Keiner der Bonner Protagonisten erinnerte sich gern oder gar selbstzufrieden an damals. Alle rangen sie um Worte, legten lange Pausen ein, horchten fast ängstlich in sich hinein. Eine „besondere Unwilligkeit“, sich die vierundvierzig Tage ins Gedächtnis zu rufen, entdeckte Manfred Schüler, heute Banker in Frankfurt, in sich. Er ist ein Mann der nüchternen Vernunft und ein Liebhaber von Detailwissen. Viel war ihm mittlerweile entfallen, doch die Kunst des Verdrängens bereitete ihm keine Qual. Es war besser so.

Einmal im Reden, stellten sich vergangene Szenen und Situationen wieder ein. Hans-Jochen Vogel wußte noch, wie es war und was er sah, als er am 5. September 1977 in die Vincenz-Statz-Straße nach Köln fuhr, an den Ort der vier Morde und der Entführung. Er fungierte alsbald als Kronjurist des Krisenmonarchen. Im Ausnahmezustand kamen sich Vogel und Schmidt menschlich näher, zwei Pflichtmenschen und gouvernementale Sozialdemokraten. Ihm überließ Schmidt den Kontakt zur Schleyer-Familie in Stuttgart.

Klaus Bölling, der ehemalige Sprecher, grübelt mehr denn je, ob der Staat überhaupt angemessen auf den linken Terrorismus reagiert habe. Haben wir, so fragt sich nicht nur Bölling, zweierlei Maß angelegt und unterschiedlich viel Energie investiert in die Verfolgung der Nazi-Verbrecher in den fünfziger und sechziger Jahren und in die Verfolgung der Terroristen in den siebziger und achtziger Jahren?

Werner Maihofer, damals FDP-Innenminister, leitet seit einigen Jahren weitab von Bonn in der Toskana ein europäisches Hochschulinstitut. Nach dem Ausflug in die Politik mußte er sich erst wieder innerlich aufrichten. Ein Satz von Maihofer trifft die Dialektik der vierundvierzig Tage besonders gut: Am bedrückendsten sei die Erfahrung gewesen, daß man gezwungen sein kann, aus Überzeugung gegen seine Überzeugung zu handeln.

Schließlich Helmut Schmidt. Noch nach zehn Jahren sind die alten Schuldgefühle lebendig. Oft hat man ihm unterstellt, er sei 1977 ähnlich begeistert in die Funktion des Krisenmonarchen geschlüpft wie im Jahre 1962 in die Rolle des Hamburger Flutkatastrophen-Bekämpfers. Daran ist nichts wahr. Es konnte 1977 keine Sieger geben. An der Tragödie hatte jeder einzelne Protagonist Anteil.

Der Polizist Alfred Klaus, längst pensioniert, redet noch ganz selbstverständlich von Jan, Gudrun, Andreas, als habe er die drei gerade wieder einmal im Gefängnis besucht. Ihr Leben, ihr Sterben in Stammheim, das war der Höhepunkt seines Lebens.

Zwei Tage nach Hanns Martin Schleyer sind Jan-Carl Raspe, Gudrun Ensslin, Andreas Baader auf dem Dornhalden-Friedhof in Stuttgart begraben worden. Der Stuttgarter CDU-Oberbürgermeister Manfred – Rommel setzte sich souverän über alle Einwände hinweg. Seine eigene Partei bedauerte seine Zivilcourage zutiefst. Gerade aus „humanitären Gründen“ vermochte sie für Rommel keinerlei Verständnis aufzubringen. Der hielt dagegen: „Irgendwo muß jede Feindschaft enden; und für mich endet sie in diesem Fall beim Tod.“ Da hat einer ein Zeichen gesetzt.