Es gibt eine Zeichnung von Steinberg, die exakt das illustriert, worüber Theoretiker endlos streiten: das Verhältnis von Realität und Phantastik nämlich.

Die Zeichnung ist poetische Stenographie: in knappen Linien entsteht eine Küstenlandschaft, ein Auto, ein Anlegesteg am Meer. Vom Steg aus bequem zu erreichen: eine Insel – mit Haus, Palme und Boot. Vom höchsten Punkt dieses Inselchens klettert ein Mann ohne Umschweife in den Himmel. Besser: er klettert mühelos in eine am Himmel befestigte Zeichnung, auf der sich eine sorgfältig beschriftete Landkarte findet. Das Männchen kraxelt mittels einer Leiter in die Regenbogen verschönte Zettel-Landschaft. Genauer: direkt in die Ortschaft Kunming, gleich nebenan von Three Mile Harbour. „Übergang zum Fiktiven“ heißt dieses 1964 entstandene Blatt. In genialer Verkürzung ist lapidar beschrieben, was passiert, wenn ein Künstler die sogenannte reale Ebene verläßt. Nichts anderes braucht er also dazu als ein Leiterchen.

Um dieses Hilfsgerüst ist viel debattiert worden. Für viele Illustratoren scheint es nicht mehr zu sein als ein billig zusammengenagelten Holztritt, mit dem man sich eilig in eine Rauschgoldszene retirieren kann. Für manche ist es eine Art Feuerwehr-Notleiter, um stracks in die Rauchzone des Phantastischen zu klimmen. Andere haben rührend gebastelte Gestelle, auf denen sie mit wackligen Füßen dann mühsam einen Rand des Wolkenzipfels erwischen.

Und dann gibt es die raren Künstler, deren Handwerk so makellos, so perfekt ist, daß jener Übergang von der Realität in eine zweite Ebene sich beinahe unmerklich vollzieht. Anita Albus gehört zu ihnen oder Bernard Durin.

Albus, eine Künstlerin, deren malerische Akrihie und Treue gegenüber der Natur zu jenen atemberaubenden Miniaturen geführt haben, die nicht Mimesis sind, nicht perfektes Ab-Bild, sondern ein Bündnis zwischen Wirklichkeit und Kunst. Statt einer perfekten Reproduktion, gelingt Albus so etwas wie Reanimation. Schmetterling und Eisvogel beginnen zu schweben, das schwarzgefleckte Hündchen zu bellen, das Lamm hört man atmen.

Ihr Trompe-l’œil-Stück aus EIA POPEIA zeigt in der linken unteren Bildhälfte ein Goldauge (jenes unwirklich anmutende schöne Insekt aus der Familie der Chrysopidae). Die glashell schimmernden zartgrünen Flügel dieses elfenhaften Geschöpfes sind Millimeter für Millimeter so täuschend gemalt, so lebensvoll, daß der Betrachter glauben muß, es bewege im nächsten Augenblick seine goldenen Fühler.

Von einem ganz anders gearteten „Realismus“ sind die wissenschaftlichen Illustrationen von Darin. Seine tropische Heuschrecke wird in der artistischen Wiedergabe nicht nur perfektes Abbild eines feenhaften, surreal aussehenden Lebewesens, sondern ist so meisterlich gezeichnet, daß diese Arbeit einen Vergleich mit Darstellungen der Merian standhalten kann.

Dieser „Realismus“, der durchaus nicht der Scheinobjektivität der Photographie verfallen ist, sondern etwas sichtbar macht, das weit über den Augenschein hinausgeht, wird in Kinderbilderbüchern immer die Ausnahme, immer der Glücksfall bleiben.

