Von Metin Fakioglu

Mein Name bereitet mir gehörigen Verdruß. Stelle ich mich vor, muß ich ihn mindestens zweimal wiederholen; bei Behörden lautmalerisch buchstabieren. Kürzlich sah mich eine Sachbearbeiterin mit prüfend-staunenden Blick an und meinte: „Sie sehen aber gar nicht aus wie ein Türke.“

Sobald ich meinen Namen nenne, interessiert es nicht weiter, daß ich dreiviertel meines Lebens in der Bundesrepublik verbracht habe. Gleich schießen Statements, Klischees und Déjà-vu-Bilder ins Kraut. Wo haben Leila und Medschnun gelebt? Wie steht es mit dem Erstarken des Fundamentalismus’ in der Türkei? Also, weißt du, das ist schon ein starkes Stück, was die Türken mit den Kurden machen! Kannst du mir ein billiges Hotel in Istanbul empfehlen? Kürzlich wollte jemand von mir wissen, wie ich die Bedrohung durch die Alewiten einschätze. Ich glaubte meinen Ohren nicht zu trauen.

Neuerdings stelle ich mich mit „Thomas“ oder „Paul Meyer“ vor. Damit kann man sich hören lassen. Allah sei gedankt, daß er mein Äußeres europäisch gestaltet hat. Paul Meyer verschafft Distanz. Mit Paul Meyer unterhalten sich die Leute über Atompolitik, über Aids, SDI, Chemie-Unfälle und Gott und die Welt. Eine befreiende Erfahrung. Die Gespräche sind meist weniger verkrampft selbstverständlicher: keine falsche Rücksichtnahme auf die Sprache, keine Solidaritätsbezeigungen, keine Fragen danach, „welcher Teil in mir türkisch, welcher deutsch fühlt oder denkt“.

Ich beneide Paul Meyer: Er hat zig Mal „Scheißausländer“ zu hören bekommen, ich ganz selten. Er ist einbezogen worden in ein komplizenhaftes „also unter uns, die sind doch irgendwie ganz anders, die passen nicht zu uns“. Die Erfahrungen von Paul Meyer möchte ich nicht missen.

Aber erdachte Gestalten fordern auch ihr Recht. Nach und nach stellte ich fest, daß Paul Meyer die Türken und das Ausländerproblem ganz anders wahrnimmt als sein Erfinder. Paul Meyer fallen Dinge auf, die mir entgehen.

Er kommt nicht klar mit der Einstellung vieler Ausländer, die ständig von ihrer Rückkehr in die Heimat reden. Sein türkischer Nachbar schickt die Hälfte des Einkommens in die Türkei. In einem Vorort von Istanbul hat er sich eine Eigentumswohnung gekauft, in fünf Jahren wird sie abbezahlt sein. Er schwärmt vom Goldenen Horn, von seinem künftigen Leben. Die Menschen lebten dort zwar materiell schlechter, dafür aber psychisch gesünder, hätten ein besseres Gespür für die Freude, den Schmerz, für Trauer oder Krankheit. In Deutschland drehe sich alles um die Arbeit.

Der Mann lebt gedanklich in der Türkei, sein Körper langweilt sich in Kreuzberg. Richtig leben will er erst, wenn er wieder zurückgekehrt ist. Paul Meyer hat Schwierigkeiten, ihn ernst zu nehmen.

In einem dichtbesetzten Café richten sich die Blicke auf zwei Türken, die sich darum streiten, wer die Zeche zahlt: Jeder will den anderen einladen. Beide reichen der wartenden Kellnerin einen 20-Mark-Schein. Die fragt, wessen Geld sie denn nehmen soll. Der Lautstärkere setzt sich durch.

Eine Szene, wie sie oft zwischen Türken zu beobachten ist. Den anderen einzuladen gehört zur sprichwörtlichen Gastfreundschaft. Unter Türken gilt es als typisch deutsch, alles getrennt zu machen. Das Einladen ist eine rein idealistische Angelegenheit: Wer andere zu einem bestimmten Zweck einlädt, diskreditiert sich selbst.

Paul Meyer verweist auf die Überforderung vieler Deutscher durch diese Art von Herzlichkeit, die vereinnahmend wirke. Aus Angst vor Vereinnahmung reagierten viele Deutsche mit verstörtem Ungeschick, was dann zuweilen völlig zu Unrecht als feindseliges Verhalten gedeutet werde.

Im Bahnhofswartesaal in Ulm unterhält sich ein ziemlich hagerer Istanbuler mit einem Ost-Anatolier, kräftig gebaut, kapitaler Schnurrbart, der Typ, den die Türken yogbaz nennen. Sie können ganz schön zürnen, wenn ihnen etwas nicht in den Kram paßt, aber von Natur aus sind sie warmherzig, hilfsbereit und uneigennützig.

