Gesammelte Werke in vier Bänden: Endlich läßt sich der ganze Johannes Bobrowski studieren

Von Fritz J. Raddatz

Eben doch ein bedeutender Schriftsteller. Warum dieses "eben doch"? Weil Johannes Bobrowski noch lange, nachdem er den kleinen Schluck Ruhm, wie er es nannte, getrunken hatte, ein weithin unbekannter Autor war. So weiß Stephan Hermlin zu erzählen, "und dennoch geschah es mir noch im Jahre 1962, drei Jahre vor Bobrowskis Tod, daß einer der berühmtesten Schriftsteller dieses Landes, als ich in seiner Gegenwart von Bobrowski sprach, mir die Frage stellte: ‚Wer ist denn das?‘ Das war damals auch nichts Besonderes, Bobrowski wurde leicht übersehen .. .". Und ein Dichter-Narr wie Franz Fühmann legte geradezu eine Beichte ab: "Ich muß gestehen, daß ich anfangs seiner Lyrik schroff ablehnend gegenübergestanden bin, ja in ihr etwas Unerlaubtes gesehen habe: das Wachhalten, vielleicht sogar Wiedererwecken von Gefühlen, die aussterben mußten, Sentiments der Erinnerungen an die Nebelmorgen hinter der Weichsel und den süßen Ruf des Vogels Pirol.. .".

In der Tat: Als Bobrowskis erster Gedichtband (1961) erschien – nach wenigen Veröffentlichungen unter Peter Huchels Ägide in "Sinn und Form" –, bot sich das Mißverständnis "Naturlyrik" an; das war damals ein Verdikt. "Wörter wie Dorf oder Mond seien Wärmespender, und mit Wärmespendern habe man nichts im Sinn", zitiert Christoph Meckel in seinen "Erinnerungen an Johannes Bobrowski" das Urteil nach einer öffentlichen Lesung – wohl eines der zartesten, genauesten, liebevollsten Porträts, die je ein Kollege dem Freund widmete. Da kann man auch lesen, wie sehr man sich in der Person, nicht nur im Werk, Bobrowskis täuschen konnte: das Gesicht mit den Pferdeaugen vielleicht für nur gemütlich hielt, den dicken Bauch für eine Behaglichkeitswämme, das Lachen für Heiterkeit, und hinter seiner Trunksucht sah man nicht die abgrundtiefe Traurigkeit.

Als er im Alter von 48 Jahren starb, 1965, hatte er den Roman "Litauische Claviere" soeben beendet und war seit der Verleihung des Preises der Gruppe 47 im Jahre 1962 berühmt. Ein in nur vier Jahren seltsam jäh entzündetes Leben war erloschen und ein wichtiges Werk abgebrochen. Das Leben bilanziert Christoph Meckel: "Die Melancholie hörte nicht mehr auf, sie wurde lastend und bedrückte den Freund, der den Menschen kannte, bevor er ins Schlingern geriet. Sein Lachen war bedeckt und wurde selten, die Briefe wurden selten und immer kürzer. Er schaffte das alles nicht mehr: die Besucher in seiner Wohnung, die Tagungen, die Lesungen und die Leipziger Messe, die immer noch tägliche Arbeit im Verlag, das Schreiben der Gedichte und des Romans, das Leben in der Familie und die Belagerung durch zahllose Menschen ... Er hoffte immer wieder, davonzukommen, aber die Kraft war verbraucht, und er schien es zu wissen. Sein Dasein rutschte ab in Hektik und Trauer. Der Alkohol betäubte ihn, und der Ruhm zog ihn immer weiter von sich weg. Das Trinken ging häufiger ohne Freude vor sich, wurde zur Trunksucht und hemmungslos." Das war der Auftakt des Sterbens. Das Werk liegt nun vor, in einer mustergültigen Edition; es kann überprüft werden.

Und da erweist sich, daß die Gedichte Bobrowskis gleichsam. die von ihm selbst gestellte Forderung erfüllen; er hat nämlich einmal in einem Vortrag Emily Dickinson zitiert mit dem Satz, ihr Kriterium für die Feststellung eines echten Kunstwerks bestehe darin, daß ihr davon kalt wird. Vor Bobrowskis Gedichten wird man still. Oft geben sie ihr Geheimnis nicht preis:

"Der mit den Flügeln schlägt