Wenn sich aber ein Illustrator in diese malerische Richtung hin bewegt, so ist das bemerkenswert genug. Die in England arbeitende Künstlerin Monika Beisner hat in konsequenter Manier eine Bildsprache entwickelt, deren Suggestion im Detail, deren Zauber in der kleinen Komposition besteht. In zierlichen Medaillons gibt sie Ansichten einer verdrehten Welt: Der Löwe hält in den Tatzen einen Feuer-Reifen für den Clown, das Schaf schert den Hirten, die Elster packt die Katze, der Knabe läuft Schlittschuh im Sand, Wölkchen grasen, und Schafe schweben am Himmel. Topsy-turvy heißt dieses traumschöne Album im Englischen. Statt Albernheiten zeigt die Autorin in bester englischer Tradition des Nonsense Dinge im Kopfstand. Und ohne mit interpretatorischen Schürfkünsten langweilen zu wollen: Auch der Unsinn macht Sinn. Mehr jedenfalls als die großspurig annoncierten Späße in flink getuschten Klamaukbüchern.

Weißer Rabe, schwarzer Schnee.

Ich bin die arme Dorothee.

Ich sitz in einem Käfig drin

und schaukle, schaukle vor mich hin ...

Ein puppenschönes, porzellanblasses Kind wiegt sich in einem Vogelring des Papageienkäfigs. Seine roten Haare und giftgrünen Pantöffelchen berühren die Gitterstäbe; und draußen hockt ein karminroter Papagei mit jenem starren sphärischen Blick, der Steine erweichen kann. Träumt er wie die weißen Ara“ von den „fernen Dattelbäumen“? Keiner weiß es. Aber jeder spürt die beharrlich gestellte Frage: Warum sperrt der Mensch diese wunderbaren Vögel in winzige Käfige? Warum quält er den Löwen im Feuerreifen? Bei solchen Bildern gibt es die Erinnerung an Verse von Apollinaire:

O Löwe, Bildnis zum Jammern.

Ein König, gestürzt in den Dreck,

Geboren in Gitterkammern...

Zornige Fragen in sanften Bildern, deren Farbigkeit strahlend ist, deren Figürchen bezaubern. Von allen Bilderbüchern dieser Künstlerin ist dieses wohl das schönste.

Er gilt als Begründer der klassischen theoretischen Physik, als eines der größten spekulativen Genies – Mathematiker, Physiker, Astronom: Sir Isaak Newton.

Wie verirrt sich dieser große Mann, der die Naturwissenschaften revolutionierte, ins Kinderbilderbuch? Ganz einfach: Ähnlich wie in dem originellen Einstein-Büchlein aus dem Postreiter Verlag haben die Autoren dieses Bandes keine Hupsiwupsi-Story, sondern die Historie bemüht.

Wie jeder noch aus der Schule weiß, entstand das Gravitationsgesetz durch einen fallenden Apfel Durch diese Beobachtung wurde Newton zum Begründer der Himmelsmechanik.

Die Illustratorin Petra Wiegandt hat die Apfel-Episode ins Ländliche verlegt: Newton stolziert in Justaucorp, Culottes und Seidenstrümpfen unteren Apfelbaum herum. Dabei fällt ihm eine rotwangige Frucht genau auf den Kopf und hinterläßt eine fette Beate. Newton lüftet die Allonge-Perücke, fächelt mit einem Seidentüchlein über den Glatzkopf und reflektiert das Prinzip der Gravitation. „Und wo wäre mein Buch?“ räsoniert er weiter in seiner Studierstube. Tinte? Und Feder? Ohne die Schwerkraft? Natürlich: an der Decke wären sie. Genau wie Sir Isaak selbst, sein Hund und die übrigen Schreibutensilien. Eine große Idee auf ulkige Bilder und in einen klugen Text gebracht, den bereits Kinder als Anlaß für naturwissenschaftliche Fragen nehmen können.

Höchst amüsant machen die Autoren dieses unkonventionellen Büchleins dreierlei vor – erstens: Plots von Bilderbüchern müssen weder artifiziell noch albern sein; zweitens: Denken kann sogar Spaß machen; drittens: ganz winzige Anlässe können gewaltige Folgen haben.

