Rotz und Wasser – Spucke im Sand

Eine Frau ohne Mann ist wie Spucke im Sand: sie vertrocknet." Dieses indische Sprichwort hat Klaus Kordon als Titel und Thema seines neuen, spannenden Indien-Buches gewählt. Die ereignisreiche Handlung ist so angelegt, daß sie die Frauenbewegung als längst fällige Notwendigkeit darstellt.

Kordon zeichnet in der Gestalt eines fesselnden Abenteuerromans das facettenreiche Bild des heutigen Indien. Und er gibt bewundernswert tiefe Einblicke in die Vielfalt der Lebensbedingungen, obwohl er konsequent nur ein Thema behandelt: die Rolle der Frau in der indischen Gesellschaft.

Am geglückten Beispiel einer beispiellosen Entwicklungsgeschichte kann er die Erfahrungen eines indischen Mädchens von heute in verschiedenen Stadien und wechselnden Stationen realistisch darstellen. Munli lebt in einem so kleinen Dorf, daß es nicht einmal einen Brunnen gibt. Obwohl Munli wie alle Mädchen und Frauen seit ihrem achten Lebensjahr auf den Feldern hart arbeiten muß, hat sie Gedanken im Kopf, entwickelt ein kritisches Gefühl für die Verhältnisse um sie herum. Zudem hat sie eine couragierte Freundin.

Als beide mit dreizehn verheiratet werden sollen, an Männer, die sie fürchten und deren Gewalttätigkeit sie verabscheuen, wagen sie das Undenkbare: sie fliehen in die Berge. Damit verläßt Munli ihre Familie, ihre soziale Umwelt und ihre geistige Heimat. Die Flucht bedeutet irreversibler Bruch mit der Tradition. Munli hat den "ersten Weg" der Hindu-Religion, die fraglose Anbetung nämlich, verlassen. Ihr Weglaufen vor dem brutalen Mann ist Motiv und Metapher zugleich, unbewußter Ausbruch aus dem Patriarchat. Der "zweite Weg" führt sie zu Rebellen, die die herkömmlichen Gesellschaftsformen längst hinter sich gelassen haben. Diese Baghis leben weit außerhalb bewohnten Gebiete in Lagern. Von dort aus unternehmen sie gelegentlich Raubzüge in Siedlungen reicher Klassenfeinde.

In Handlungsbeschreibung und Charakterisierung gelingt es Kordon vorzüglich, diesen blinden brutalen Aktionismus als halbgaren Protest gegen eine dringend reformbedürftige Gesellschaft zu zeichnen, wobei Ähnlichkeiten mit Gruppen und Personen hier bei uns sicherlich beabsichtigt sind.

Personifiziert wird "Karma", der Weg der Werke, der ohne rechtes Ziel ins Leere führt, in der schillernden Gestalt der Rebellenführerin Meera. "Manchmal brach sie Tradition, manchmal unterwarf sie sich ihr" analysiert die Ich-Erzählerin später.

Obwohl die Baghis einen weiblichen Führer haben, herrschen im Alltag die Männer über die Frauen. Die vorurteilsbeladenen Kasten-Unterschiede gelten weiter. Munli bekommt im Lager Anstöße zum Nachdenken, aber sie merkt auch, daß bloßes emotionales Aufbegehren nur ungezielter Ausbruch, niemals erfolgversprechender Aufbruch bedeutet. Für sie ist der Aufenthalt im Lager darum nur eine Übergangsstation.

Rotz und Wasser – Spucke im Sand

Als die Baghis von der Polizei ausgehoben werden, kann Munli mit Hilfe ihrer Lagermutter in die Stadt fliehen. Ganz auf sich gestellt, versucht sie verzweifelt, in dem undurchschaubaren Dschungel Allahabad zu überleben. Die Rettung kommt, als sie sich bereits aufgegeben, zum Sterben am Gangesufer hingelegt hat. Sie trifft auf die Intellektuelle Aruna, die sich die Befreiung der Frau aus männlicher Unterdrückung zur Lebensaufgabe gemacht hat. Aruna nimmt Munli in ihre Wohngemeinschaft auf, wo sie mit anderen Frauen vom Körbeflechten lebt.

Hier lernt Munli lesen und schreiben, hier verfaßt sie ihren Lebensroman "Wie Spucke im Sand". Damit beginnt für sie der "dritte Weg", der vielen indischen Frauen verstellt bleibt: Jana, der Weg des Wissens. Ihr Wissen und ihre reichen Erfahrungen wird sie später als Lehrerin indischer Mädchen weitergeben an viele Multiplikatorinnen. Denen wird es gelingen, der indischen Frau den angemessenen Stand in der Gesellschaft zu verschaffen. Mit der Hoffnung auf die langsame, aber gewaltige Revolution der indischen Sozialstrukturen schließt Munli ihren Lebensbericht.

Kordon ist es gelungen, die literarischen Figuren mit farbigem Leben zu erfüllen. Dadurch, daß Munli selber ihr Land kennenlernt und ihre Erfahrungen und Einsichten beschreibt, bekommt der Leser Informationen über Indien, die weit über das Indienbild anderer Jugendromane hinausgehen. Der parteiischen, aber stets differenzierenden Schilderung merkt man an, daß der Autor nicht Angelesenes verarbeitet, sondern aus reicher eigener Erfahrung schöpft.

