Von Volker Hage

Einer steht abseits. Einer staunt. Einer registriert. Einer sammelt. Einer begibt sich auf fremdes Terrain. Immer wieder. Von Anfang an. – „Detlev steht abseits von den anderen auf dem Balkon.“ Der erste Satz in Hubert Fichtes erstem Roman. Das Kind aus Hamburg in einem katholischen Waisenhaus in Bayern. Der Sieben- und Achtjährige muß ein Jahr lang in dieser fremden Welt ausharren, es ist Krieg, und die Mutter glaubt ihn, dessen geflüchteter Vater Jude ist, so am besten zu schützen.

Als der autobiographische Roman „Das Waisenhaus“ 1965 erschien, war der Autor dreißig Jahre alt und saß fast täglich in einem Hamburger Kellerlokal, der „Palette“, um sich Notizen über jene merkwürdigen Leute zu machen, die dort verkehrten und damals Gammler genannt wurden und sich wohl auch selbst so nannten. Fichte war keiner von ihnen, er war zu alt dazu. Einer der Beobachteten und später im Roman „Die Palette“ Beschriebenen hat den Autor seinerseits geschildert: „Er stieß eines Tages zu uns, sehr gut gekleidet, eine Art bärtiger Anthropolog, der offenbar schräge Vögel sammelte.“

Anfang der siebziger Jahre begann Fichte damit, ausgedehnte Reisen und regelrechte Interviews zu machen. Er fuhr nach Südamerika, sprach mit Allende, er kehrte zurück, sprach auf der Reeperbahn mit Prostituierten, er reiste wieder, durchforstete ein Land nach dem anderen, lernte Sprachen, Dialekte, war bei geheimen religiösen Sitzungen dabei, machte Notizen, sammelte Daten und fast verschüttetes Wissen fremder Kulturen. Und er ließ sich, zurückgekehrt, von kaum bekannten Sexualritualen daheim berichten: über die sadomasochistischen Praktiken der „Ledermänner“ führte er Tonbandgespräche.

Schließlich, in dem jetzt postum erschienenen Roman „Hotel Garni“, dem ersten Band und Auftakt eines Mammutwerkes, die bisher bizarrste Erkundung auf fremdem Terrain: Ein Homosexueller schläft das erste Mal mit einer Frau. Ein autobiographischer Roman. Ein Schriftsteller begegnet einer Photographin. Der Beginn einer gemeinsamen Lebensreise, der Beginn der vielbändigen „Geschichte der Empfindlichkeit“.

1. Neunzehn auf einen Schlag

Wer war Hubert Fichte? „Sie wissen es möglicherweise schon, ich bin ein Schriftsteller, der sich in seinem Leben mehr mit Strichjungen, Straßenmädchen und Vaudoupriestern herumgetrieben hat als mit den wichtigen Persönlichkeiten, mit denen man als Schriftsteller umgehen sollte.“

Das sagte er kurz vor seinem Tod. Ist es so? Ist es das, was ihn interessant machte und macht? Er hat sich gern so gesehen: als einen Außenseiter, als Reisenden, als Fremden im eigenen Land.

Seine Verachtung für Schriftsteller, „die sich mehr auf Tagungen, in Preisrichterkollegien und in Redaktionsvorzimmern auskennen als in Absteigen, Saunen und Parks“, hat er immer wieder gern zur Schau gestellt, auch seine Vorbehalte gegen jene „mächtigen Familien“ (wie er es ironisch nannte), die „in der Bundesrepublik den Kurswert von Literatur festlegen“. Er haßte die schnellfertigen Kollegen, die pünktlich zur Saison mit einem neuen Werk da sind: „Wenn’s nur klingelt und knattert und in die Frühjahrsauslieferung paßt oder in die Kalkulation zur Herbstmesse.“

Wie sich jetzt zeigt, hat Hubert Fichte tatsächlich, was mancher gar nicht glauben mochte, seit 1974 an einem riesigen Romanzyklus gearbeitet, an einem Werk, das er erst publizieren wollte, wenn es abgeschlossen sein würde: Auf einen Schlag sollten die neunzehn Bände der „Geschichte der Empfindlichkeit“ dereinst dem Literaturbetrieb zum Fraß vorgeworfen werden – oder wohl eher: ihm das gefräßige Maul stopfen. Fichtes Tod im März vergangenen Jahres hat das verhindert: sowohl die Vollendung des Werkes als auch die Überwältigung der Literaturwelt. Nach und nach wird nun – bis zum Jahr 1991 – veröffentlicht werden, was Fichte noch abschließen konnte oder zumindest für druckbar befunden hat.

