Michael von Poser:

„Ein Winter in Edinburg“, Roman

Nun gut. Das soll vorkommen: Ein Mann, nicht mehr jung und noch lange nicht alt, verläßt sein Land, um anderweitig zu überwintern. Das muß im Prinzip der Rede nicht wert sein, aber wenn dieser Mann, wie es im Klappentext des dazugehörigen Buches schon drohend vermerkt wird, „ein deutscher Dozent für Literatur“ ist, dann kann es bei der (ohnehin sehr entbehrlichen) Beschreibung einer solchen Winterreise womöglich nur wortreich zugehen und germanistisch-germanisch-grübel-bemüht. Michael von Posers Roman „Ein Winter in Edinburg“ (Hoffmann und Campe, Hamburg 1987; 208 S., 24,– DM) versucht denn auch, die entsprechenden Erwartungen wahr werden zu lassen. Der von ihm nach Edinburg entsandte Dozent (dem Autor und seinen Erfahrungen wohl gnadenlos nachempfunden) ist leider – und das macht das von ihm zu Papier Gegebene letztlich so ungenießbar – ein ganz und gar bierernster Geselle. Er kommt uns entgegen wie Dr. Sod, der legendäre Entdecker des gleichnamigen Brennens; umstandslos paßt er sich dem schottischen Winterherbst an, streift durch fast menschenleere Straßen, erkundet mit traurig-wissendem Herzen die steingewordenen Umgebungen und traktiert den Leser mit verhalten-wehleidigen Reflexionen, die nicht mehr sind als intellektuell gestählte Schlechtwettergedanken, wie sie uns allen immer wieder zusetzen, ehe sie, schnell, aber sicher, in gnädige Vergessenheit geraten. „Der Winter unterscheidet sich anfangs nicht stark vom Herbst“, weiß der Autor zu berichten. „Neue Zustände kündigen sich durch ein grundloses, täuschendes Wohlbehagen an. Das Behagen kommt und geht, manchmal ist es in den Füßen, manchmal im Bauch, nur selten im ganzen Körper“ – und, müssen wir hinzufügen, noch seltener geht das Behagen von einem Buch aus wie diesem, das anscheinend nur für einen einzigen abgehärteten Winter-Leser geschrieben wurde: den Schriftsteller Michael von Poser. Otto A. Böhmer

Friedrich Georg Jünger: „Sämtliche Gedichte“

Zwiespältig ist der Eindruck, den die Lyrik von Friedrich Georg Jünger (1898-1977) bis heute hervorruft. Mit dem Erscheinen des dritten Bandes der „Sämtlichen Gedichte“ ist nun auch die Werkausgabe bei Klett-Cotta (zus. 647 S., 144,– DM) abgeschlossen. Hat diese klassizistische Lyrik eine Überlebenschance? Jünger, der auch eine vielbeachtete Übersetzung von Homers „Odyssee“ vorlegte, hat vollendete Hexameter geschrieben. Schon die „Gedichte“, mit denen der Sechsunddreißigjährige 1934 debütierte, enthalten Hymnen, die neben den Vorbildern der griechischen Antike die penible Schulung an Hölderlin, Rilke und Stefan George verraten. Aber diese Dichtung hat – bis zu den letzten Texten des Spätwerks und des Nachlasses – niemals den Stehkragen abgelegt. Sie ist ein Fossil: makellos und tot. Das Gedicht „Der Adler“, geschrieben 1960 und im Nachlaß veröffentlicht, schließt mit der Sentenz: „Güte ist das Kleinod/ Des Härtesten./Nimm dies Wort von mir an:/ Traue dem Weichen nicht.“ Das Gedicht ist titelgleich mit einem Text in Jüngers erstem Lyrikband, einer Ballade von der Flucht des Herrentieres, das seinen Wärter blendet: „Er rief mir zu: So lohnst du mir,/Daß ich dir Nahrung gab./Ich aber schwang mich hoch hinauf/Und laut rief ich hinab :/Die Adler lohnen anders nicht/Des Käfigs Schmach. /Für Futter danket nicht, wer frei/Der Beute jaget nach.“ Das Beispiel zeigt, wie hinter der Formstarre ein Problem des Denkens steht: eine gewisse Unbelehrbarkeit. Vielleicht wird man sich an Jüngers Hexameter, Trochäen und sapphische Strophen einmal so erinnern wie an Platens Sonette. Aber ich fürchte, dazu wurden sie zu spät geschrieben. Widmar Puhl