Was den inhaltlich hervorragenden Eindruck leider bisweilen beeinträchtigt ist Kordons Sprache. Sowohl im Stil wie in Grammatik und Ausdruck wünsche ich ihm in manchen Passagen ein energischeres Eingreifen des Lektorats. Banale Redundanz trägt so wenig zum Verständnis bei wie komplizierte Schachtelsätze oder doppelte Verneinung. Das wirkt schleppend und ungenau. Dummdeutsche Modeausdrücke und Stilschludereien im Nachwort sind um so bedauerlicher, als hier der Roman informationsreich ergänzt wird (zum Beispiel mit dem Bericht über die erste Frauenbank der Welt). Oder wenn die unselige Tradition der Mitgift historisch analysiert wird. Verdienstvoll ist dieses Nachwort durch seine Vergleiche zur Bundesrepublik. Kordon setzt die geschundenen indischen Frauen in Beziehung zu den 14 000, die jährlich in deutschen Frauenhäusern Zuflucht suchen.

Trotz einiger formaler Schwächen ist dem Autor ein spannendes, klug gebautes Abenteuerbuch gelungen. Es schließt Wissenslücken über ein Land, das zu den elf größten Industriestaaten zählt. Und Kordon engagiert sich mitreißend für die notwendige Gleichberechtigung der Frau. Denn so sagt ein indisches Sprichwort: "Die Hand, die die Wiege bewegt, bewegt die Welt".

Heribert Beigel

Ein Kindheitstraum, ein Kindheitstraum", jubelt ein heiter-betrunkener Gast, als er dem Freund die Schokoladentorte ins Gesicht wirft. Der halbwüchsige Oli erinnert sich gerne an die nächtliche Geburtstagsfeier seiner Mutter. Denn trotz liebevoller, zuverlässiger Freunde im fröhlichen Chaos kleiner Wohnungen, beschränkter Mittel und unregelmäßiger Tagesabläufe nehmen die Bedrohungen seines Ost-Berliner Alltags zu. Die Stasi-Überwachung wird schärfer, die Reise zum Jazz-Festival in Polen entwickelt sich zum Alptraum, die geliebte Freundin flüchtet in den Westen, und die alleinerziehende Mutter bricht unter den Belastungen bald zusammen. Am Schluß dieser Spirale schmerzlicher Verluste steht die nahegelegte, beantragte und bewilligte Ausreise nach West-Berlin – ein zusätzlicher Verlust von Freunden, Vater und Heimat, kein Grund zur Freude also. Franziska Groszer beschreibt meisterhaft die Verflechtung von privaten und politischen Ereignissen.

Rotz und Wasser – Spucke im Sand

Daß die 1945 geborene, seit 1977 in der Bundesrepublik Deutschland lebende Autorin ihr schriftstellerisches Handwerk in der DDR gelernt hat, ist ihrem ersten Jugendbuch deutlich anzumerken. Die Vitalität in der Diktion des jugendlichen Helden, die Vorliebe für Parallel-Verbindungen zu Personen deutscher Geschichte und Literatur (hier Jakob Wassermanns Kaspar-Hauser-Interpretation) und nicht zuletzt das Motiv der moralisch integren Vertrauensperson (der dialektisch argumentierende Theater-Autor Paul ersetzt den alten Kommunisten der ersten Stunde) zeugen davon.

Für die Darstellung der DDR im bundesrepublikanischen Jugendbuch ist Franziska Groszers Text außerordentlich interessant. Die für Leser ab etwa zwölf Jahren verständliche Milieu-Studie kritischer Intellektueller in Ost-Berlin wurde im Medienangebot für Kinder und Jugendliche bisher gänzlich ausgespart.

Realistische Jugendliteratur verzichtet zugunsten leichterer Zugänglichkeit weitgehend auf Verschlüsselungen. Daher begegnet dem Leser Kritik an der DDR hier unverblümter als anderswo – befördert durch Olis jugendliche Unbedingtheit, seine persönlichen Verluste, die Hilflosigkeit des noch Unmündigen. Fatal, wenn daraus die Konsequenz gezogen würde, Wert oder Unwert des Buches an der eigenen politischen Überzeugung zu messen. Zweifellos gehört "Rotz und Wasser" zu den Geschichten, die Gefahr laufen, von falscher Seite beklatscht zu werden. Sie ist weder Abrechnung noch Material zum Systemvergleich Ost-West.

Franziska Groszer zeigt Grenzsituationen jugendlicher Erfahrung, die in deutsch-deutscher Wirklichkeit eben auch von Staatsgrenzen markiert werden. Dafür erhält sie am 10. Oktober auf der Frankfurter Buchmesse den mit 20 000,– DM dotierten Erich-Kästner-Kinder- und Jugendbuchpreis. Der Atrium Verlag hat ihn aus Anlaß seines fünfzigjährigen Bestehens gestiftet.

