Von Hajo Steinert

Herrlich ist es, Mann zu sein in einer deutschen Buchhandlung im Herbst! Kaum hat uns „Das serbische Mädchen“ begrüßt und den Weg gewiesen zum „Garten Eden“, da überfallen uns schon „Die Frauen von Isis“. Aber selbst „Der schönste Busen der Welt“ kann unser Ziel nicht verdecken: „Die Weiber“ – Wolf gang Hilbigs Erzählung mit dem wohl unerschrockensten Titel dieser Saison. Der schwebende Strohhut auf dem Umschlag verspricht ein luftiges Lesevergnügen.

Aber dann: „Es war heiß, eine feuchtheiße Hölle, mir war der Schweiß aus den Poren getreten. Ich begann Gerüche auszuscheiden... ein ganz besonderer Fromage, als ob ich nach meinen Augäpfeln röche, sie waren mir herausgetreten und schienen mit einem bestimmten Schleim überzogen ...“ Ein Frauenheld kann dies beileibe nicht sein. Mit einem Monster haben wir es allerdings auch nicht zu tun. Dieser Mensch arbeitet in einem volkseigenen Betrieb der Deutschen Demokratischen Republik, im Keller einer Werkzeugmacherei.

Wolfgang Hilbig hebt zu einer Art Betriebsreportage an, in der freilich kein vorbildlicher Genosse um die Erhöhung der Produktivität kämpft, sondern ein Strafversetzter um seine leibhaftige Existenz. Allein durch den Gitterrost an der Decke zeigt sich ihm Lebendiges. Oben in der Presserei arbeiten sie, die Weiber. „Mit tiefen Seufzern, als sei ihnen in der Brust ein Holzkloben entzwei getrieben worden.“ Ihre Oberarme sind „zu Eisen erstarrt“. Ihre „riesigen Hintern“ regen den Mann im Keller zu verwegenen sexuellen Phantasien an. Mehrmals am Tag onaniert er. Nicht aus Lust, aus Verzweiflung.

Der Skandal dieser Prosa aus dem realen Sozialismus wird perfekt, wenn diese geschundene Kreatur auch noch arbeitslos wird. Warum, erfahren wir nicht. Eine soziale Fall-Studie liegt Hilbig denkbar fern. „Ich lebe in Umständen, in denen die Symptome wichtiger waren als die Gründe“. Aus der Beschreibung der Symptome bezieht Hilbigs Erzählung ihre ganze poetische Kraft. Gewiß, mit dem Gemisch aus Schweiß, Öl, Sperma, Spucke und warmem Bier kann man sich nicht so ohne weiteres anfreunden. Doch können wir uns dem Sog der atemlosen Sätze kaum entziehen. Gleichwohl hindern sie den Autoren nicht an seiner minuziösen Beobachtungsgabe, auch nicht an seiner forcierten (niemals peinlichen) Selbstentblößung. Das Faszinierende liegt in der durchgängigen Ambivalenz von Trauer und Wut, Melancholie und Revolte.

Und dann diese Wahnvorstellung: „Sämtliche Weiber waren aus der Stadt verschwunden.“ Der Verlust der Weiber ist die monströse Metapher für den endgültigen Verlust der Wirklichkeit. So geht es dann auf die Suche, dieses namenlose Ich, das sich selbst Jack the Ripper nennt, aber auch Baal, Biberkopf oder Woyzeck nennen könnte. Die Weiber, die Wirklichkeit und seine Vergangenheit findet es allenfalls auf den Müllhalden der sächsischen Provinz. Mülltonnen umarmt der Gehetzte, als wären sie Frauen. In einer Mülltonne wühlt er nach letzten Resten von weiblichem Leben: „Mit brennendem Kopf schwankte ich in der Hitze der Nacht und preßte mir die Fingernägel in die Handballen: eine furchtbare Geschlechtskrankheit wütete in meinen Hirnwindungen, während mein Arm in der schaudernden Flut dieser Tonne zu knochenloser Angst erstarrte.“

An solchen Stellen zeigt sich freilich auch die große Schwäche des Wolfgang Hilbig. Seine Anlehnung an den Symbolismus und den Expressionismus hätte durchaus Dämpfer vertragen. Der Text würde auch kaum etwas von seiner Qualität verloren haben, hätte Hilbig der Versuchung einer allzu drastischen Körpersprache widerstanden. Es muß nicht immer gleich von „Amputationen“, „Metastasen“ und „Kastration“ die Rede sein, wenn es darum geht, die psychischen Leiden der Figur glaubhaft zu machen. Und es ist fraglich, ob bei der Identifikation mit den geschundenen Weibern „die Milchstraße meiner Adern“ und einmal mehr die „Hirnwindungen“ strapaziert werden mußten, in denen die Frauen „menstruieren“.