Baader, Meinhof und die anderen: Vom Irrläufer der Studentenbewegung zum Mythos im Hochsicherheitstrakt

Von Gerhard Spörl

Es war Montag, der 5. September 1977, kurz vor halb sechs am Nachmittag, und die fünf Terroristen warteten Ecke Vincenz-Statz-Straße. Als der schwere Mercedes 450 SEL um die Kurve bog, lag plötzlich ein blauer Kinderwagen mitten auf der Fahrbahn. Hanns Martin Schleyers Chauffeur stieg geistesgegenwärtig auf die Bremse, zu schnell für das Dienstfahrzeug mit den drei Polizisten, die zu Schleyers Geleitschutz hinterherfuhren; ihr Wagen prallte auf den Mercedes. Da hatten sich die fünf schon im Halbkreis postiert und schossen mit Maschinenpistolen, Schnellfeuergewehren und Repetierflinten in die beiden Autos hinein. Die drei Polizisten und der Chauffeur: durchsiebt, zerfetzt, hingemordet. Am Tatort sammelten die Polizisten 101 Patronenhülsen und 46 MP-Geschosse ein.

Hanns Martin Schleyer aber, dank seiner Doppelfunktion als Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie und des Arbeitgeberverbandes aus Sicht der „Roten Armee Fraktion“ Inbegriff des deutschen Kapitalismus, war aus dem Mercedes herausgezerrt worden und verschwunden. Seine Entführer gaben alsbald Kunde von sich. In der ersten Nachricht an die Bundesregierung setzten sie die Bedingungen fest: „Sie werden dafür sorgen, daß alle öffentlichen Fahndungsmaßnahmen unterbleiben, oder wir erschießen Schleyer sofort, ohne daß es zu Verhandlungen über seine Freilassung kommt.“

Deutschland im Herbst 1977: 44 Tage lang schlugen eine Handvoll Terroristen 60 Millionen Deutsche in ihren Bann. Die Bonner Staats- und Hauptaktionen fielen ins Wasser. Die neuesten Nachrichten strömten nicht aus den Parteihauptquartieren, aus dem Parlament oder dem Kabinett. Das Nervenzentrum der Republik lag jetzt in verfassungsrechtlich nicht vorgesehenen Gremien, die „Großer Krisenstab“ oder „Kleine Lage“ hießen. Was dort ersonnen und in die Tat umgesetzt wurde, ließ sich wochenlang nur erahnen. Das Bundeskanzleramt verwandelte sich in ein Lagezentrum. Der Bundeskanzler amtierte wie der Chef eines Generalstabes zum Zwecke der Verfolgung und Ergreifung der Terroristen und zur Befreiung ihrer Geisel

Die Presse erlegte sich sechseinhalb Wochen lang äußerste Diskretion auf – aus Gründen der Staatsräson. Die CDU/CSU übernahm ohne Zögern Mitverantwortung: die Opposition als Co-Regierung. Das Bundesverfassungsgericht billigte dem Staat jene Freiheit zu, die er sich zu nehmen im Begriff war: der Schutzpflicht gegenüber der „Gesamtheit der Bürger“ den Vorrang zu geben vor der Schutzpflicht gegenüber dem einzelnen. Daneben viel internationale Solidarität, spätestens seitdem auch noch der Lufthansa-Jet „Landshut“ samt 91 Menschen am 13. Oktober auf dem Flug Mallorca-Frankfurt nach Mogadischu entführt worden war.

Es waren Tage wie in Trance, erinnert sich Klaus Bölling, damals Regierungssprecher: die rastlose Ideenproduktion von BKA-Chef Horst Herold, um Zeit zu schinden und Spuren ins „Volksgefängnis“, den präparierten Wandschrank in Erftstadt-Liblar, wie sich spät herausstellte, zu finden; Sitzungen, Sitzungen, Sitzungen in den verschiedenen Kreisen und Zirkeln: Warten auf Nachrichten aus Genf, wo sich der bis dato niemandem bekannte Rechtsanwalt Payot als Kontaktperson betätigte; über alledem die schöne, schwer einzuhaltende Maxime, die Helmut Rohde eingefallen war: Wir wollen nichts versäumen, wir wollen nichts verschulden.