Von Birgitta Ashoff

Birgitta Ashoff: In Ihren autobiographischen Essays beschreiben Sie sich als „ein störrisches Kind mit einem früh ausgeprägten Hang zur Rebellion“. Was haben Sie sich davon bis heute bewahrt?

Joseph Brodsky: Ich war immer halsstarrig und hartnäckig, und habe mir meinen Eigensinn nie nehmen lassen. Ich bin stur, ich kenne keine Prinzipien, ich habe nur gute Nerven.

Sie haben schon in jungen Jahren die Konsequenzen für Ihre rebellische Haltung tragen müssen, waren wiederholt in Gefängnissen und im damals berüchtigten Kaschtschenko-Spital in Moskau interniert...

Bei mir ging alles immer sehr früh los und sehr schnell. Mit fünfzehn Jahren habe ich die Schule verlassen und mich in verschiedenen Berufen versucht. Ich habe meine Jobs bestimmt mehr als fünfzehnmal gewechselt. Ich war ein „Drifter“, ein zielloser Herumtreiber, aber alles war nur deshalb so kurzlebig, weil mich alle Beschäftigungen entsetzlich langweilten – bis auf das Schreiben. Nicht nur die russische, jede Gesellschaft der Welt würde einen Streuner wie mich ächten. Mit achtzehn oder neunzehn Jahren fing ich dann an zu schreiben, nichts Ernstes oder Weltbewegendes, allerdings wurden meine Gedichte erstaunlich schnell bekannt. Die Menschen tippten sie ab, kopierten sie und tauschten sie miteinander aus, die Zirkulation im Untergrund funktionierte. So war ich in meiner Heimatstadt Leningrad schon mit 21 Jahren ziemlich berühmt. Leningrad ist zwar eine kleine Stadt, aber immerhin größer als Hamburg. Ich mag Städte, die an der See liegen, und ich könnte mir vielleicht sogar vorstellen, in einer Hafenstadt wie Hamburg leben zu können. In Leningrad gab es damals jedenfalls eine sehr aktive literarische Gemeinde.

Mit neunzehn Jahren kam ich zum ersten Mal ins Gefängnis, mit einundzwanzig sperrte man mich wieder ein, und mit fünfundzwanzig Jahren wurde ich dann zu fünf Jahren Zwangsarbeit verurteilt. Der Prozeß zog auch im Westen eine große Publizität nach sich, und durch ihn wurde ich auch außerhalb Rußlands mehr oder weniger berühmt. Irgendjemand hat darüber einmal eine scherzhafte Bemerkung gemacht. Er unterstellte mir, ich hätte einen Agenten angeheuert, um mich bewußt spektakulär auf ein erfolgreiches Leben als Schriftsteller vorzubereiten ...

Das hört sich ziemlich bösartig an ...