„Roxanne“ von Fred Schepisi

Die Liebe im Zeichen der Astronomie: Roxanne ist ein modernes Mädchen, sie will alles, und sie will es gleich. Sie studiert Himmelskunde, und die Sterne sind ihr gerade hoch genug. Zur Zeit sucht sie am Himmel nach Kometen und auf Erden einen Mann. Auf die gleiche Weise: mit dem Fernrohr. Denn die schöne Roxanne ist eigentlich ein scheues Ding.

Zwei Männer werben um Roxanne: der starke Chris und der kluge C. D. Bales. Chris hat ein Problem: er ist strohdumm. C. D. Bales (Steve Martin) hat ein größeres Problem: seine riesige Nase. C. D. ist Cyrano de Bergeracs amerikanischer Nachfahr, ein trauriger Clown, ein tragischer Komödiant: den Wein muß er mit dem Strohhalm schlürfen, beim Küssen kitzelt seine Nase das Ohr der Geliebten. Nicht gerade der Mann,, von dem Roxanne schon immer geträumt hat.

Wie Roxanne ihr Vorurteil und C. D. seine Komplexe überwindet, davon erzählt der Film: mit leiser Komik. Schepisi inszeniert zurückhaltend, Steve Martin spielt mit ironischem Understatement. Nur seine Nase sitzt im Gesicht wie ein großes, fleischiges Ausrufezeichen!

Claudius Seidl

„Castaway“ von Nicolas Roeg

Ein Mann geht auf Abenteuersuche, für ein Jahr, auf eine einsame Insel. Was braucht er als erstes? Klar, eine Frau. „Schriftsteller sucht Ehefrau‘ für ein Jahr auf tropischer Insel“, annoncierte Gerald Kingsley 1980 in time out, prompt kam eine halbe Hundertschaft Bewerberinnen, und nach langer, schwerer Gewissensprüfung entschied sich der Vollreife Gerald für die schlanke, junge, blonde Lucy Irvine. Auf der Insel Tuin vor der Küste Australiens verbrachten die beiden ein Jahr in der Hölle, mit Trockenfutter, Angelhaken, Tomatensamen, Sex im Zelt und Tee am Nachmittag, dann schrieb Lucy ihre Eiland-Erinnerungen unter dem Titel „Castaway (Schiffbrüchig)“ auf, und Gerald konterte mit „The Islander“. So kämpften sie weiter, Buchstabe an Buchstabe, in der Sprache, diesem einsamsten Eiland. Und nun kommt zu den beiden schmerzverzerrten Bildern vom wilden Leben noch ein drittes hinzu, ein Film.

„Castaway“: eigentlich ein idealer Stoff für Nicolas Roeg, der 1973 mit „Don’t look now (Wenn die Gondeln Trauer tragen)“ und 1976 mit „Der Mann, der vom Himmel fiel“ zweideutige Phantasiewelten filmte, Bilder, die gleichsam doppelt belichtet waren, vom Glaubwürdigen und vom Unglaublichen. Aber Roegs Film sieht aus, als habe ihn ein halluzinierender Dokumentarfilmer abwechselnd für den Club Méditerranée und die australische Küstenwacht gedreht: mal sieht man Gerald und Lucy im gnadenlosen Hütten-Clinch, dann gibt es wieder surreales Geplänkel mit Sonne, Wind und Meer, die Tage ziehen dahin, die Rationen gehen zu Ende, die Beulen wachsen, die Metaphern auch. Oliver Reed steht als verwitterter Endvierziger seinen Mann, struppig und schmerbäuchig, und Amanda Donohoe zeigt vorzugsweise ihren schönen Körper, den uns auch ein Double mit eingefallenen Brüsten und Hüften nicht vermiesen kann. Der Film dauert endlos lange; ein Hai zieht vorbei, die Brandung gurgelt, die Kamera unternimmt poetische Tauchausflüge, und man sehnt sich nach der „Meuterei auf der Bounty“. Dies alles auf edles Fujicolor gebannt, grell, sonnenstichig, mit eingefetteter Linse und steilen Assoziationen – und Sie glauben, „Castaway“ entführe Sie in die Freiheit der Südsee, ins Kinoland? Angeschmiert! Andreas Kilb

„Der Unsichtbare“ von Ulf Miehe

Eins sieht man deutlich: die Tarnkappe ist ein alter Hut. Das verstaubte Erbstück, das dem populären Talkmaster Peter Benjamin von seinem Onkel hinterlassen wird, hatten schon andere vor ihm in den Händen. In Hollywood hat man die Kappe aufgetragen, auf den unsichtbaren Häuptern des Kinos ist sie ganz fadenscheinig geworden. Jetzt schimmert überall das Gewebe durch. Es brauchte schon einen robusten Stoff und einen reißfesten roten Faden, um sie wieder zu stopfen. Doch offenbar verwendet Ulf Miehe ein sehr dünnes Garn, denn man sieht es fast nicht.

