Von Stefan Hase-Bergen

• Die chinesische Autorin Wang Kanmin, Dozentin Zur Deutsch an der Universität Zhejiang, berichtete uns vor zwei Jahren über Trends und Tendenzen in chinesischen Kinderbüchern. Diesen Bericht setzt hier nun ein Student der Sinologie fort und schildert seine Eindrücke während eines Studienaufenthalts in China. Stefan Hase-Bergen (1962 in Bremen geboren) hat von 1985 bis Sommer diesen Jahres an der Fudan Universität in Shanghai studiert und beschreibt seine Eindrücke. Fazit seiner Impressionen: China öffnet sich in deutlichen Schritten den Einflüssen westlicher Kinderliteratur. Neben der Faszination, Originalität und Eigenart chinesischer Autoren dürfen nun auch Andersen oder Dickens bestehen.

Seit Ende der Kulturrevolution 1967 hat sich das Bild der chinesischen Gesellschaft in der Volksrepublik grundlegend geändert.

Am offensichtlichsten sind dabei die Öffnung zum Westen sowie die wirtschaftliche und gesellschaftliche Liberalisierung. Das hinterläßt seine Spuren natürlich auch in der Kulturpolitik; die Zügel werden dort erheblich lockerer gehalten. Das soll allerdings nicht heißen, daß diese Zügel fallen gelassen werden. Sie sind weiterhin deutlich spürbar.

Gut zu erkennen ist das in der chinesischen Kinderliteratur, die immer noch eine klare erzieherische Funktion haben soll. Sie hat die Aufgabe, „die Kinder eindringlich zum Patriotismus, zur Achtung der revolutionären Tradition und zum Internationalismus zu erziehen“. So hieß es im Mai dieses Jahres in Shanghai anläßlich einer Kinderbuchausstellung.

Der Kinderliteratur wird in China sehr große Beachtung geschenkt. Sie sei „ein wichtiger Bestandteil der sozialistischen Literatur, der die Kinder zum kommunistischen Denken, zur Tugendhaftigkeit und zu mehr Wissen führen soll“. Soweit die Theorie. Und wie sieht die Realität aus? Was lesen chinesische Kinder tatsächlich? Macht sich die Öffnungspolitik auch im Leseverhalten der Zehn- bis Fünfzehnjährigen bemerkbar?

Wang Yi (elf Jahre alt, Grundschule) liest besonders gern einfache Geschichten und Romane, deren Hauptmotiv die traditionellen chinesischen Kampfsportarten sind. Die Handlung in diesen Büchern ist eher nebensächlich. Wang Yi ist besonders fasziniert von den Kampfszenen. Die Geschichten sind einfach geschrieben, die Handlung ist gradlinig, unkompliziert; spannende Höhepunkte sind eben die Kämpfe. Der Leser gerät in eine historische Welt von Schurken und Helden, Kriegen und Intrigen. Zum Schluß bleibt der Gute im wahrsten Sinne des Wortes dank seiner Schlagfertigkeit Sieger.