Neben dem Einwand, daß zuweilen auch Unwahrheiten mit größter Ausdauer behauptet werden, muß an Zitelmanns Methode vor allem kritisiert werden, daß er die Authentizität der in "internen" Äußerungen Hitlers überlieferten Absichten überschätzt. Bei einer Interpretation Hitlers muß stets berücksichtigt werden, daß der Diktator gerade im Gespräch unter vier Augen ein virtuoser Uberredungskünstler, ein Meister des Verstellens und Täuschens war. Die uns von Speer, Goebbels und anderen hinterlassenen Hitler-Äußerungen geben keineswegs die "wahren" Auffassungen des Diktators wider, zumal auch die Zuverlässigkeit dieser Chronisten bezweifelt werden muß.

Zitelmann ist zwar bekannt, daß die Aufzeichnungen Rauschnings und Breitings über angeblich mit Hitler geführte Gespräche von der Forschung skeptisch beurteilt werden und macht entsprechende Vorbehalte gegenüber diesen Quellen auch in seiner Einleitung deutlich, zitiert sie jedoch innerhalb seiner Untersuchung immer wieder ausführlich und benutzt sie zur Untermauerung seiner Argumentation. Ebenso verfährt er zum Beispiel mit den Aufzeichnungen des Hitler-Vertrauten Otto Wagener aus den Jahren 1929 bis 1932, die ihm als Beleg dafür dienen, daß Hitler seine "auf staatliche Wirtschaftslenkung zielenden" Pläne "geheim" gehalten habe. Die Aufzeichnungen Wageners sind in der Tat ein hervorragendes Beispiel dafür, mit welchem Geschick Hitler es verstand, einer eindeutigen Stellungnahme zu den von Wagener ausgearbeiteten Plänen für eine Umgestaltung der Wirtschaft auszuweichen und eine parteiinterne Diskussion wirtschaftspolitischer Vorstellungen zu verhindern. Die Suggestionskraft Hitlers war so übermächtig, daß Wagener, als er in britischer Gefangenschaft seine Erinnerungen zu Papier brachte, immer noch davon überzeugt war, der von ihm als Genie verehrte Hitler habe die Lösung aller Probleme gleichsam in der Schublade gehabt.

Auch die im Führerhauptquartier in den Jahren 1941 bis 1944 aufgezeichneten "Monologe", die "Tischgespräche" Hitlers – eine der Hauptquellen des Buches – hätten nur mit äußerster Vorsicht als Belege für die tatsächlichen Absichten des Diktators herangezogen werden dürfen: Wie Werner Jochmann, der Herausgeber der "Monologe", in seinem Vorwort betont, dienten die Auslassungen dem in seinem Hauptquartier isolierten Hitler nicht zuletzt dazu, im Kreise seiner Entourage die Reaktion auf unterschiedliche Gedankengänge zu testen. Auch die Tatsache, daß er die Aufzeichnung der Monologe zuließ, macht deutlich, daß diese Quelle eben nicht als frei von taktischen Erwägungen anzusehen ist.

Zur Analyse eines historischen Dokuments gehört die Berücksichtigung möglichst aller äußeren Faktoren, also die sorgfältige Rekonstruktion des geschichtlichen Kontextes. Diesem Grundsatz wird Zitelmann (in seinem Bemühen, sich in Hitlers Vorstellungen "hineinzudenken") in vielen Fällen nicht in ausreichender Weise gerecht. So zitiert er etwa eine Äußerung des "Führers" gegenüber Mussolini vom Juli 1943, derzufolge die deutschen Frauen (und zwar ausdrücklich auch die aus mittleren und höheren Gesellschaftsschichten) "weitgehend" in den Arbeitsprozeß eingeschaltet seien. Tatsächlich aber war es gerade Hitler, der sich noch in den Jahren 1943/44 gegen eine umfassende Heranziehung von Frauen aus bürgerlichen Familien zum Rüstungseinsatz gewandt hatte, da dies seinen bevölkerungspolitischen Vorstellungen widersprach.

Ein anderer Beleg, der eine gewisse Affinität Hitlers zu Sozialisierungsplänen bereits in den zwanziger Jahren beweisen soll, ist eine besonders krasse Fehlinterpretation: Aus der Tatsache, daß Hitler in einer Rede vom 15. 7. 1925 gegen die "Verschacherung der deutschen Reichsbahn, des einzigen bereits sozialisierten, und zwar mustergültig sozialisierten Instituts, das die deutsche Nation besaß", polemisiert, zieht der Autor die Schlußfolgerung, Hitler habe "offenbar die Privatisierung staatlicher Betriebe" abgelehnt. Aus dem Zusammenhang der Rede ergibt sich aber eindeutig, daß Hitler hier gegen den Dawesplan wetterte, mit der "Verschacherung" der Reichsbahn also ihre Einbeziehung in die Reparationspolitik gemeint ist.

Für die Behauptung, Hitler sei "grundsätzlich für die Demokratie in allen anderen Ländern" gewesen, führt der Autor ein Zitat aus einer Rede vom 29. 4. 1937 an, in der Hitler versichert, er werde "einen sogenannten revolutionären Führer" nur dann mit Sympathie begleiten (offen einmischen dürfe er sich ja ohnehin nicht), wenn sichergestellt sei, daß dieser sich nie gegen die an der Macht befindliche demokratische Regierung durchsetzen könne. Dadurch, daß Zitelmann zwei Einschübe aus der von ihm benutzten Edition fortläßt, nämlich die Zusätze "(Lachen)" und "(Gelächter)", unterschlägt er den ironischen Grundton Hitlers: Der "Führer" wollte, im stillen Einverständnis mit seinem Publikum, den Kreisleitern der Partei, einen Beweis für die staatsmännische List antreten, mit der er – trotz offiziell vertretener "Nichteinmischungspolitik" – in den spanischen Bürgerkrieg eingriff.

Als Beleg dafür, daß Hitlers oftmals bekundete positive Einstellung zur Arbeiterschaft nicht nur propagandistisch, motiviert, sondern "ernst" gemeint war, zitiert der Autor unter dem 16./17. 1. 1941 (richtig 1942) einen Monolog, in dem Hitler sich äußerst positiv über die Unterstützung ausläßt, die er in seinen Münchner Kampfjahren durch die "kleinen Leute" erfahren habe. Allerdings läßt Zitelmann (unter Verwendung von Auslassungszeichen) den Satz fort, in dem wir etwas über die soziale Zugehörigkeit dieser Anhänger erfahren: "Kleine Viktualienmarkthändler sind zu mir in die Wohnung gelaufen, um ihrem Herrn Hitler zwei Eier zu bringen."