Stuttgart

Mit einem Bügeleisen geht Marianne K. auf Mitpatienten los, schlägt sich die Zähne ein, will sich die Augen auskratzen. Pfleger binden die erregte Frau an ihr Bett fest. Ein Therapeut, der mit der Kranken ein Gespräch führen, die Spannung abbauen und so eine „Fixierung“ vermeiden könnte, ist auf der Akutstation des Psychiatrischen Landeskrankenhauses (PLK) Weißenau nicht zur Stelle. Personal ist knapp.

Herta B. wirft mit Blumentöpfen um sich, würgt Mitpatientinnen an ihren Halsketten, bedroht das Pflegepersonal. Daraufhin wird die an unklaren Unruhezuständen leidende Frau in einer der modernsten psychiatrischen Kliniken der Bundesrepublik zwei Wochen lang permanent im Bett festgeschnallt. Gegen alle Regeln ärztlicher Kunst, gesteht Professor Günter Hole, Direktor von Weißenau, freimütig vor einem Untersuchungsausschuß des Stuttgarter Landtags, der die Situation der Psychiatrischen Landeskrankenhäuser im CDU-regierten Baden-Württemberg klären soll.

Zwei Jahre lang hat der Professor Ärzte und Pflegepersonal über alle Fälle Buch führen lassen, bei denen Patienten aus Personalmangel festgebunden, isoliert oder mit Medikamenten ruhiggestellt worden sind. In der vergangenen Woche konnte Hole vor dem Untersuchungsausschuß („Ich sage gern aus“) Einzelheiten aus dem psychiatrischen Gruselkabinett bezeugen. Von einer im Sessel angebundenen schizophrenen Patientin berichtete er und von einem unbeaufsichtigten Erregten, der seine Kleider anzündet; auch von einem alterskranken Menschen, der einfach vom Stuhl fällt und sich ein Bein bricht, weil niemand auf ihn aufpaßt.

Trotz der Warnungen von Ausschußvorsitzendem Robert Maus (CDU), als verantwortlicher Leiter einer Klinik könne sich Hole möglicherweise selbst in strafrechtlich relevanter Weise belasten, war der Professor auch beim heikelsten Thema nicht zu bremsen: Selbstmord. „Wir alle haben solche Suizidfälle“, bekannte er, „bei denen wir anschließend sagen, das hätte nicht sein müssen.“ Der Personalmangel sei dabei „ein Faktor, der immer deutlicher wird“.

Hole blieb der einzige von 15 Zeugen und drei Sachverständigen, der sich zu diesem Thema äußerte und sich damit, wie Maus meinte, „so weit vorgewagt hat, wie kein anderer“. Hole schreckt jedoch weder der Wink mit dem Staatsanwalt noch der Spruch des Ausschußmitglieds Wilfried Steuer (CDU): „Wie der Boß, so der Troß.“ Den „schwarzen Peter“ will er sich nicht zuschieben lassen. Schließlich verfüge er nicht über die finanziellen Mittel, um Personal einzustellen.

Seitdem Hole im Frühjahr dieses Jahres in Zeitungsinterviews über die Verhältnisse in der klinischen Psychiatrie berichtet hat, läßt er sich nicht mehr ins Bockshorn jagen. Der Erfolg gab ihm bislang recht. Lothar Späths Gesundheitsministerin Barbara Schäfer bestritt zunächst entschieden Holes Vorwürfe, dann verweigerte sie den Mitarbeitern der Psychiatrischen Landeskrankenhäuser die Aussagegenehmigung für eine Anhörung des Landtagssozialausschusses – und provozierte so die Einsetzung des aus Regierungssicht noch viel unangenehmeren Untersuchungsausschusses.

Im Staatsministerium schlugen die Politprofis über so viel Ungeschicklichkeit im Vorfeld der baden-württembergischen Landtagswahl 1988, bei der Späth um seine absolute Mehrheit bangen muß, die Hände über dem Kopf zusammen: Schließlich seien für die Finanzen der Landeskrankenhäuser in ersten Linie nicht die Regierung, sondern Krankenkassen und Wohlfahrtsverbände zuständig. Auf die hätte die Ministerin doch „mit dem Finger zeigen können“, statt sich für unhaltbare Zustände zu verkämpfen, meinten Späths Mitarbeiter.