Es gibt Bilderbücher, die sind bereits am Tag ihres Erscheinens ein Klassiker. So eines ist „The giving Tree“ von Shel Silverstein. Mit einem Vierteljahrhundert Verspätung kommt es jetzt ans Amerika. Der deutsche Titel dieses Bilderbuches ist irreführend; das Photo auf der Rückseite des Einbandes übrigens auch. Der Autor fixiert seinen Leser über die Schulter: ein bißchen dämonisch, ein bißchen hochmütig, dandyhaft und etwas traurig. Vor allem aber ziemlich pathetisch. (Und das ist die Geschichte eben gar nicht.) Fast ein Bühnenphoto – irgendwas zwischen Alibaba und die 40 Räuber, Kojak nach einer Magerkur oder den Don-Kosaken. Auf jeden Fall gehört dieser Kahlkopf einem Menschen, der sich einen Teufel um Interviews schert, der behauptet, keine Rezensionen zu lesen und der dem üblichen PR-Betrieb der Verlage so kategorisch wie phantasievoll Widerstand leistet. Liedermacher, Bücherschreiber, Satiriker. Und dieses nun ein Kinderbuch aus dem Jahr 1964. (Es ist so schockierend wie komisch, daß in England 17 Verlage dieses Buch ablehnten, bevor Jonathan Cape den Titel im Frühjahr 87 veröffentlichte. Das Buch war vor Erscheinen bereits vergriffen.) Diese merkwürdigen Begleitumstände erklären sich wahrscheinlich aus einer Illustrations-Manier, die so radikal gegen angebliche Sehgewohnheiten und Bildbedürfnisse der Kinder verstößt, daß sich eingeschworenen Jugendtümlern das Nackenfell sträubt Silversteins graphischer Strich hat weder die subtile Linie und elegante Verkürzung wie der Steinbergs, noch die genialen Alfanzereien von Ungerer oder die zarte Feder wie Sendak. Silversteins Zeichnung ist schroff, störrisch; hier vermeidet jemand lustvoll jede Art des optischen Einschmeichelns.

Und die Geschichte? In der deutschen Übersetzung von Franz Hohler heißt sie „Der freigebige Baum“. Mit diesem hölzernen Titel ist ein Teil des Zaubers verloren gegangen. Denn die Geschichte ist eine Liebes-Geschichte: zwischen einem Baum und einem Kind. Und dieser Baum ist nicht etwa „freigebig“ (das klingt nach Freibier und Spendierbösen), sondern er ist auf eine selbstzerstörerische, fast wahnsinnige Weise gütig. Und weil er ohne Kalkül ist, ist der Baum Verlierer. Er schenkt dem Kind, was er hat: Blätter, Äpfel, Zweige, seinen Kletterstamm, seine Äste zum Schaukeln, seinen Schatten für den Schlummer. Er ist alles: Herzensfreund, Liebster, Spielgefährte, Bruder, Getreuer, Vertrauter, Beschützer, Hüter seines Schlafes. Das Kind liebt den Baum, und der Baum liebt das Kind. Und der Baum ist glücklich.

In meisterhafter Kürze, ohne ein Milligramm Gefühlsseligkeit erzählt Silverstein das Ende dieser Liebe. Den Anfang des Verrats.

Wenige Worte, knappe Striche: der Baum verkommt in den Augen des heranwachsenden Mannes zum schnöden Nutzobjekt, zum Holzwerk, zum Dollar-Lieferanten. Am Ende bleibt ein abgehackter, toter Stumpf. Eine Parabel, kindlich und einfach erzählt. Kürzer, trauriger läßt sich nicht fassen, was Menschen mit Natur anrichten. Ein schreckliches Märchen. Ein wahres Märchen. Erzählt mit der Disziplin und List eines klugen Autors. Kein Räsonieren, kein Kommentieren. Nur dieses Ende.

