Heinz Commer, Protokollchef des Deutschen Industrie- und Handelstages, kann das Schreiben nicht lassen. Kaum ist sein jüngstes Buch "Knigge International" erschienen, plant er schon wieder ein neues. Im Herbst ’88 soll – wieder bei Econ – sein "Karrierekompaß" erscheinen, eine Art Berufsknigge, mit dessen Hilfe man dann von Erfolg zu Erfolg eilen kann. Nach eigenen Angaben will Commer in dem Buch zeigen, daß die Quadratur des Kreises tatsächlich möglich ist, zumindest in Beruf und Karriere. Commer: "Ich werde jedenfalls beweisen, daß man relativ erfolgreich sein und dennoch relativ anständig bleiben kann."

Eine zweite Karriere plant der ehemalige Staatssekretär im Bonner Forschungsministerium, Hans-Hilger Haunschild, nach der Bundestagswahl von Minister Heinz Riesenhuber vorzeitig den Ruhestand versetzt. Gründe wurden nicht genannt, wie das bei der Entlassung politischer Beamter üblich ist. Aber jeder kannte sie natürlich: Die Chemie stimmte nicht mehr. Jurist Haunschild, Jahrgang 1928, hat jetzt im Bonner Wissenschaftszentrum ein Büro angemietet und will sich als Berater niederlassen.

Sollte er demnächst eine Beratertätigkeit für den Kernkraftwerkhersteller KWU übernehmen – das jedenfalls wird kolportiert –, so wird man sehr genau differenzieren müssen. Nach einem vor zwei Jahren verabschiedeten Gesetz sind nämlich Nebentätigkeiten aktiver wie inaktiver Beamter dem Dienstherrn dann "anzuzeigen", wenn die neue Beschäftigung in einem Zusammenhang mit der dienstlichen Tätigkeit des Beamten in den letzten fünf Jahren vor dem Dienstende stand. In einem solchen Fall kann die Beschäftigung untersagt werden, "wenn anzunehmen ist, daß dadurch dienstliche Interessen beeinträchtigt werden" (Konkurrenzverbot).

Da ein Staatssekretär während seiner Dienstzeit mit so ziemlich allem zu tun bekommt, was in einem Ministerium vorgeht, sind die potentiellen Nebentätigkeiten für Staatssekretäre äußerst begrenzt. Hans-Hilger Haunschild weiß das nur zu gut. Er beteuert auch, er habe bisher keine entsprechende Nebentätigkeit angezeigt, Das heißt nun aber nicht, daß er nicht doch für KWU tätig werden wird, etwa im Rahmen eines genau spezifizierten Auftrags, der sich mit der Frage des Exports von Kernkraftwerken in die Dritte Welt beschäftigt.

Eine solche Tätigkeit brauchte Haunschild nicht einmal anzuzeigen; mit dem Export von Kernkraftwerken hat er jedenfalls früher nie zu tun gehabt. Strenggenommen müßte der Forscnungsminister seinem ehemaligen Staatssekretär sogar dankbar sein, wenn er KWU in dieser Frage berät und der KWU damit neue Aufträge verschaffte. Das brächte dem Finanzminister zusätzliche Steuern, damit indirekt einen Rückfluß jener Forschungsgelder, die in die Kernenergieförderung investiert wurden. Noch ist aber nichts entschieden, sagt der Ex-Staatssekretär. Das gelte auch für andere potentielle Klienten, zu denen die Fraunhofer-Gesellschaft in München gehört, einer der größten Zuwendungsempfänger des Forschungsministers. Käme es hier zum Abschluß, stünde der Ex-Staatssekretär indirekt wieder in staatlichen Diensten. Bis auf einen ganz kleinen Betrag wird die Fraunhofer-Gesellschaft aus der Staatskasse finanziert.

Bei der Suche nach Klienten wird Haunschild zugute kommen, daß Forschungsminister Riesenhuber daran denkt, die Großforschungseinrichtungen zu privatisieren. Anläßlich eines Kamingesprächs bei Riesenhuber wurde das diskutiert, und die Betroffenen – rund ein Dutzend – sollten bis Ende des Jahres Vorschläge machen. Ein Kandidat wurde schon gefunden und zwar die erfolgreiche Abteilung Wasserstoff der Deutschen Forschungs- und Versuchsanstalt für Luft- und Raumfahrtforschung (DFVLR). Als der Vorsitzende des Bundestagsforschungsausschusses, Wolf-Michael Catenhusen, (SPD), davon hörte, meinte er bissig: "Man hat den Eindruck, als ob nun die Filetstücke der Großforschungseinrichtungen vermarktet werden sollen."

Während der Bonner Subventionsverhandlungen fragte Otto Graf Lambsdorff, ob die Bundes- und Landesminister künftig auch 20 Prozent ihrer Bewirtungsspesen selbst zahlen sollten. Über die Antwort, die er bekam, berichtete er im Sender Freies Berlin: "Eine etwas zögerliche Antwort, verständnisinnig lächelnd, aber doch etwas zögerlich. Ich kann nicht behaupten, daß ich spontane Bereitschaft festgestellt hätte." So ist das eben in einer Gesellschaft, in der einige immer gleicher sind als andere.

Wolfgang Hoffmann