Wer war Hubert Fichte? Man darf so fragen. Der Erfolg seines Romans „Die Palette“ ist bald zwanzig Jahre her, und seit geraumer Zeit schon stagnieren die Verkaufszahlen seiner Bücher. Er hat den Erfolg bei Publikum und Kritik nie wiederholen können, und auch eine kleine Schar Getreuer hat nicht verhindern können, daß der Name Fichte heute wie ein verlorenes Echo durch den literarischen Betrieb hallt – was ja nicht gegen den Autor sprechen muß. Was wissen wir wirklich von ihm? Kennen wir ihn aus seinen Büchern, den radikalsten Offenbarungen innerhalb der deutschen Literatur?

Von einem anderen Schriftsteller, einem gänzlich anderen Temperament, von Max Frisch stammt die Selbsterkenntnis und feinsinnige Unterscheidung, es stimme nicht, daß er, Frisch, sich immer nur selbst beschrieben habe: „Ich habe mich selbst nie beschrieben. Ich habe mich nur verraten.“ Hat Hubert Fichte sich beschrieben? Oder hat er sich bloß verraten – vielleicht, um sich desto besser verbergen zu können (wie es so viele große Schriftsteller getan haben)? „Wie Sie wissen, verbirgt man sich hinter nichts so gut wie hinter der Genauigkeit“, hat er, der alles andere als ein naiver Autor war, vor vielen Jahren schon, 1971, in einem ZEIT-Interview gesagt. Und gewiß kannte er den geheimnisvollen Satz von Marcel Proust, man könne alles erzählen, vorausgesetzt, man sage niemals „Ich“.

Der Schriftsteller Fichte kam mit seinen Veröffentlichungen zu Lebzeiten an einen Punkt, wo er scheinbar alle Verkleidungen und Tarnungen fallenließ. Er hat „Ich“ gesagt, wie nur wenige vor ihm in der Literatur. Er hat sich, zunächst in Romanform, später auch ohne den Schutzmantel der Fiktion, gezeigt: Als Homosexueller, als Halbjude, als vaterlos aufgewachsenes Kind, als Autodidakt, als Bisexueller, als Gesprächspartner von Nutten und Sadomasochisten, von Schwulen und afroamerikanischen Priestern. Aber hat er sich gezeigt? Er ist um die halbe Welt gefahren und hat Beobachtungen gehäuft, die vor ihm kaum jemand so gemacht hat. „Schreibreisen in ein fernes Land“, nannte das im Nachruf dieser Zeitung Fritz J. Raddatz: „Das fernste heißt ‚Ich‘.“ Hat der Reisende es je erreicht? Wer war Hubert Fichte?

2. Die Hamburger Trilogie

Einer steht abseits, staunt, registriert. Fichtes literarischer Triumph mit der „Palette“, 1968, verdankte sich seiner Fähigkeit, Abgelauschtes und Privates zu mischen, das Eigene dem Fremden auszusetzen und umgekehrt. Als er zwei Jahre zuvor aus dem Manuskript im Hamburger „Starclub“ gelesen hatte, war es ein überwältigender Erfolg gewesen, einen Augenblick schien die Verbrüderung von Pop und Kunst, von Beat und Literatur, von „Palette“-Publikum und „Palette“-Roman Wirklichkeit zu werden.

Das ließ sich so nicht wiederholen. Und mit dem Abstand von fast zwanzig Jahren sieht man auch besser das bemüht Originelle und gewollt Moderne, also Modische, an diesem Buch. Eins der wichtigen Bücher der sechziger Jahre ist der Roman ganz gewiß, und er kann sich neben den anderen gelungenen Formexperimenten dieses Jahrzehnts, „Mein Name sei Gantenbein“ von Frisch und Ror Wölfe „Fortsetzung des Berichts“ gut behaupten.

Herrlich etwa die Schlußkadenz „Nachwörter“, wo einer das Perpetuum mobile anhalten will, aus dem Roman heraus möchte, ihn beenden muß – und im Grunde doch dazu gar keine Lust hat! „Die Palette“ ist nicht nur amüsant inszeniertes Spiel, ein meisterhaft ausgeklügelter Kunstraum mit ironischen Fiktionsbrüchen, sondern auch ein Kunststück vor ernstem Hintergrund und auf topographisch genau abgezirkeltem Boden. Eine Hamburger Kriegsvergangenheit wirft ihre Schatten.

