Über das Schicksal der Fossilien-Fundstätte muß bald entschieden werden

Von Regina Urban

Jeder macht ihn, keiner will ihn – Müll wird nach der Luft-, Wasser- und Bodenverschmutzung zum vierten Problem der Industrie-Gesellschaft. Der Deponie-Raum droht so knapp zu werden, daß andere Belange der Notlage zum Opfer fallen. Eine „mordsmäßige Blamage“ für Hessen befürchtet denn auch der Kustos des Landesmuseums in Darmstadt, Wighart von Koenigswald. Eine „langfristige und wirtschaftliche Lösung“ des Müllproblems verteidigt dagegen der Zweckverband Abfallverwertung Südhessen (ZAS): Das Vorhaben der hessischen Landesregierung, die weltberühmte Fossilienfundstätte Messel bei Darmstadt mit Schlacken, Bauschutt und gewerblichen Abfällen zuzuschütten, hat zwei unversöhnliche Lager geschaffen. Was für die einen „ein unglaublicher Akt kulturpolitischer Barbarei“ ist, reduziert sich für die anderen auf die Alternative „Messel oder Müllnotstand“. Der Ausbau der 1000 mal 700 Meter großen und 60 Meter tiefen Grube – ein stillgelegtes Ölschieferbergwerk – zur zentralen Entsorgungsanlage für den Ballungsraum Rhein-Main steht kurz vor dem Abschluß.

Sollte sie – wie geplant – Anfang nächsten Jahres in Betrieb gehen, würde unwiederbringlich ein Naturdenkmal zugekippt, das beispiellose Einblicke in die Tier- und Pflanzenwelt des Eozäns gewährt. Der ehemalige Faulschlammboden eines subtropischen Urwaldsees hat über 50 Millionen Jahre nicht nur die Skelette von Fischen, Krokodilen, Vögeln, Fledermäusen und zahlreichen Säugetierarten vollständig konserviert. Sogar die Umrisse der Weichkörper, Mageninhalt und Farbschattierungen sind zum Teil erkennbar. Die Paläontologen fordern deshalb, die Grube für die Wissenschaft uneingeschränkt freizuhalten.

Schwacher Trost

Solange der Müll droht, fühlen sich die Wissenschaftler unter Zeitdruck gesetzt. Bereits jetzt ist die Grubensohle, Fundstelle der wertvollsten Stücke, knapp zur Hälfte unter dem Schotterfundament für die künftige Müllkippe verschwunden. Auf dem ehemaligen Seeboden wird erst seit 1985 gegraben, nachdem der ZAS im Zuge der Deponievorbereitungen das Sickerwasser abgepumpt hat, das ständig vom höhergelegenen Grundwasserspiegel in die Grube einfließt – so kann sich ausgerechnet der künftige Deponiebetreiber zugute halten, den Paläontologen dieses unerwartet ertragreiche Areal erschlossen zu haben. Die erheblichen Summen für die Freilegung der Grubensohle – so der Verbands Vorsitzende und Dannstädter Stadtkämmerer Otto Blöcker – wären allein für wissenschaftliche Zwecke wohl kaum aufgebracht worden.

Doch das ist nur ein schwacher Trost. Denn es geht – wieder einmal – um politische Versäumnisse, um sogenannte Sachzwänge, denen sich die politischen Entscheidungsträger um so lieber unterwerfen, als sie glauben, dafür nicht verantwortlich zu sein.