Von Roland Kirbach

Der Schauplatz wirkt wie eine Mischung aus Schützenfest und Wanderzirkus. Zelte unterschiedlicher Größe stehen im Rund nebeneinander, verbunden mit einer bunten Lichterkette; dazwischen eine Würstchenbude und ein Bierausschank sowie eine Bühne für Musik und Kleinkunst. In der Mitte des Platzes sind Holztische und -bänke aufgestellt. Zur Eröffnung spielt der Fanfarenzug "Rot-Weiß" auf. Eine milde Septembersonne scheint an diesem Abend. Es herrscht eine heitere Stimmung.

Die Begrüßungsreden machen jedoch rasch deutlich, daß dies hier kein Oktoberfest ist. "Für die nachwachsende Generation müssen neue Arbeitsplätze hierhin kommen, wenn wir nicht wollen, daß aus der Jugend eine Wohnwagen-Generation werden soll!" ruft Rolf Bäcker, der Betriebsratsvorsitzende der Henrichshütte in Hattingen. Und der nächste Redner, der IG-Metall-Chef Franz Steinkühler, bestärkt die Versammelten: "Hier stehen Frauen und Männer, die ein Recht auf Widerstand haben!" Für die Zukunft wünscht er sich: "Behaltet die bewundernswerte Jugendhaftigkeit eures Protestes, seid weiterhin, um Himmels willen, unbequem!"

Genau dies sind die Hattinger nun schon seit nahezu einem Jahr, als die ersten Stillegungspläne der Duisburger Thyssen Stahl AG, zu der die Henrichshütte gehört, bekannt wurden. Mit viel Phantasie und noch mehr Willenskraft widersetzt sich die 60 000 Einwohner zählende Stadt im südlichen Ruhrgebiet seitdem den Absichten des Stahlkonzerns. Die etwas kurios anmutende Ansammlung von Zelten ist das jüngste Beispiel. "Dorf des Widerstands" nennt es sich. Bis zum Freitag der vergangenen Woche stand es auf dem Parkplatz der Henrichshütte. Offiziell war das Hausfriedensbruch; Thyssen hatte daher zunächst auch vor der Aktion gewarnt, verzichtete dann aber auf Gegenmaßnahmen. In Hattingen steht auch die Polizei auf selten der Stahlkocher.

Zwei Wochen lang konnte das dichtgedrängte Programm in dem Widerstandsdorf wie geplant ablaufen. Jeden Vormittag kamen mehrere Schulklassen, um mit Betriebsräten und Jugendvertretern über die geplante Stillegung zu diskutieren. Am Wochenende gab’s ein Schachturnier, eine Jugendfete ("Voll Bock auf Zukunft") und ein Hüttenfest mit Tombola, für die Hattinger Einzelhändler über 400 Preise stifteten. Und zwischendurch immer wieder Diskussionen. Betriebsratsvorsitzende von Stahlwerken aus der ganzen Bundesrepublik erörterten die Frage: "Wie muß unser gemeinsamer Kampf fortgesetzt werden?" Ein "Forum Neue Produktion" befaßte sich mit der Frage, welche Produkte in der Henrichshütte alternativ hergestellt werden könnten.

"Ich finde es bewundernswert, wie die Menschen auch nach dem 23. Juni nicht resigniert, sondern weitergekämpft haben", sagt Pfarrer Klaus Sombrowsky, einer der Sprecher des Bürgerkomitees "Hattingen muß leben". Der 23. Juni dieses Jahres ging in die Hattinger Stadtchronik ein. An jenem Tag gab der Thyssen-Aufsichtsrat grünes Licht für das Kahlschlag-Konzept, dem 2900 Stahlarbeitsplätze zum Opfer fallen sollen. Zuvor war bereits der 19. Februar als "schwarzer Donnerstag" in die Stadtgeschichte eingegangen. An dem Tag hatte Thyssen seine Pläne verkündet.

Bis zur Aufsichtsratssitzung im Juni, hoffte man in der Stadt noch, der Aufsichtsrat würde das Konzept des Konzernvorstands nicht billigen. Insbesondere auf den "neutralen" Mann in dem paritätisch besetzten Gremium, auf Altbundespräsident Walter Scheel, setzten die Stahlarbeiter. Einen Tag vor der entscheidenden Sitzung in Duisburg demonstrierten 15 000 Hattinger. Am Tag darauf warteten rund 4000 Arbeiter mit Frauen und Kindern vor dem Werksgelände gespannt auf die Nachricht aus Duisburg. Sie kam um 16.45 Uhr. Unvergessen ist den meisten noch das Bild vom Betriebsratsvorsitzenden Bäcker, der wie in Trance taumelte, dann in Tränen ausbrach und nicht mehr in der Lage war, ans Mikrophon zu gehen und die Hiobsbotschaft weiterzugeben.