Freuds Briefe an Wilhelm Fließ

Von Hans-Martin Lohmann

Es gibt einige wuchernde Freud-Legenden. Einer dieser Legenden zufolge hat der Begründer der Psychoanalyse, der uns in den einschlägigen Biographien als ordentlicher Ehemann und Familienvater entgegentritt, eine Affäre mit seiner Schwägerin Minna Bernays gehabt. Eine andere besagt, Freud habe es mit wissenschaftlichen Prioritätenfragen nicht allzu genau genommen, er habe Einsichten und Formulierungen, die andere vor ihm fanden, umstandslos sich selbst gutgeschrieben und die Urheberschaft anderer einfach "vergessen". Eine weitere Legende will wissen, daß Freud die sogenannte Verführungstheorie aufgegeben habe, weil er mit seiner Entdeckung des sexuellen Mißbraucht von Kindern durch Erwachsene bei seinen konservativen Fachkollegen an ein so mächtiges Tabu gerührt habe, daß er es schließlich vorgezogen habe, auf das weniger anstößige Terrain sexueller Phantasien und Träume auszuweichen. Freud – ein Mann mit typisch bürgerlicher Doppelmoral, ein unredlicher Wissenschaftler, ein bedenkenloser Opportunist?

Zum Wesen der Legende gehört, daß die Beweislage dürftig ist, daß Vermutungen, Spekulationen und Phantasien ihren Kern bilden. Zur Lebensfähigkeit und Geschichtswirksamkeit der Legende gehört freilich, daß sie einen realen, nicht nur einen phantasierten Hintergrund besitzt, wenn sie lebensfähig und geschichtswirksam sein soll. Daß die Freud-Legenden so überaus lebendig sind und auch heute noch ihr Publikum finden, hat handfeste Gründe.

Freud war der erste, der zur Legendenbildung um seine Person beigetragen hat. Aus brieflichen Mitteilungen von ihm wissen wir, daß er mehrfach in seinem Leben private Dokumente, die Auskunft über seine persönlichen Lebensumstände, sein Denken und seine beruflich-wissenschaftlieben Erfahrungen hätten geben können, vernichtet hat, um es, wie er schrieb, den Biographen "nicht zu leicht (zu) machen". Offenbar quälte den Psychologen des Unbewußten die unerträgliche Vorstellung, die Nachwelt könnte ihm allzu ungeniert in die Karten schauen.

Freuds Erbengemeinschaft – ein verschworener Zirkel von Leuten, die so tun, als gehe es ein Arkanum zu hüten – hat sich die Besorgnis des Vaters loyal zu eigen gemacht. Dokumente aus der Geschichte der Psychoanalyse werden jahrzehntelang unter Verschluß gehalten, so daß geradezu der Verdacht genährt wird, es gebe etwas zu verschweigen. Ernest Jones’ Freud-Biographie hat ein Bild des Meisters gezeichnet, das viele Glättungen enthält und unsympathische oder widersprüchliche Seiten an Freud hagiographisch übertüncht Zu den zahlreichen Versuchen der Freud-Erben, die Imago des Vaters in möglichst makelloser Reinheit erstrahlen zu lassen, muß auch die ursprüngliche Edition der Briefe Freuds an seinen Kollegen und Freund Wilhelm Fließ gerechnet werden, die jetzt, fast fünfzig Jahre nach Freuds Tod, erstmals vollständig und unzensiert publiziert worden sind.

Die Fließ-Briefe bilden im Hinblick auf unsere Kenntnis der Vor- und Frühgeschichte der Psychoanalyse ein einzigartiges Dokument. Niemandem hat sich Freud, der sich in den neunziger Jahren wissenschaftlich und menschlich vollkommen isoliert fühlte, vorbehaltloser geöffnet als Fließ, mit dem er zwischen 1887 und 1904 eine intensive Korrespondenz führte, die aufschlußreiche Einblicke in Freuds Arbeits- und Denkweise, aber auch in sein Privatleben gewährt. "Unsere Korrespondenz", schrieb Freud 33 Jahre nach seinem Bruch mit Fließ an die Freundin Marie Bonaparte, "war die intimste, die Sie sich denken können."