Während der parlamentarischen Sommerpause holte Barbara Schäfer ihre Hausaufgaben nach und gab erstmals erhebliche Mängel bei der finanziellen und personellen Ausstattung der Psychiatrischen Landeskrankenhäuser zu. Plötzlich stellten auch die Kostenträger den Krankenhäusern mehr Stellen in Aussicht, während in früheren Jahren die „moralischen und ethischen Appelle“ der Mediziner, so der ärztliche Direktor des Krankenhauses Wiesloch, Dr. Hans-Dieter Middelhoff, einfach „abgeprallt“ waren. Neues wußte auch der ärztliche Direktor des Krankenhauses Weinsberg, Professor Fritz Reimer, vor dem Untersuchungsausschuß zu berichten: Geradezu „klammheimlich“ seien in letzter Zeit „Kompetenzen an die Krankenhäuser abgegeben worden“.

Die vom Staatsministerium verordnete Entlastungsoffensive wird die Opposition jedoch kaum abhalten, die Zustände in der Psychiatrie zum Wahlkampfthema zu machen, zumal der Abschlußbericht des Untersuchungsausschusses ein Vierteljahr vor der Landtagswahl noch im Dezember vom Parlament diskutiert werden soll. Selbst wenn die Kostenträger unter dem Druck der Regierung bis dahin die gröbsten Personallöcher gestopft haben sollten, so werden sie keinesfalls den von der Deutschen Krankenhausgesellschaft errechneten Bedarf von 630 Stellen abdecken.

Solange es aber nur bei Flicken auf der viel zu kurzen Personaldecke bleibt, wird das Anbinden der Patienten nach Meinung der Experten zum Alltag der klinischen Psychiatrie gehören, obwohl es medizinisch nur als „Ausnahmefall“ indiziert ist. Neben den möglicherweise schwerwiegenden psychischen Folgen birgt das Fixieren auch ganz elementare physische Gefahren: Der als Gutachter geladene ärztliche Direktor des Westfälischen Landeskrankenhauses Gütersloh, Professor Klaus Dörner, berichtete von einem Fall, bei dem sich ein Patient bei einem Befreiungsversuch selbst verbrannt hatte. Dörner räumte auch ein, was die Stuttgarter Regierung gerne hörte: Auch in anderen Bundesländern werden Patienten aus Personalmangel festgebunden.

Die Opposition verweist die Regierung auf Hausgemachtes. So sind die Landeszuschüsse für die südwestdeutschen Psychiatrischen Landeskrankenhäuser von über 26 Millionen Mark im Jahr 1979 auf die Hälfte in diesem Jahr zusammengestrichen worden, obwohl damit Investitionen, Teilkosten für Personalausgaben und Ausgaben für die Außenfürsorge finanziert werden sollen.

Hausgemacht ist auch der „drückende Personalmangel“ beim Maßregelvollzug in den Psychiatrischen Landeskrankenhäusern. Kostenträger für die gerichtlich angeordnete Behandlung psychisch kranker Straftäter ist allein das Land. Welche Dimensionen die personellen Engpässe in diesem Bereich erreicht haben, machte der Leiter der Psychiatrischen Krankenanstalt Kirchgrund, Dr. Ernst Baljer, dem Untersuchungsausschuß mit den Worten deutlich: „Ich wäre froh, wenn ich Herrn Holes Probleme hätte.“

Vielleicht, so heißt es bei der Opposition, sollte sich auch Frau Schäfer Holes Probleme wünschen. Das Ansehen der Ministerin hat offensichtlich nicht nur bei der Opposition, sondern auch in den eigenen Reihen gelitten. Mit Blick auf den einstigen Ruf der baden-württembergischen Psychiatrie soll Regierungschef Späth Frau Schäfer bereits die bittere Frage stellen: „Barbara, was macht dein Paradepferd?“ Heidrun Holzbach-Linsenmaier