Wie mächtig diese Schatten wirklich gewesen sind und wie wichtig sie für Fichtes Werk waren, zeigte sich eigentlich erst richtig im nächsten Roman, in „Detlevs Imitationen ‚Grünspan‘“, 1971 erschienen, einem Roman, der ganz zu Unrecht (vielleicht auch wegen des eigenartigen Titels?) im Ruf steht, nur Wiederholung, Imitation zu sein. In diesem Buch führt der Autor seine beiden autobiographischen Figuren, Detlev aus dem „Waisenhaus“ und Jäcki aus der „Palette“, zusammen und schafft so die Klammer zwischen diesen ersten drei Romanen. Das siebzehnte Kapitel über die Luftangriffe auf Hamburg im Juli 1943 gehört zum Gelungensten und Beklemmendsten, was die deutsche Nachkriegsliteratur überhaupt zu bieten hat (Fichte, der als Kind im Bombenkeller saß, nahm sich stets das Recht heraus, vom „Terrorangriff“ zu sprechen wie die Nazi-Propaganda und konnte das plausibel machen).

Auch wenn Hamburg im ersten Roman, dem „Waisenhaus“, nur als Erinnerung und Erwartung auftaucht, ist es nicht übertrieben, diesen Roman zusammen mit der „Palette“ und den „Imitationen“ als Fichtes Hamburger Trilogie anzusprechen – mit dem gleichen Recht, mit dem Grass von einer Danziger Trilogie spricht. Diese Trias ist ein literarischer Höhepunkt. Die Bilder von Hiroshima, Hamburg und Auschwitz sind darin eingeschlossen, und die politisch-moralische Frage nach der historischen Vergleichbarkeit verblaßt angesichts der künstlerischen Überzeugungskraft eines Autors, der ja nicht daran dachte, das eine gegen das andere auszuspielen, sondern sich dieser Bilder nicht erwehren konnte und sie wohl zeitlebens mit sich herumschleppte, bis nach Afrika und Südamerika.

„Als Zehnjähriger sah ich in den ersten Zeitungen nach Kriegsende Haufen von zermarterten Körpern“, schrieb Fichte 1964 auf eine Umfrage der ZEIT anläßlich des Frankfurter Auschwitz-Prozesses. „Diese Bilder sind heute ebenso deutlich wie damals. Seither versuche ich herauszufinden, was ein Auschwitz ermöglichte, und die einzelnen Komponenten miteinander in Beziehung zu bringen.“ Auch dies ist ein Grund, warum er nicht ruhig bleiben konnte, nicht bei sich bleiben konnte, sondern sich immer wieder in fremdem Gebiet umsah, daß er auch die Heimat wie fremdes Gebiet ansah – er versuchte, sich staunend, registrierend, sammelnd des Ansturms der Bilder zu erwehren.

3. Xango und andere Götter

Was Fichte danach, nach der Hamburger Trilogie, noch selbst veröffentlicht hat, ist nicht annähernd von vergleichbarer literarischer Kraft, auch nicht von vergleichbarer ästhetischer Brisanz gewesen. Brisant waren allenfalls die Inhalte.

Das begann mit dem Roman „Versuch über die Pubertät“: Da hatte einer beschlossen, ganz offen von sich zu sprechen, von seinem Weg als Homosexueller, und keine kunstvollen Versteckspiele mehr mit dem „Ich“ zu veranstalten. Aber war dadurch irgend etwas gewonnen? Im Gegenteil, die Inszenierungen wirkten nun plump und gesucht. Wieder steht einer abseits: Diesmal in einem brasilianischen Seziersaal, und so, wie die Leichen Schicht für Schicht auseinandergenommen werden, will der Erzähler, Fichte selbst, seine Pubertät aufdecken. Eine aufdringliche Symbolik. Außerdem läßt sich eine Autobiographie nicht mit den gleichen Mitteln bestreiten wie ein Roman – wenn auch das Buch dieses Etikett noch trägt.