Elefant, Mäuschen, Hasen und kleine Bären: Dreiviertel der Arche Mai ist in Bilderbüchern zu Plots vermarktet worden. -Ziemlich ungeschoren von der Illustrationswut blieben bislang die Opossums: struppig aussehende Beuteltierchen mit reizenden Knitterohren; fabelhafte Turner – angeblich mit wenig Gehirn. (Wieviel Hirn menschliche Pelzträger haben, die sich mit einigen Dutzend dieser Tierleichen dekorieren, wird dezent verschwiegen.) Opossums galten als „stupid“ und „bösartig“, bis Wissenschaftler diesen hartnackig kolportierten Blödsinn dementiert haben. Opossums sind etwa so groß wie Kätzchen. Wegen ihrer langen mehrfarbigen Grannenhaare wirken sie „bunt“: es gibt schwarze, weiße, cremegelbe und „melierte“ Opossums. Das freche Fellchen und die tollen Kletterkünste haben den Autor wahrscheinlich zu seiner Geschichte inspiriert: Oma Opossum kann brillant kraxeln und ein kleines bißchen zaubern. Sie macht Plumplum, ihren Enkel, unsichtbar. Das ist nicht ohne Vorteil: Plumplum kann auf dem Känguruh rumrutschen, braucht keine Schlangen zu fürchten und riskiert eine Menge unverschämten Schabernacks, Mit welchen Tricks Plumplum wieder sichtbar wird, soll hier nicht ausgetauscht werden. Die Illustrationen von Julie Vivas haben Witz und Zärtlichkeit, und Kinder erfahren auf den vergnüglichen Blättern, daß es Dingos, den Kookaburra, Emus und wuschelige Wombats gibt.

Das ist nicht nur spannend und amüsant, sondern auch nützlich: Schließlich kann man ihnen dann nicht wie den Opossums nachsagen, sie hätten wenig Hirn.

Rabe Richard, die drei überkandidelten, in Schönheitskonkurrenz gackernden Hühner, wilde Schweine oder der Biber, Glücksperlen angelnd: Helene Heine versteht es raffiniert, sich vom platten Jux abzuheben, der nur Tierklischees mit Kostüm verwendet. Er hat inzwischen eine unverwechselbare Typologie geschaffen. Und mit jedem neuen Bilderbuch erfindet er eine Figur. Prinz Bär unterscheidet sich deutlich vom Unterhaltungs- und Berufs-Bär aus Baby-Bilderbüchern. Heines Bär ist ein bißchen blöd, glücklich und selbstzufrieden. Er hat eine Kartoffelnase wie der unvergeßliche Dabbelju C. Fields, und die winzigen Öhrchen lassen ihn noch törichter erscheinen als das puppenkleine Maul. Kurz: dieser Bär, wenn et selbstvergessen in einen Schildpattspiegel glotzt, hat ohne daß er auch nur mit der Tatze schnippen muß, bereits jedermanns Sympathie. (Die harmlosen Blödis, die immer gut gelaunten sind sie nicht die heimlichen Lieblinge des Publikums?)

Mit Lust stellt Heine Märchen auf den Kopf: „Vor vielen, vielen Jahren, als die Märchen noch jung waren, steckte in jedem Bär ein Prinz und in jeder Prinzessin ein Bär...“

Durch permanente Küsserei verwandeln sich die Prinzessinnen, die höfisches Zeremoniell leid sind, in vergnügte Bären: Bären-Seligkeiten. Man sieht die gemütlichen Bumsköpfe in Badesee auftauchen und wird Zuschauer ulkigen Bären-Zeitvertreibs. Das köstliche Bärenleben führt leider zu einer wahren Bären-Inflation. Das kann nicht gut gehen. Schluß mit den reizenden Metamorphosen: Leider werden darum heute Bären keine Prinzen und Prinzessinnen keine Bären – egal wie lang und inständig sie sich küssen ... J