Die Fährte in Budapest hatte Franz Fühmann gelegt. In seinem voriges Jahr in der DDR (aus dem 25-Mark-Pflichtumtausch) gekauften Leipziger Reclam-Band „Zweiundzwanzig Tage oder die Hälfte des Lebens“ war eine Stelle dick angestrichen worden: „Ferenc zeigte mir ein Antiquariat, das ich tatsächlich noch nicht kenne. Er sagt: ‚Ein Geheimtip‘, und alle Wunschträume meiner Desideratenliste Nr. 3 stellen sich im Geiste ein...“

Leider hat Fühmann (der DDR-Autor starb 1984) die Adresse von diesem fabelhaften Antiquariat und anderer von ihm erwähnter Quellen nicht mitgeteilt. Aber könnte man in Pest, wo die Buchhandlungen auf so engem Bezirk versammelt sind wie in Buda die Thermalquellen, nicht mit der bewährten Bücherschnüffelnase fündig werden? Zwar hat Fühmann seine Eintragung mit dem resignierenden Satz beendet: „Auch von meiner Liste Nr. 4 (Mythologica) kein einziges Stück.“ Andererseits hat jeder seine eigenen Büchersuchlisten.

Aber auch die des Suchers auf den Spuren von Franz Fühmann sind leider komplett geblieben, nichts war abzuhaken. Denn eine für 80 Forint (3,20 Mark) erworbene Ausgabe von Heinrich Manns „Untertan“ aus dem Kurt Wolff Verlag und dem Erscheinungsjahr 1918 muß als Schnäppchen angesehen werden („Ex Bibl. Civ. Budapestiensis“ – dort war das Buch offenbar entbehrlich). Sonst: vornehmlich Schwemmgut der deutschen Literaturgeschichte, von k. u. k. Zeiten bis in die dreißiger Jahre.

Gleichwohl war der Koffer beim Rückflug bis an die erlaubte 20-Kilo-Grenze schwer geworden. Des Rätsels Lösung findet sich in der DDR-Literatur, die in den internationalen Buchhandlungen und im NDK-Centrum von Budapest (das ist die DDR-Buchhandlung) angeboten wird. Sie ist zum einen reichhaltiger als in der DDR selbst, zum anderen aber in Ungarn viel billiger zu haben als in ihrem Ursprungsland – jedenfalls für die Besucher im Besitz von hard currency oder Devisen, wie der ehrenvolle Ausdruck für konvertible Währungen systemgerecht heißt.

Am größeren Angebot trachten auch die lesehungrigen DDR-Bürger teilzuhaben. Nicht immer mit Erfolg, obgleich sie für eine MDN (Mark der Deutschen Notenbank oder auch einfach Ostmark genannt) nur sechs Forint erhalten und auch nicht unbeschränkt tauschen können, (Fühmann: „Knapp tausend Bücher in den Regalen, und der Preis derer, die ich auf den ersten Blick schon kaufen möchte, übersteigt mein Forintvermögen ums Zweifache.“)

So wurden zwei Deutsche, der eine aus Ost, der andere aus West, auf ihre Frage nach der Bismarck-Biographie des DDR-Historikers Engelberg am gleichen Ladentisch bedauernd abschlägig beschieden – wobei dem Bundesbürger nur daran gelegen war, die DDR-Ausgabe neben die gleichzeitig bei Siedler in Berlin (West) erschienene Ausgabe ins Regal zu stellen, um so gemeinsame deutsche Erbepflege vor Augen zu haben. Bei anderen Büchern (und Schallplatten) hingegen konnte der Westbesucher von der eigentümlichen Künstlichkeit der Kursfestsetzungen zwischen sozialistischen und kapitalistischen Ländern profitieren.

Denn während der DDR-Bürger für seine Mark sechs Forint erhält, streicht der Bundesbürger für seine Mark 25 ein. Fährt der Bundesbürger aber in die DDR, muß er mit pari vorliebnehmen: Für eine Deutsche Mark erhält er eine Mark der Deutschen Notenbank. In Ungarn also ist sein Geld viermal so viel wert wie in der Deutschen Demokratischen Republik, jedenfalls bei Büchern und Schallplatten, von den lebensnotwendigen Gütern ganz abgesehen.