Gehört denn aber der „Versuch über die Pubertät“ nicht unmittelbar zu den ersten drei Romanen dazu? Führt die Autobiographie sie nicht konsequent weiter? Nein, ich glaube, der „Versuch“ fährt nichts weiter, er führt in eine ganz andere Richtung: Er ist weniger viertes Stück der Hamburger Romane als Vorläufer jener ethnographischen Versuche, die Fichte dann angestellt hat. Das Buch ist bei seinem Erscheinen 1974 als ehrliche und mutige Konfession begrüßt worden, dagegen ist wenig zu sagen. Aber ein großes Buch? Nein. Radikalität und Schamverletzung schließen Literatur nicht aus, keineswegs, doch wird auch das aufrichtigste Geständnis nicht automatisch zu großer, bewegender Literatur.

Der Lyriker Peter Rühmkorf gehörte zu den wenigen, die damals skeptisch waren, er warnte Fichte freundschaftlich davor, „sich mit magischen Beziehungsphantasien selbst etwas vorzuzaubern“. Doch der war schon wieder weit weg. „Allmählich entwickelte sich in mir die Freiheit“, schrieb er vorausschauend im „Versuch über die Pubertät“, „das Diskrepante zu schreiben, das ich früher in der Lokstedter Einheitlichkeit sorgsam wegstrich“. Sein Programm: „Meine Niederlagen fixieren, Sprünge, Widersprüche, das Unzusammenhängende nicht kitten, sondern Teile unverbunden nebeneinander bestehen lassen.“ Und er fragte sich, „ob ich nicht ein lyrischer Reporter werde, der die Methoden der ethologischen und ethnologischen Feldstudien auf das Lokstedter Innenleben anwendet“.

Soll man die beiden Bücher „Xango“ und „Petersilie“, die 1976 und 1980 erschienen sind und Aufzeichnungen über die afroamerikanischen Mischreligionen enthalten, an diesem Programm messen? Als Fichte diese Sätze formulierte, existierte in seinem Kopf schon ein vager Plan des umfangreichen Romanprojekts – und wie sich nun in der aktuellen Fassung dieses Planes zeigt, werden die Stationen der Reisen (oder sollten wenigstens der Absicht nach) noch einmal in dem Mammutwerk auftauchen.

Die zwei Reisebücher dagegen, die von manchen Kritikern zu Meisterwerken der Literatur erhoben wurden, sind im Grunde nichts anderes als Materialsammlungen und Skizzenbände, allenfalls Vorarbeiten: Probeläufe einer schroffen Montagetechnik. Deswegen wohl auch – und um seine Absichten ein wenig zu verstecken – hat Fichte sie nicht einfach als Tagebücher geschrieben, was vielen Lesern den Zugang gewiß erleichtert hätte.

Beeindruckend bleibt natürlich die unglaubliche Energie, mit der Fichte sich auf die Fahrt und an die Arbeit gemacht hat. Er studierte ja nicht bloß fremde Sprachen, Riten und Gebräuche, sondern es entstanden zugleich, wie man jetzt weiß, Tausende von Seiten einer „Geschichte der Empfindlichkeit“. Beeindruckend auch die Pionierrolle Fichtes: Als 1968 und danach die Studenten in Deutschland ihr Interesse an der Politik entdeckten, zog er mit dem gerade durch den „Palette“ Roman verdienten Geld in die Fremde, und er zog immer weitere Kreise. Wer hat denn zu jener Zeit etwas mit dem Begriff „Ethnologie“ anfangen können? Heute erst, wo andere Autoren, Botho Strauß etwa, fremde Religionssysteme als Anregung begreifen, wo es ein über die psychologische Introspektion hinausgehendes Interesse an Riten und Ritualen gibt, kann man ganz ermessen, wie eigenwillig und eigensinnig da einer gehandelt hat: abseits, registrierend, sammelnd – und seien es die Namen der „rituellen Pflanzen der afrobrasilianischen Religionsgruppe“.

4. Der Romanzyklus

Wer war Hubert Fichte? Woher die Sucht, alles zu katalogisieren? Warum bei einem Schriftsteller diese journalistische Leidenschaft, sich in den fernsten Ecken umzublicken? Dieser Eifer, in der Fremde Menschen mit dem Mikrophon entgegenzutreten? Wird uns „Die Geschichte der Empfindlichkeit“ eine Antwort geben? Und wird der Romanzyklus zeigen, wozu der Autor all diesen Aufwand getrieben hat?

