufhin seine Bilder zurück, die Stiftung weigerte sich, sie herauszugeben. Begründung: Das im Grundgesetz garantierte allgemeine Persönlichkeitsrecht werde verletzt, wenn einem Künstler durch einen Fälscher ein "fremdes geistiges Kind" untergeschoben werde. Das Künstlerpersönlichkeitsrecht Emil Noldes erfordere die Vernichtung der beiden Bilder oder zumindest einen deutlich sichtbaren Stempel "Fälschung" über der Signatur.

Der Streit endete vor Gericht. Das Oberlandesgericht Schleswig hat ihn in einem kürzlich veröffentlichten Urteil entschieden (Aktenzeichen 4 U 227/85). Ergebnis: Die Stiftung Seebüll muß beide Bilder herausgeben – ohne Stempel. Hätte es sich um einen Streit zwischen Emil Nolde selbst und dem unbekannten Fälscher gehandelt, hätte Nolde ihn sicherlich gewonnen. So aber lag der Fall hier nicht. Auf der einen Seite stand nicht der Fälscher, sondern ein gutgläubiger, wenn auch etwas mißtrauischer Käufer, auf der anderen die Stiftung Seebüll, die den Nachlaß des vor mehr als dreißig Jahren verstorbenen Malers verwaltet. Es ging also um die Frage, ob und wie lange das Persönlichkeitsrecht eines verstorbenen Künstlers die Vernichtung oder Kennzeichnung von Fälschungen erforderlich macht.

Die Richter meinten, es gebe zwar sehr wohl auch nach dem Tod noch einen Schutz des "fortwirkenden Lebensbildes"; doch sei dieser Schutz eingeschränkt und bestehe nur bei "groben Entstellungen". Daß gefälschte Werke berühmter Künstler existieren, sei aber keine grobe Entstellung, und zwar auch dann nicht, wenn die Bilder im Kunsthandel verkauft oder öffentlich ausgestellt werden. Hier sei "allenfalls die Gefahr einer gewissen Verwässerung des Persönlichkeitsbildes" von Nolde festzustellen. Der postmortale Persönlichkeitsschutz könne solche Verwässerung durch gefälschte Aquarelle nicht verhindern. Und überhaupt schrumpfe der Persönlichkeitsschutz nach dem Tod einer Person "mit zunehmendem Zeitablauf je nach dem sozialen Geltungsanspruch des Verstorbenen". Selbst bei einem so berühmten Mann wie Nolde sei fraglich, ob mehr als dreißig Jahre nach dem Tod ein schützenswerter Persönlichkeitsrest einklagbar sei.

Damit ist klar: Angehörige und Erben verstorbener Künstler können sich gegen Fälschungen nicht wehren. Sie können weder deren Vernichtung noch deren Kennzeichnung als Fälschung erzwingen und auch den Handel mit ihnen nicht verhindern. Natürlich darf, wer Fälschungen verkauft, nicht behaupten, es handele sich um Originale, das wäre glatter Betrug. Aber wenn der Händler einen Käufer findet, der sich den falschen Nolde an die Wand hängen mag, dann darf er ihn verkaufen.

Fazit für Käufer: Besser vor dem Kauf die Echtheit prüfen lassen!

Eva Marie von Münch