Padberg/Sauerland

Am alten Markt des sauerländischen Dorfes Padberg steht klein und baufällig die einzige noch erhaltene Fachwerksynagoge Nordrhein-Westfalens. Doch das fast 300 Jahre alte ehemalige Bethaus der Padberger Juden liegt auf einem Privatgrundstück. Der Eigentümer, ein Bauer, verweigert jedermann den Zugang, und dies, obwohl die Stadt Marsberg, zu der Padberg seit der Gemeindereform gehört, die Synagoge vor acht Jahren für 500 Mark erworben hat. Städtische Arbeiter, die das Gebäude notdürftig absichern wollten, ließ der Bauer nicht auf das Grundstück. Den Ortsheimatpfleger Norbert Becker warnte er, bei seinem nächsten Besuch fließe Blut.

Der Bauer setzt alles daran, den Bau zu beseitigen und die freiwerdenden 50 Quadratmeter seinem Anwesen zuzuschlagen. Zusammen mit dem SPD-Ortsvorsteher, Bruno Erger, brachte er fast den gesamten von der CDU dominierten Stadtrat in Marsberg auf seine Linie. Der beschloß zunächst, den kompletten Fachwerkbau abzutragen und einzulagern. Weil dies aber doch zu offensichtlich dem nordrhein-westfälischen Denkmalschutzgesetz widersprach, verständigte sich die große Koalition der Abreißer darauf, die Synagoge auf ein städtisches Grundstück umzusetzen. Dadurch werde die Synagoge wieder in die zweite Reihe der Wohnbebauung gerückt, wo sie ursprünglich auch gestanden habe, als die stattlichen Fachwerk-Bauernhäuser sie noch umgaben. Das sei charakteristisch für Dorfsynagogen, hieß es; der auserkorene Standort liegt aber zwischen modernen Einfamilienhäusern.

Die Denkmalschützer befürchten, daß die ohnehin schon angegriffene Bausubstanz der Synagoge eine Umsetzung nicht überlebt. Zudem verweisen sie auf die Verbundenheit eines Gotteshauses mit seinem Standort. „Das wäre genau das gleiche, als ob die unsere 1000jährige Dorfkirche versetzen wollten“, unterstreicht Heimatpfleger Becker seine Ablehnung. Jahr für Jahr stellte das westfälische Amt für Denkmalpflege Mittel zur Renovierung zur Verfügung. Weil die aber an den Originalstandpunkt gebunden waren, ließ die Stadt Marsberg Geld wie Synagoge verfallen,

Die Auseinandersetzung um die ehemalige Versammlungsstätte der Padberger Juden nahm über die Jahre groteske Züge an. Beliebtestes Forum: die einzige Kneipe im Dorf. Hier stellte Ortsvorsteher Erger den Zapfhahn in den Dienst seiner Überzeugungsarbeit. Eines Abends bot er demjenigen mutigen Padberger 500 Mark, der das Ärgernis durch Brandlegen aus der Welt schaffe. Sein Angebot legte er sogar schriftlich nieder, sinnigerweise auf einem Bierdeckel. Von ähnlichem Feuereifer zeigte sich Marsbergs CDU-Bürgermeister Alfons Scholle beseelt. Auf einer öffentlichen Ratssitzung schlug er vor, das Problem im Rahmen einer Übung der örtlichen Feuerwehr zu beseitigen.

Im Mai dieses Jahres besichtigte ein Staatssekretär des Düsseldorfer Ministeriums für Stadtentwicklung das umstrittene Objekt. Dazu eingeladen war auch der einzige noch im Hochsauerlandkreis lebende Jude. Er wurde vom Grundstückseigentümer davongejagt; der Staatssekretär war betroffen, konnte aber nichts ausrichten,

Der Vorfall ließ alte Padberger fürchten, ihr Ort könne als Fluchtburg von ewig Unverbesserlichen erscheinen. Dabei hatte das 500-Seelen-Dorf im Dritten Reich als besonders renitent gegolten, Regelmäßig mehr als 100 kommunistische Stimmen bei Reichstagswahlen hatten Padberg den Beinamen „Klein-Moskau“ eingetragen. Stolz erinnert man sich heute noch an jenen Morgen im Sommer 1933, als in der Dorflinde die rote Flagge mit Hammer und Sichel hing.

Nach dem Ortstermin im Mai sprach das Ministerium ein vorläufiges Machtwort: Die Synagoge bleibt fürs erste an ihrem Platz. Um den weiteren Verfall aufzuhalten, wurde der Stadt Marsberg aufgegeben, ihr Denkmal bis zum Winter wetterfest zu machen.

Wenn sich die Ministerialen auch noch nicht zu einer Standortgarantie durchringen mochten, bezieht man im Marsberger Rathaus doch schon Rückzugspositionen. Hinter vorgehaltener Hand geben Angehörige von Rat und Verwaltung unumwunden zu, daß die Zeit gegen eine Umsetzung laufe, ahnend, daß das Ministerium wohl kaum eine aufwendige Außenrenovierung veranlaßt, um die Synagoge kurz darauf umzupflanzen. „Wenn das Ministerium eine endgültige Entscheidung für die Synagoge an ihrem jetzigen Platz trifft, werden sich auch im Rathaus ganz schnell die Positionen ändern“, gibt sich ein Ratsherr einsichtig.

Der Augenblick für den Sinneswandel wäre günstig. Denn noch bleibt Zeit genug, um die alte Synagoge rechtzeitig zum 50. Jahrestag der Reichskristallnacht im nächsten Jahr zu renovieren. Dann steht, wie es Heimatpfleger Becker vorschwebt, in dem kleinen Dorf Padberg ein Mahnmal für Toleranz und Verständigung, das zum Nachdenken anregt darüber, welche Lehren aus der Geschichte zu ziehen sind.

Christian Reiermann