Als Marcel Probst im Jahre 1912 für seinen vielbändigen Roman „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ einen Verleger suchte, erhielt er lauter Absagen. „Ich kann es nicht auf mich nehmen, ein Werk von solcher Länge, das außerdem so vollkommen anders ist als alles, an das die Leser gewöhnt sind, zu veröffentlichen“, schrieb einer. Ein anderer: „Lieber Freund, vielleicht bin ich vernagelt, aber ich kann es nicht verstehen, daß ein Mensch dreißig Seiten braucht, um zu beschreiben, wie er sich vor dem Einschlafen im Bett hin und her wälzt.“ Schließlich fand Proust einen Verleger, der den ersten Band annahm, freilich ohne diesen gelesen zu haben und nachdem der Autor zugesagt hatte, die Druckkosten zu tragen.

Ein Autor, der heute mit einem ähnlich umfangreichen Werk auftritt, kann der Aufmerksamkeit gewiß sein. Hubert Fichte hat nie einen Hehl daraus gemacht, daß Prousts grandioses Literaturwerk sein Ideal gewesen ist – schon lange bevor er Pläne zu einem eigenen Romanzyklus hatte. Proust und die Namen seiner Romanfiguren kommen in den Büchern Fichtes immer wieder vor; auf seinen Reisen soll Fichte die „Recherche“ stets bei sich getragen haben. Und als die „Geschichte der Empfindlichkeit“ schon in Arbeit war, hat er in einem Fernsehinterview ganz unverblümt davon gesprochen: „Die ,Recherche‘ ist für mich das wichtigste Buch dieses Jahrhunderts. Und wenn Sie wollen, will ich das, was Proust einmal für Paris gemacht hat, noch einmal machen für Hamburg.“

Wiederholung oder Gegenentwurf? Größere Gegensätze sind im Grund nicht denkbar als zwischen Proust und Fichte: dort der in seinem mit Kork ausgestatteten Zimmer Liegende, hier der sich durch die Welt Bewegende. Während Proust in sich hineinhorchte, versuchte Fichte, sich in der Konfrontation mit der Außenwelt zu entdecken – kann der ethnologisch geschärfte Blick ebensoviel ausrichten wie einst die der Psychoanalyse verwandte Introspektion?

Von den geplanten neunzehn Bänden der „Geschichte der Empfindlichkeit“ sind zwölf bei Fichtes Tod im Manuskript vorhanden gewesen, darunter drei mit „Glossen“. Hinzu kommen vier Begleitbände, „Paralipomena“, wie die Herausgeber Gisela Lindemann und Torsten Teichert es vornehm nennen: Reiseberichte, Radiotexte, Materialien. Da zwei der sechzehn Bücher des Umfangs wegen in zwei Teilen erscheinen werden, ergibt das am Ende achtzehn Einzelbände. Laut Editionsplan sollen pro Halbjahr zwei davon erscheinen, so daß die „Geschichte der Empfindlichkeit“ Anfang der neunziger Jahre abgeschlossen vorliegen könnte (bis auf einen Band, den Fichte für zwanzig Jahre sperren ließ). Zunächst sind jetzt erschienen: der erste Romanband, „Hotel Garni“, und die erste Hälfte eines Begleitbandes mit literaturtheoretischen Aufsätzen, „Homosexualität und Literatur“.

5. Die Nacht im „Hotel Garni“

Da ist er wieder: Jäcki. Fichtes Alter ego aus der „Palette“ ist im Roman „Hotel Garni“ ein paar Jahre jünger: Eine Nacht des Jahres 1961 in einem Hotel wird geschildert. Zum ersten Mal beginnt ein Roman Fichtes im Imperfekt: „Er zerschnitt ihre Photos. Irma ließ ihn.“ Irma, mit der Jäcki später, zur Zeit der „Palette“-Besuche, zusammenleben wird, ist die erste Frau, mit der der schwule Held schläft. Die beiden erzählen sich in dieser Nacht ihre Lebensgeschichte. Aber wird etwas geschildert, wird überhaupt erzählt?

Das könnte einen wunderbaren Auftakt für eine lange Geschichte ergeben: die bizarre erotische Begegnung, durchsetzt mit Dialogen, eine tastende Annäherung der Körper und Erinnerungen, ein spannendes Ineinander auf verschiedenen Ebenen – vergleichbar Prousts träumerischem und zeitenthobenem Beginn. Was fühlt einer, der bisher ausschließlich Männer liebte, bei der Berührung einer Frau? Was für Gedanken, Gefühle hat er?

