Lübeck

Man schreibt das Jahr 1894. In der Lück-Brauerei zu Lübeck steigen die Bier-Brauer auf die Barrikaden: Streik. Jeden zweiten Sonntag wollen sie frei haben, täglich nur noch zehn Stunden arbeiten und außerdem das Recht erhalten, auch außerhalb der Brauerei schlafen zu dürfen, wenigstens aber einen Türschlüssel zu bekommen. Vierzehn Tage halten die Streikenden durch, unterstützt von einem Bier-Boykott der Gastwirte. Vergeblich. Brauereibesitzer Heinrich Jürgen Johann Lück gibt nicht nach, die aufsässigen Brauer müssen sich neue Arbeitsplätze in anderen Städten suchen.

Ein Stück Sozialgeschichte, an das man sich in Lübeck heute wieder erinnert, denn die Lück-Brauerei – die letzte Brauerei in der Hansestadt überhaupt – soll ihre Tore schließen. So will es die Bavaria-St. Pauli Brauerei in Hamburg, die Lück vor knapp zehn Jahren übernommen hatte.

„Eine höchst bedauerliche Sache“, meint der Bavaria-Vorstandsvorsitzende Uwe Paulsen. Er persönlich fühle sich davon selbst emotional ein wenig betroffen: Schließlich sei Lück die erste Brauerei gewesen, die er in seinem Leben besichtigt habe. „Darüber bin ich Anfang der fünfziger Jahre eigentlich erst in die Branche geraten.“ Aber Sentimentalität zählt nicht: „Man kann nicht nur von Nostalgie leben – irgendwo muß sich das ja ökonomisch rechnen.“

Investitionen in Höhe mehrerer Millionen Mark müßten in absehbarer Zeit getätigt werden, vor allem in moderne Abfüllanlagen für eine neue Generation von Bierfässern. Auch in Hamburg stehe dies an, da sei es technischer und ökonomischer Unsinn, zwei derartige Anlagen zu bauen. Die jährlich rund 70 000 Hektoliter Lück-Bier sollen also von April 1988 an zusammen mit dem Astra-Bier in Hamburg gebraut und abgefüllt werden.

Doch so einfach will man in Lübeck eine 300jährige Brautradition nicht aufgeben. Eine Bürgerinitiative hat bereits 5000 Unterschriften gesammelt: „Wenn wir 10 000 zusammen haben, wollen wir die der Bavaria auf den Tisch legen“, sagt Dieter Mainka, Sprecher der Initiative und DGB-Kreisvorsitzender. „Wir kämpfen um die Braustätte Lübeck“, versichert auch der Lück-Betriebsvorsitzende Jochen Ostreich, denn schließlich: „Bei uns wird das Bier noch mit der Hand gemacht.“ Produziert werden auch kleinere Mengen ganz besonderen Bieres für Stadt- und Volksfeste in der Region. So bekommen die Ratzeburger jedes Jahr ihre rund 170 Hektoliter „Ratzeburger Rommeldeus“.

Tief im zweigeschossigen Keller wird bei Lück noch in offenen Gärbottichen gebraut, die Luft ist dünn und kohlensäurehaltig – ein famoses Mittel gegen hartnäckigen Keuchhusten soll das angeblich sein, und so haben die Brauer in den Kellergewölben häufig Besuch von Kindern, die hier eine Linderung ihres Leidens suchen. Auch das wird bald nicht mehr möglich sein: in Hamburg gibt es nur geschlossene Gärtanks.