Polen war diesem Deutschen zur zweiten Heimat geworden; in Warschau, das er so sehr und oft unglücklich liebte, ist Ludwig Zimmerer diese Woche begraben worden.

Im Jahre 1956 hatte sich Zimmerer in Polen als erster Journalist aus der Bundesrepublik niedergelassen. Er war ein katholischer Schwabe, der seine marxistischen Neigungen im polnischen „Oktober“ als Illusionen erkannte. Immer von neuem faszinierte und irritierte ihn dieses Polen, das er den Deutschen jahrzehntelang in Rundfunk und Zeitungen verständlich zu machen suchte, zuletzt 1980/81. Vielleicht war es kein Zufall, daß ihn damals, als seine Tochter wegen Solidarność-Aktivitäten verhaftet wurde, der Gehirnschlag traf, dessen Folgen nach Jahren qualvollen Verstummens sein Leben beendeten.

Zuerst als Hobby, dann als Passion, trug Zimmerer die größte existierende Sammlung polnischer Volkskunst zusammen. „Letzte Umarmung“ schrieb ein Bauer unter die Figur, die Zimmerer als erste erwarb: die Gestalt eines Juden mit seinem Kind. Viele deutsche Politiker, aber auch manche polnische, die Zimmerer und seine Sammlung besuchten, lernten dabei, was kein diplomatischer Kontakt vermittelt. Ludwig, eingesponnen, oft wie erdrückt inmitten seiner Bilder – so lebt er in der Erinnerung aller, die ihn kannten.

Beim Requiem in Krakau wurde gesagt, daß er nun die letzte von vielerlei Grenzen überschritten habe. Doch schon 1946, als er zu schreiben begann, klang der Titel seiner Augsburger Zeitschrift wie ein Wahlspruch fürs Leben: „Ende und Anfang“.

Hansjakob Stehle