Nichts davon. Fichte hat es anders gewollt. Gewiß hätte es wenig Sinn gehabt, mit Proust in der Beobachtung geheimster seelischer Vorgänge konkurrieren zu wollen. Er ist den entgegengesetzten Weg gegangen. Keine Gedanken, kaum Gefühle; der Leser bleibt draußen, allenfalls darf er das Tonbandprotokoll der Gespräche ablauschen. Nicht einmal das: kaum Dialog, sondern erst berichtet Jäcki, dann – zweite Hälfte – Irma. Zwischendurch das Ereignis, nicht mehr als vier Worte: „Ich ficke eine Frau!“ Und noch eine Bemerkung: „Früher hätte Jäcki geglaubt, man würde dabei ohnmächtig.“ Wird er nicht, aber das ist alles, was zu erfahren ist.

Ist das Kalkül? Erzählerische Strategie? Es muß wohl so sein. Fichte wollte die literarische Engführung. Nichts gegen Schmucklosigkeit, nichts gegen Kargheit, nichts gegen Aussparung – doch hat Weglassen ja nur Sinn, wenn der Leser Lust bekommt, die Leerstellen im Geist zu füllen. Davon kann hier keine Rede sein. Und manches, was wir erfahren, kennen wir längst. Nicht, daß es in früheren Romanen schon vorkam, ist das Problem, sondern daß es dort überzeugender formuliert war. Es hilft nichts: Der Roman „Hotel Garni“ ist, so wie er jetzt dasteht, eine Katastrophe.

Als Auftakt dieses so groß angelegten Unternehmens ist das Buch von erschreckender Belanglosigkeit und Dürftigkeit. Und es ist rührend brav: „Ich sagte jedem, der es hören wollte und jedem, der es nicht hören wollte, daß ich schwul sei.“ Sagt Jäcki Irma. Und fast scheut man sich, aus diesem Buch überhaupt zu zitieren. „Ach, die Wörter kehrten sich um vor der Schönheit des Klaus’schen Arsches.“ Ja, wenn Jäcki doch nicht nur reden würde, sondern Klaus und meinetwegen seinen Arsch einmal dem Leser vor Augen führen Würde. Aber die Figuren, die in Jäckis und Irmas Lebensbeichte vorkommen, lassen den Leser so gleichgültig wie das Liebespaar im Hotelzimmer.

Sergio, Aldo, Alex, Stefanie; der Bauernhof, das Gestüt, die Landwirtschaftsschule; Dithmarschen, Frankreich, Schweden – alles gleich. In Schweden, immerhin, eine Ahnung von Eifersucht: wegen Rüdiger. Aber schnell wieder Entwarnung: „Alles fing immer wieder von vorn an.“ Man darf gar nicht daran denken, welchen Kosmos Proust dieser Leidenschaft, die Leiden schafft, einst abgelauscht hat.

Einmal kommt es doch zu einem Dialog zwischen Jäcki und Irma. Der Schwule, der nun bisexuell ist, möchte wissen, was eine Frau bei der Liebe empfindet. Der Ethnologe befragt das Mitglied eines sehr fremden Volkes: das könnte reizvoll sein. Aber es ist doch nur eines jener Interviews geworden, wie sie in jedem Taschenbuchständer heute schubweise zu haben sind. Und diese neumodischen Jedermann-Beichten und erotischen Protokolle sind oft fesselnder als das, was hier zu lesen ist.

Nein, man muß gar nicht Proust bemühen, um seine Enttäuschung zu bezeichnen. Es reicht, Hubert Fichte an sich selbst zu messen, an seinen besten Romanen, um fassungslos vor diesem lieb- und freudlosen Buch zu stehen.

6. Eine Welt im Essay

Dagegen sind die Essays aus dem ersten Teil von „Homosexualität und Literatur“ zunächst eine freudige Überraschung. Die meisten werden hier zum ersten Mal gedruckt. Fichte hat 1975, also recht spät, damit begonnen, sich theoretisch zur Literatur zu äußern; fast alle Arbeiten entstanden für den Funk. Den Plan, sie einmal in einem Buch zu sammeln, gab es schon länger und ganz unabhängig vom Romanprojekt, dem dieser Band jetzt zugeordnet wurde.