Birgit Denkart

Der Eisenmann – keiner weiß, woher er kam – marschiert auf das Kliff zu, stolziert mechanisch über den Rand und stürzt langsam nach unten.

"Langsam stürzen"? Das metallische Monster zeigt gleichsam seine Erhabenheit sowohl über Naturgesetze wie auch über die Sprache. Dieser eigenwillige Umgang mit Begriffen entspricht dem Verhältnis des Autors zu Gesetzmäßigkeiten schlechthin. Hughes ist ein scharfer Beobachter der physischen Realität, aber er verdichtet seine Wahrnehmungen in einem symbolträchtigen Stil.

Rotz und Wasser – Spucke im Sand

Der britische "Iron Man" (der amerikanische Verlag steigert ihn zum "Iron Giant") folgt dem Grundmuster des Drachentöter-Märchens. Doch für Hughes, dessen Naturlyrik wegen ihrer Gewaltdarstellungen verschiedentlich abgelehnt wurde, kann die Vernichtung des Monströsen keinen Sieg bedeuten. So ist das mittlere der fünf Kapitel die Geschichte vom Wiedererwachen des Eisenmannes und seiner Integration in der Menschenweit. Zuvor wird er von Hogarth, dem kindlichen Retter, gezähmt; und später tritt der einstige "Drache" selbst wie ein Ritter Georg auf.

Ein Motiv-Eintopf also, aber ohne jede Spur von eklektischem Beigemüse aus der modischen Fantasy-Küche. Hughes baut auf die Kraft seiner Sprache, auf die Prägnanz seiner Bilder. So entstammt der Eisenmann augenfällig einer Werktradition, die sich durch Tiergestalten auszeichnet, welche gleichzeitig das Animalische und das Geistige verkörpern. Als die Trümmer des Eisenmannes am Fuß des Kliffs liegen, beginnen sie sich einzeln zu bewegen. Aus der Verbindung von Hand und Auge wächst letztlich wieder der Riese hervor: ein organisches Wesen.

Entsprechend nützt es wenig, ihn unter einem Erdhügel zu begraben. Im folgenden Frühjahr bricht er mit neuer Kraft hervor; und erst die genüßliche Verpflegung dieses Eisenfressers auf einem Schrottplatz bringt die allseits befriedigende Lösung: das gebändigte Naturwesen als die sinnvoll genutzte Technik.

Dieser Doppelcharakter wird vollends deutlich, wenn der gutmütige Riese in der zweiten Hälfte den Kampf gegen den "Weltraum-Fledermaus-Engel-Drachen aufnimmt. Stellvertretend für alle dadurch entlarvten Machtinhaber tritt Eisenmann als Winzling auf im Mutproben-Duell mit diesem Ungeheuer, das auf Australien landend den ganzen Kontinent zudeckt. Der Sieg des unscheinbaren, eigentlich aber gigantischen Helden und die Verbannung des Übeltäters in das Firmament beschließen die mythologische Erzählung.

Neben formelhaften Wiederholungen bestimmt gelegentlich ein lyrikverwandter Zeichenfall die Atmosphäre: Archaisches und Artifizielles auch im Satzgefüge. Erstaunlich ist allerdings, wie Hughes neben diesen Stilmitteln auch einen leichten, manchmal charmant lapidaren Ton anschlägt.

Die schmunzelnde, Pathos verhindernde Sachlichkeit ist wohl (mehr als Archetypen-Jäger wahrhaben wollen) mitverantwortlich für den anhaltenden Erfolg des "Iran Man" in Großbritannien.

So erhielt das 1968 erschienene Buch im letzten Jahr den Emil Award, den Preis für "moderne Kinderbuchklassiker". Allem Anschein nach ist der Otto Maier Verlag dadurch auf den Titel aufmerksam geworden. Nun eröffnet er die neue Reihe "Leseabenteuer-Bücher für 1001 Tage".

Rotz und Wasser – Spucke im Sand

Uwe Michael Gutzschhahn hat die Stilmittel des englischen Autors gekonnt übertragen, während er im Nachwort eine Chance verspielt: ein kommentierter Textvergleich mit einer Passage aus dem Original (statt eines ungelenken Eigenlobs des Übersetzers), ausführliche Informationen über den Autor (der mit Sylvia Plath verheiratet war) und vor allem seine anderen Arbeiten für Kinder, seine Gedichte und die spannenden Erläuterungen dazu (sie erschienen 1967 unter dem Titel "Poetry in the Making"). All das wäre interessant gewesen; Ted Hughes eignet sich wie wenige für eine moderndassic-Ausgabe, die diesen Namen verdient.

In anderer Hinsicht hat das Lektorat allerdings ein Lob verdient: Mit Jindra Čapek wurde ein Illustrator beauftragt, der dem Doppelcharakter des Eisenmannes und der Märchenhandlung im technischen Zeitalter gerecht wird. Čapek läßt Bildmagie entstehen, die nicht aus Nebelchen, sondern durch präzise Schraffuren wächst – mit jenem Quäntchen Surrealismus, das den Text trotz archaischer Elemente zu einem modernen macht.

Hans ten Doornkaat