„Ich kenne kein grimmigeres und kälteres Volk als die Deutschen“, sagt er zum Istanbuler. „In unsere Stadt kam im letzten Sommer ein deutsches Paar, die hatten Ärger mit ihrem Auto, irgendwas an der Achse. Es war nachts. Man rief mich, da ich Deutsch kann. Natürlich konnte ich nicht sofort einen Mechaniker herbeiholen, aber wir nahmen die beiden mit in unser Haus. Meine Frau hat ihnen imam bayildi* gemacht. Sie konnten bei uns schlafen, baden. Am nächsten Morgen holten wir einen Mechaniker, der das Auto repariert hat, einen Bekannten von mir, ich hab ihm gesagt: Nimm nicht soviel von ihnen, das sind nette Leute. Na ja, was soll ich dir viel erzählen, sie haben sich in die Kiste gesetzt, zum Abschied die Hand aus dem Fenster gestreckt und „Danke auch“ gesagt. Ihr Lächeln wirkte herausgepreßt, als ob wir ihnen etwas angetan hätten.

„Komm mir bloß nicht damit“, würde Paul Meyer sagen. Das habe doch nichts mit „grimmig“ oder „kalt“ zu tun. Ich streite mich oft mit Paul Meyer. Er will mir die Sicht der Deutschen näherbringen: Versetz dich doch mal in ihre Lage, empfiehlt er wieder und wieder. Sie haben vermutlich nicht gewußt, wie sie sich verhalten sollen. Um kein Mißtrauen zu wecken, haben sie sich eben rauszuhalten versucht, sich „nicht-verhalten“ und dadurch erst recht alles falsch gemacht. Vielleicht aber konnten sie nicht verstehen, daß man sich zu ihnen so freundlich verhält, wo doch den Türken in Deutschland das Leben zur Hölle gemacht wird.

Eine Türkin will einen Deutschen heiraten. Ihr Vater ist außer sich. Nicht einmal seinem Sohn würde er die Heirat mit einer Deutschen erlauben, tobt er. Er droht der Tochter mit dem Ausschluß aus der Familiengemeinschaft. Nach eindringlichem Einreden, nach zahlreichen Interventionen lenkt er ein und nennt seine Bedingungen: Der Schwiegersohn müsse zum Islam übertreten, dürfe von nun an kein Schweinefleisch essen, müsse sich beschneiden lassen und die türkische Staatsbürgerschaft annehmen. Er fordert die totale Assimilierung, ist aber auf der anderen Seite sofort mit heftiger Kritik zur Stelle, wenn die Rede von der Integration der Türken in die bundesdeutsche Gesellschaft ist. Paul Meyer kann das Lamento über die anrüchigen Deutschen nicht mehr hören.

Eine türkische Familie im Süden Deutschlands konnte sich nicht entscheiden, ob sie für immer in die Heimat zurückkehren soll. Gegen die Bundesrepublik sprach nun die Rechtsunsicherheit, die Ausländerfeindlichkeit und die deutsche Kälte. Aber auch in der Türkei waren die Zustände nicht rosig: hohe Arbeitslosigkeit, der Affront gegen die Almancis (Deutschländer), die damit verbundene Problematik der Reintegration und die schlechte Berufsperspektive für die Kinder.

Die Kinder: die schwierigste Entscheidung. In Deutschland bestehe die Gefahr überlegte das Ehepaar, daß die Kinder wie die Deutschen werden könnten, unbarmherzig, egoistisch, verdorben. So trafen sie folgende Entscheidung: Die Mutter fährt mit den Kindern in die Türkei, der Vater aber bleibt in der Bundesrepublik. Eine verhängnisvolle Arbeitsteilung. Nach einem Jahr kehrte die Mutter mit den Kindern wieder nach Deutschland zurück. Erstens sei das türkische Bildungssystem miserabel; nur die Kinder der Reichen hätten dort Chancen. Und zweitens sehnten sich die Kinder nach ihrem Vater. Nun mußten sie sich wieder an das deutsche System gewöhnen. Hin und hergerissen begehrten sie schließlich auf und wurden zu sogenannten Problemfällen in der Schule. Wieder fuhr die Mutter mit den Kindern in die Türkei. Aber auch da wollten sie nicht mehr mitspielen. Der Sohn brannte durch, die Tochter verfiel in eine monatelange Lethargie.

Freilich, Paul Meyer übertreibt oft. Es macht ihn nicht stutzig, daß bikulturell erzogene Kinder normalerweise den Vorteil der Zweisprachigkeit haben, daß aber bikulturell erzogene Türken aufgrund der Diskriminierung oft zur Sprachlosigkeit verdammt sind. Nachdenklich müßte es ihn machen, daß sein türkischer Nachbar selbst nach 15jährigem Aufenthalt in Deutschland nicht heimisch werden konnte.

Im Unrecht sind die Paul Meyers und Peter Mustermänner oft auch, wenn sie jeden Konflikt auf die Mentalitätsunterschiede schieben: Von Türken wird erwartet, daß sie sich anpassen. Aber wer von den Deutschen kann fünf türkische Schriftsteller nennen, wer kennt den Unterschied zwischen Sunniten und Schiiten, wer berücksichtigt denn schon, daß die Türkei ein Vielvölkerstaat ist, wo bleibt die vielgerühmte deutsche Kunst der Differenzierung? Seit zwanzig Jahren sind Türken in der Bundesrepublik, ist es da zuviel verlangt, daß die Deutschen mehr als nur Kebab und Bauchtanz kennen sollten? Vielleicht ist es wichtig, sich öfter mal einen neuen Namen zuzulegen.

Auberginengericht, wörtlich übersetzt: „Der Imam ist in Ohnmacht