„Der Unsichtbare“ erzählt von dem alten Traum des Menschen, zu sehen, ohne gesehen zu werden, und von dem Alptraum, dadurch zu erfahren, was man gar nicht wissen möchte. Tatsächlich bestätigt die Tarnkappe dem Fernsehstar Benjamin, was er immer schon befürchtete: er sei ein Nichts. Und als er damit unsichtbarerweise auch noch seine Frau (Barbara Rudnik) beim Ehebruch ertappt, erkennt er sich endgültig selbst: als Mann ohne Körper, als einer, der nur noch aus den Projektionen der Zuschauer besteht.

Was er nicht ahnt, obwohl das Fernsehen von jeher darauf hinausläuft: daß im Reich der elektronischen Schatten der Unsichtbare König wäre. Doch statt dessen verlegt sich Miehe nicht nur auf das Sichtbare, sondern mehr noch auf das Vorhersehbare – und setzt dem Film somit eine Narrenkappe auf. Klaus Wennemann, der hier begabterweise seine Dudley-Moore-Qualitäten ausspielt, verfolgen wechselweise Nena als Reporterin und Camilla Horn als Mutter, und alle miteinander jagen hinter dem Humor her. Doch der hat längst eine Tarnkappe aufgesetzt und sich aus dem Staub gemacht. Michael Althen

„Mein Leben ab Hund“ von Lasse Hallström

Das Dorf, das wissen wir aus vielen Kinderfilmen, ist immer gemütlicher und kinderfreundlicher als die Großstadt, wenngleich auch sie ihre heimlichen Winkel hat, in denen Kinderglück gedeihen kann. Der 12jährige Ingemar Johansson jedenfalls fühlt sich wohl in der Stadt. Bei ihm zu Hause sieht’s schon etwas trüber aus: die Mutter ist krank, der Vater arbeitet im fernen Afrika und der große Bruder bringt für den kleinen nicht allzuviel Verständnis auf. Doch Ingemar hat seinen Hund, dem er alles anvertrauen kann, der sein ständiger Begleiter ist. Als er, weil es der Mutter immer schlechter geht, aufs Land muß und den Hund nicht mitnehmen darf, fällt ihm der Abschied unendlich schwer. Doch das Dorf ist so voller Leben und Überraschungen, daß Ingemar sich schnell einlebt.

Eine Kindergeschichte also wie viele. Und doch ist sie frei von jeglicher Kindertümelei. Der Regisseur inszeniert die Geschichte, die auf einem autobiographischen Roman des schwedischen Schriftstellers Reicher Jönsson beruht, mit viel Witz und Phantasie. Er weiß zudem um die Verletzlichkeit der kindlichen Seele und hat in Anton Glanzelius einen Jungen gefunden, der fröhlich und ausgelassen sein, aber auch seine Trauer und Betroffenheit unverstellt zeigen kann.

Das Dorf, in das Ingemar kommt, ist zwar auch eine Idylle – ein Boxring auf dem Heuboden, ein Schmied, der für die Kinder eine Seilbahn baut, die über die Dorfstraße führt –, doch kommt das, was das eigentliche Leben ausmacht, nie zu kurz: der Arbeitsalltag in der Glasbläserei, Sorgen, Freuden, Eifersüchteleien. Und nicht zuletzt hält die Außenwelt, wir schreiben das Jahr 1959, Einzug ins Dorf. Bei Ingemars Onkel wird der erste Fernsehapparat angeschlossen. Ingemar jedoch zieht es vor, den Boxkampf zwischen seinem Namensvetter Ingemar Johansson und Floyd Patterson im Radio zu verfolgen. Dabei schläft er ein. Er hat seine kindliche Traum- und Phantasiewelt noch nicht verlassen. Anne Frederiksen

Sehenswerte Filme

„Radio Days“ von Woody Allen. „Der Bienenzüchter“ von Theo Angelopoulos. „Hope & Glory“ von John Boorman. „Ein Z und zwei Nullen“ und „Der Bauch des Architekten“ von Peter Greenaway. „The Dead“ von John Huston. „Full Metal Jacket“ von Stanley Kubrick. „Ein Aufstand alter Männer“ von Volker Schlöndorff. „Die Familie“ von Ettore Scola.