Was für eine erlesene Galerie an Porträtierten! Schon das Inhaltsverzeichnis macht neugierig: Der Bogen reicht von Herodot über den Barockdichter Daniel Casper von Lohenstein bis zu de Sade und Henry James, dazu kommen polemische Anmerkungen über Rimbaud, Lévi-Strauss und (mit Einschränkungen) den Jesuitenpater Alonso de Sandoval. Der Titel „Homosexualität und Literatur“ ist irreführend, es gibt weder eine Theorie in diesem Band, noch spielt das Thema eine besondere Rolle. Es geht Fichte vielmehr darum, seinen Platz innerhalb der mit Entdeckerfleiß zusammengetragenen Ahnenreihe zu bestimmen: dort, wo er eine Wahlverwandtschaft spürt, mit heftiger Identifikation, dort, wo er auf ethnologischen Dilettantismus stößt, mit höhnischer Zurückweisung.

Daß ein Buch wie „Traurige Tropen“ von Lévi-Strauss ein Erfolg werden konnte, findet Fichte skandalös. „Ich möchte die Methode wissen, wie man, ohne eine Sprache zu beherrschen, über Gedanken in diesem Sprachbereich etwas Stichhaltiges äußern kann.“ Über Seiten rechnet er dem Franzosen Fehler und Ungenauigkeiten bei dessen brasilianischen Reisebeschreibungen vor. Nicht besser kommt der Lyriker Rimbaud mit seinem Afrikabericht weg. Dagegen ist Fichte voller Bewunderung für den deutschen Missionar Jakob Spieth und dessen 1906 veröffentlichtes Buch über die afrikanischen Ewe-Stämme. „Rimbaud ließ sich, bewußt, auf ethnographische Aussagen ein, Spieth, ohne es zu wissen, auf poetische.“ Da ist ein Geistesverwandter entdeckt, und einer, dessen Geduld, Sprachkenntnis und Sorgfalt bewundert werden: „Jakob Spieth hat das Material in zwanzig Jahren Missionsarbeit gesammelt.“

Die großen Offenbarungen für Fichte aber sind Herodot und Lohenstein. Er stilisiert sie – und kann Argumente dafür ins Feld führen – zu literarischen Heroen, deren Unbekanntheit hierzulande in seinen Augen nur ein neuer Beleg für den von ihm beklagten „Halbalphabetismus“ ist. An dem einen, Lohenstein, bewundert er, daß dieser Anschluß an eine „mächtig ordinäre Sprache“ gefunden habe, „die bei Luther immer gegenwärtig war, welche die Klassik unserer Poesie aber gründlich ausräumte, so daß wir heute noch keine Fickerei beschreiben können, ohne klinisch zu sein oder brutalistisch“; an dem anderen: „Herodot trennt auf eine moderne Weise Bericht und Kommentar, zu einem Vorfall zitiert er oft mehrere Zeugenaussagen und überläßt dem Leser das Fazit. Es ist ein journalistisches Verfahren und ein poetisches.“

In den sorgfältigen Anmerkungen des Bandes „Homosexualität und Literatur“ (sie stammen von Torsten Teichert) erfahren wir, daß Fichte zusammen mit seiner Lebensgefährtin, der Photographin Leonore Mau, Altgriechisch lernte, indem beide die Werke Herodots vollständig ins Deutsche übertrugen. Für Fichte ist Herodot die lange gesuchte Identifikationsfigur, und begierlich notiert der Junge, was der Alte vorweggenommen hat. „Ich staune aber“, sagte Herodot von sich: „meine Rede, meine Worte untersuchten von Anfang an Nebensachen, Abschweifungen, Anhängsel, Details ...“

Immer wieder hebt Fichte die Neugier und das Selbstbewußtsein des Griechen hervor. Und er schreibt: „Es bleibt unfaßlich, daß nach einem so neugierigen Beginn ein so unneugieriges Europa entstand, für das Wissen selten etwas anderes war als Macht, die Kolonialgeschichte Europas bleibt die Geschichte der Unempfindlichkeit.“

Die Geschichte der Unempfindlichkeit: Dagegen wollte Fichte seine „Geschichte der Empfindlichkeit“ setzen, und tatsächlich läßt dieser Essayband über weite Strecken, im eifrigen und eifernden Dialog mit Freund und Feind, eine Ahnung davon entstehen, was Fichte wohl vorschwebte. Die Sehnsucht nach Liebe war sein Antrieb, nach einer umfassenderen, als sie auf Erden uns Hetero-, Bi- oder Homosexuellen gewöhnlich gegeben ist, er suchte eine Welt, in der Menschen einander nicht quälen und zerstören. Wer war Hubert Fichte? Hier, scheint es, kommen wir ihm am nächsten:

„Herodot, mein Freund.

