Nun zeigt sich, daß hinter geputschter Ausstrahlung und Stärke mitleiderregende, erbärmliche und damit auch zutiefst sympathische Schwäche stehen kann, daß ein karrieretrainierter Vierzigjähriger, wenn er zu fallen droht und die Macht ihm entgleitet, zu allen Mitteln greift, daß ihm die honette Gruppe, die ihn aufbaute, in der Not nicht beisteht, ja daß er, wie es derzeit den Anschein hat, in der Krise nicht einmal mit dem eigenen Leben fertig wird. Waren die Miesmacher, die kritischen Pessimisten und melancholischen Anwälte einer Opfer- und Leidensphilosophie, die lange den Ton im Lande angaben, nicht doch eher im Recht? Hier wäre endlich eine öffentliche Gewissenserforschung, eine Korrektur an einem pervertiert-positiven Menschenbild geboten. Lange wird es uns begleiten: das Mißtrauen gegenüber allem, was allzu erfolgsgewiß, schön, glatt, moralisierend und positiv daherkommt. Diese Maske bleibt eine furchtbare Erinnerung.

Eduard Beaucamp in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ vom 17. Oktober 1987

Schöne Arbeitswelt

„Früher“, sagte der Hamburger Oberbaudirektor Egbert Kossak, „hat nur einer gemalt, diesmal waren’s schon fünf“. Er sprach nicht von Malern, sondern von Architekten. Sie waren zum Schluß des III. Hamburger Bauforums in die Kampnagelfabrik eingeladen, um in dieser inspirierenden Umgebung mit Stift und Farbe darüber nachzudenken, wie die Industrie „wieder in die Stadt geholt“ werden könnte: durch anspruchsvolle Architektur und eine intelligent, also behutsam gestaltete Umgebung. Durch die beinahe entmutigende Entdeckung alarmiert, daß eine Hamburger Behörde ganz einfach damit angefangen hatte, ein für die Industrieansiedlung seit langem vorgesehenes, vordem jungfräuliches Landschaftsgebiet im Südosten Hamburgs in stumpfsinniger Manier „zu erschließen“, also zu entstellen, sollten ein Dutzend Planer aus Deutschland, Frankreich, England zeigen, wie man es anders, also besser machen könnte. Genauer: wie man den landschaftlichen Charakter nicht zerstört, sondern beherzigt, sich davon sogar inspirieren läßt; wie die Struktur des Terrains sich denken ließe; wie man einem Gewerbegebiet das häßliche Einerlei ersparen und ihm das „Bild einer Stadt“ geben kann. Voraussetzung dafür wäre eine erstklassige, subtile Stadtplanung, wären streng kodifizierte Ansprüche an die architektonische Gestaltung. Und die Folge könnte dann sein, daß sich Unternehmer um diese „gute Adresse“ reißen und hier die vielberufene corporate identity erreichen, die Einheit von Produkt, Design, Arbeitsatmosphäre, Architektur und einem beneidenswerten Standort. Im Auditorium sah man zwar ein paar Politiker und Behördenvertreter. Der Bausenator aber fehlte – der Finanz- und der Wirtschaftssenator auch: deprimierende Beobachtung bei einer sehr bemerkenswerten Anstrengung.

Professor Pantomime

Wenn er in den viel zu weiten Hosen, dem kurzen Leibchen und in der an der Figur des Pierrot angelehnten Weiß-Maske die Bühne betrat, dann war „Kefka“ (zu deutsch „das Bürstchen“, nach dem ersten Solo-Programm 1958), dann war Milan Sládek, und nicht mehr die französischen Überväter wie Marceau, Barrault oder Lecoq, das Synonym für zeitgenössische Pantomime. Besser für das Pantomimentheater. Denn Sládeks „Pantomimentheater Kefka“, seit 1974 in Köln, war der Versuch, die traditionell solistische Kunst als Ensemblearbeit zu verstehen und – zu emanzipieren. Die Stoffe, die er verarbeitete, wie „Carmen“, eine bissige Satire auf die gleichnamige Mode- und Medienwelle, wie „König Ubu“, nach Jarry, eine burleske Posse, aber auch seine experimentellen Versuche, wie das Duo mit Albert Mangelsdorff – das waren nicht mehr die kleinen, subtilen Stoffe des „Bip“ und der „Blauen Blume“. Jetzt droht ein melancholisches Ende: Die Subventionen von Stadt und Land Nordrhein-Westfalen (330 000 Mark) haben nicht ausgereicht, Sládek hat sich verschuldet. Zum Jahresende schließt das „Kefka“, die Truppe arbeitet weiter als Tourneetheater, gefördert mit „Projektmitteln“ für einzelne Inszenierungen. Sládek selber übernimmt die Professur am einzigen staatlichen Ausbildungsinstitut für Pantomime, an der Hochschule Folkwang in Essen.

Kortner-Preis-Rätsel

Ort und Zeit stehen fest: Münchner Kammerspiele, 25. Oktober, 11 Uhr. Der Eintritt ist frei. Intendant Dieter Dorn begrüßt das Publikum. Rolf Boysen und Claus Peymann reden. Thomas Holtzmann liest. Henning Rischbieter hält die Laudatio. Verliehen wird der von der Zeitschrift Theater heute und ihrem Verleger Erhard Friedrich verliehene Fritz-Kortner-Preis 1987. Er soll „jährlich einmal einen deutschsprachigen Theaterkünstler auszeichnen, dessen Wagemut, Wahrhaftigkeit und ästhetische Neugier zeigen, daß Kortners Beispiel fortwirkt.“ Ende der Durchsage. Doch halt, etwas fehlt! Wer kriegt ihn denn, den Fritz-Kortner-Preis 1987, den, wir wiederholen es gerne, die Zeitschrift Theater heute und ihr Verleger Erhard Friedrich gestiftet haben? Sagen wir nicht. Der Preisträger nämlich bleibt bis zur Preisverleihung streng geheim! Das ist ja wahnsinnig spannend – so spannend eben, wie wir es von der Zeitschrift Theater heute und ihrem Verleger Erhard Friedrich erwarten durften.