Auf einer Fläche von 345 Quadratkilometern erstreckt sich in der Lüneburger Heide der Übungsraum des sogenannten "Soltau-Lüneburg-Abkommens". Seit dem Zweiten Weltkrieg proben in der Region zwischen Lüneburg und Soltau die (heute) 55 000 Soldaten der britischen Rheinarmee bataillonsweise die Verteidigung der freien Welt – zu jeder Uhrzeit, an 365 Tagen im Jahr. Die Bundesrepublik ist ja militärisch ein Superlativ: Hier gibt es, umgerechnet auf die Staatsfläche, die meisten Soldaten der Welt, die meisten Panzer, Düsenbomber, Atomsprengköpfe und so weiter. Da muß, versteht sich, viel geübt werden.

Das auf der englischen Generalstabskarte dick umrandete Soltau-Lüneburg-Gebiet läßt das Herz jedes Panzergenerals höher schlagen: Hier kann man Tankattacken mit Infanterie- und Luftunterstützung über zehn oder zwanzig Kilometer vortragen, ganz nach Kriegslehrbuch wie sonst nur in den Einöden Kanadas; hier können Helikopter Luftlandetruppen absetzen, Pioniere den Brückenschlag über das Flüßchen Luhe üben. Eines allerdings unterscheidet den Manöverplatz Soltau-Lüneburg von allen anderen in Europa: Auf ihm wohnen in Städten und Dörfern 35 000 Menschen. Weil in der dichtbesiedelten Bundesrepublik so wenig Platz ist, hat man schlicht einen Landkreis zum Übungsgebiet erklärt. 1959 unterzeichnete die Bundesregierung einen Vertrag, der Briten und Kanadiern unbefristete Übungsrechte garantiert.

Tag und Nacht ist in Bispingen, Soltau und Fallingbostel das dumpfe Wummern von Granaten zu hören, die von "Außenfeuerstellungen" in der Landschaft im scharfen Schuß über Dörfer und Straßen in die abgezäunten Nato-Übungsplätze Munster und Bergen-Hohne fliegen. Hin und wieder kommt es zu Zwischenfällen: 1983, bei Hermannseck, schlug eine Granate neben einem Bauern ein, der sein Feld pflügte. In den sechziger Jahren wurde ein Kindergarten in Munster von einem verirrten Geschoß eingeäschert, nachdem die Kinder gerade nach Hause gegangen waren.

Die Luftkurorte Schneverdingen und Neuenkirchen liegen in der "Nato-Area-Five", in der ständig Tiefstflüge mit Jagdbombern in einer Höhe von 75 Metern geflogen werden. Weil die Briten mit ihren Tanks ideale Übungsobjekte sind, trainiert die US-Air Force hier mit schrill pfeifenden A-10 Thunderbolts, wie "man mit nur zwei Anflügen eine ganze Kompanie sowjetischer Panzer abknipsen kann" – so sagt es ein A-10-Pilot. Nachts dann kommen die Tornados der Bundesluftwaffe. Bis zu zwölf dieser Waffensysteme (Herstellerwerbung: "Unter dem Zaun hindurch") donnern in Drei-Minuten-Abständen und in 430 Metern Höhe durch das Nachttiefflugsystem Charlie.

"Für uns hat der Zweite Weltkrieg nie aufgehört", sagt Annemarie Schröder aus Schwinde-

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beck. "In den fünfziger Jahren hatten wir hier überhaupt keine Rechte." Einmal fand sie die verschwundene Hausgans über dem Lagerfeuer der Royal Husars röstend wieder, ein anderes Mal stolperte sie morgens über einen britischen MG-Schützen an der Stelle im Garten, wo am Tag zuvor noch das Schnittlauchbeet gewesen war. "Der Kerl hatte sich ein Loch in unsere Zierhecke geschnitten, um ein besseres Schußfeld zu haben." Heute ist es der ständige Gefechtslärm, der die Schröders zermürbt. Längst schon wären sie hier weggezogen, doch: "Wer würde unser Haus schon kaufen?"