Herodots Umgetriebensein, nicht stillsitzen können.

Was ist hinter der Ecke!

Was ist jenseits der Bergkette!

Nicht: Wissen ist Macht! – sondern: Reisen ist Wissen.“

Herodots Text lege nahe, schreibt Fichte auch, „daß, da man des Sex wegen reist, Reisen ein sexuelles Bedürfnis sei – schreiben und aufdecken!“ War es das? Oder ist das schon wieder etwas zu eingeschränkt? Ein Versteckspiel hinter vermeintlicher Offenheit?

Einer steht abseits, aber er sucht Verbündete. Er betritt fremdes Terrain, schlägt unbekannte Bücher auf, folgt seiner eigenen Nase. Und wieder sammelt er: Zitat für Zitat, registrierend und archivierend.

Nein, da ist nur selten eine Ordnung zu entdecken. Essays wie von Thomas Mann (dessen Fähigkeit, fremdes Material zu integrieren, er bewunderte) lassen sich von Hubert Fichte nicht erwarten. Dafür trägt er Material zusammen, das staunen macht – wie er es sein ganzes Leben getan hat. „Auch das Zitieren“, wußte Thomas Mann, „ist eine Form der Dankbarkeit.“

7. Entdeckungen und Enttäuschungen

Die Herausgeber standen und stehen vor einem großen Problem, besonders was die Rundfunktexte angeht. Was gesprochen vielleicht noch übersichtlich sein mag, wirkt gedruckt oft nur wirr und chaotisch. Es wäre wichtig gewesen, das genialisch Impulsive der Fichteschen Arbeitsweise durch ein klares Druckbild (etwa eine deutliche Unterscheidung von Zitaten und Autortext) zu steuern. Doch eine, wie ich meine, falsche Ehrfurcht hat das in diesem Fall verhindert. Leider ist gleich der erste große Aufsatz, besser: Ansatz eines Aufsatzes, nämlich der über de Sade, ein so unverdaulicher Brocken, daß viele gutwillige Leser schon hier die Lust verlieren können. Das ist nun wirklich die pure Materialsammlung, dazu deutlich in zwei Versionen (mittendrin beginnt die ganze Geschichte noch einmal neu, Fichte nennt es eine Zusammenfassung – und schon ufert alles wieder aus).

Wer sich auf „Die Geschichte der Empfindlichkeit“ einläßt, wird sich auf Entdeckungen und Enttäuschungen gleichermaßen einstellen müssen. Gewiß, es läßt sich nach zwei Bänden noch wenig sagen. Sollte dieser Anfang nur halbwegs repräsentativ für das Folgende sein, so darf man nicht eine Summe des Lebens und Schreibens erwarten, nicht die ruhige Bilanz, kein gelassenes Resümee, ganz und gar nichts Abgeklärtes. Das bedeutet ja wohl, auch. „Empfindlichkeit“: offen zu bleiben, offen zu lassen, ausgesetzt und störbar zu sein.

Proust schwebte; als er an der „Suche nach der verlorenen Zeit“ schrieb, ein Bild seiner Leser vor, die zu Lesern ihrer selbst werden sollten, er wollte ein Buch schreiben, „durch das ich ihnen ermöglichen würde, in sich selbst zu lesen“. Doch dazu mußte erst einmal der Schriftsteller selbst sich kennenlernen. Hubert Fichte war auf dem Weg. Ob er dem Ziel, dem fernsten, nämlich dem eigenen Ich, wirklich nähergekommen ist, werden die folgenden Bände seiner „Geschichte der Empfindlichkeit“ zeigen müssen. Bisher läßt sich nur feststellen: Der Selbstentblößer verbirgt sich, und der Leser wird nicht zum Leser seiner selbst.

  • Hubert Fichte:

„Hotel Garni“

Roman; S. Fischer Verlag, Frankfurt 1987; 200 S., 36,– DM

„Homosexualität und Literatur 1“

Polemiken, mit editorischen Notizen von Torsten Teichert; S. Fischer Verlag, Frankfurt 1987; 504 S., 48,– DM